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Stormarner Tageblatt

03. Dezember 2016 | 20:51 Uhr

Das Mitfühl-Projekt : Flüchtling – für einen Tag

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Reinfeld: Jugendliche schlüpfen in die Rolle eines Asylbewerbers und erleben alle Stationen ab Grenzübertritt

Rafi Taghizadeh ist 48 Jahre alt und stammt aus der Stadt Sar Maschhad im Iran. Er ist Künstler, seine Muttersprache ist Farsi. In seinem Heimatland wurde er verfolgt. Allein kam er auf gefährlichen Fluchtwegen über die Grenze nach Deutschland und stellt jetzt einen Asylantrag. An der Grenze wird sein Pass kontrolliert. „Wie heißen Sie?“, „Aus welchem Land kommen Sie?“, „Warum beantragen Sie Asyl?“ und „Haben Sie Familie in Ihrem Heimatland?“ Zahlreiche Fragen muss Rafi Taghizadeh beantworten, bevor er einen Flüchtlingsausweis mit seinem Passfoto in Händen hält. Weiter geht es in die Erstaufnahmeeinrichtung. Dort wird er nach seinem Fluchtgrund, seiner Asylroute und der Asylentscheidung befragt.

Der Flüchtling aus dem Iran heißt nicht wirklich Rafi Taghizadeh, sondern Nick, ist t zwölf Jahre alt und Teilnehmer des Projektes der diakonischen Flüchtlings-Sozialarbeit im Rahmen des Reinfelder Ferienpassprogramms „Flüchtling für einen Tag“.

„Ich interessiere mich sehr für das Thema und wollte selbst einmal erleben, wie es ist, hier bei uns als Fremder anzukommen“, sagt der Schüler aus Reinfeld. Deshalb schlüpft er in die Rolle des Iraners. Anhand eines vorbereiteten Papiers erfährt Nick nicht nur vieles über das Herkunftsland des Flüchtlings, sondern auch über sein Leben, seine Familie und seine Flucht. „Das ist schon beeindruckend. Wir können uns gar nicht richtig vorstellen, wie die Flüchtlinge sich wirklich fühlen“, sagt er. Tag und Nacht mit vielen unbekannten Menschen in einer Massenunterkunft zu leben, oft traumatisiert und immer in der Hoffnung, dass der Asylantrag nicht abgelehnt wird.

„Wo sind meine Kinder?“, fragt eine verzweifelte Afghanin namens Nuria Mechta die Heimleiterin der Notunterkunft. Sie spricht Dari und ein paar Brocken Deutsch. Ihr Mann wurde entführt. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört. Aus Angst vor Plünderungen ist sie über den Iran geflohen. Durchaus kein Einzelfall und eine von vielen Fluchtgeschichten, erklärt Projektleiter Udo Reichle-Röber von der diakonischen Flüchtlings-Sozialarbeit Nordstormarn. „Wie lange müssen wir hier bleiben?“, will eine andere Frau wissen. „Morgen früh müssen sie sich bei der Ausländerbehörde melden“, sagt Leiterin Adelina Brukaj in möglichst strengem Ton in ihrer Sprache. Ihre Tochter übersetzt ins Deutsche. Adelina ist tatsächlich Flüchtling und engagiert sich im Projekt. Dabei hat sie ganz andere Sorgen: Bereits in wenigen Tagen werden sie und ihre Familie nach Albanien abgeschoben. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. „Wir Albaner haben hier keine Chance auf Asyl“, sagt Adelina, die seit einem Jahr in Reinfeld lebt.

Ein langer Weg ist es bis zum Integrationskurs. Davon können Omran und Habs, Flüchtlinge aus Syrien, ein Lied singen. Sie warten schon fast zwei Jahre auf einen Deutschkurs und begleiten mit Udo Reichle-Röber die Teilnehmer des Live-Rollenspiels durch das gesamte „Asylverfahren“. Sie können den Jugendlichen aus eigener Erfahrung erzählen, wie Flüchtlinge sich fühlen, was sie tagtäglich erleben. Omran leitet den Deutschkurs in der Alten Schule und bringt Teilnehmern einfache Wörter auf Arabisch bei. „Das ist eigentlich eine ganz einfache Sprache“, meint er mit einem Augenzwinkern und gibt den Jugendlichen eine kleine Kostprobe, wie schwer es ist, eine fremde Spache zu lernen. „Viele Asylbewerber haben keine Ausbildung, kein Zertifikat, können nicht Englisch. Da ist es schwer, in Deutschland Fuß zu fassen“, sagt er auf Englisch. Habs erzählt den Teilnehmern, was Guten Tag, Danke, Papier oder Wasser auf Arabisch bedeuten. Die Teilnehmer schreiben eifrig mit. Doch plötzlich stürmen zwei Männer in den Raum und verlangen die Ausweispapiere zweier „Flüchtlinge“. Sie werden aus dem Raum geführt und befragt. „Das passiert tatsächlich oft, dass die Polizei die Papiere überprüft“, erklärt Omran den erschrockenen Teilnehmern.

Am Ende des langen Weges der Flüchtlinge stehe immer die Frage: Anerkennung oder Ablehnung, so Reichle-Röber. Durch das Projekt „The Refugees Experience“ könnten die Teilnehmer hautnah erleben, wie ein Asylverfahren ab Grenzübertritt bis zur endgültigen Entscheidung ablaufe. „Ich hätte nie gedacht, dass das alles so kompliziert ist und so lange dauert. Mir tun die armen Menschen wirklich leid“, zieht Nick alias Rafi Taghizadeh am Ende eines langen Vormittages in der Alten Schule Bilanz. Er hat Glück. Am Ende wird sein Asylantrag anerkannt. Er darf in Deutschland bleiben - mit ihm die iranischen Asylberwerber. Anders ergeht es der Hälfte der Flüchtlinge aus Afghanistan. Asylbewerber aus Bosnien-Herzegowina werden alle abgelehnt. Reichle-Röber: „Das zeigt ein realistisches Bild: Flüchtlinge aus Osteuropa haben keine Chance auf Asyl.“

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erstellt am 11.Aug.2016 | 06:00 Uhr

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