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Stormarner Tageblatt

07. Dezember 2016 | 21:23 Uhr

Bad Oldesloe : „Flappi“ ist der Boss im Becken

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Stallmeisterin Janine von der Gathen sorgt dafür, dass es den 90 Tieren im Zirkus Knie gut geht. Laura Pedersen kümmert sich um ihre Seelöwen selber.

Mit wachsamem Blick schauen sie über die Kante und lassen mal keck eine kleine Welle über den Beckenrand schwappen – „Flavio“ und „Flappi“ entgeht nichts, was Frauchen da so auf der anderen Seite macht. Die beiden patagonischen Seelöwen in der Nummer von Laura und William Pedersen sind die Stars im Programm vom Zirkus Charles Knie. Vier Vorstellungen von „Euphorie“ (wir berichteten) stehen am Wochenende an.

„Mein Opa hat bis zu seinem letzten Tag im Zirkus gearbeitet, so wird es mein Vater tun und ich auch. Ich werde Kinder kriegen und es so an sie weitergeben“, erzählt Laura Pedersen als gäbe es keine Alternative. Sie ist Zirkus-Frau durch und durch. Sie ist im Zirkus aufgewachsen. Die Schulbücher wurden ihr in den Caravan geschickt, später gab es den Unterrichtsstoff per Internet, was das Lernen einfacher machte. Mit 16 hätten ihre Eltern sie gefragt, ob sie weiter lernen wollte ... für die 25-Jährige keine schwierige Entscheidung. Sie wollte in die Manege. Darauf hat sie seit ihrer Kindheit hingearbeitet.

Der Großvater hatte bereits eine Seelöwen-Nummer. Er war halb Däne, halb Franzose. Das Dänische war in der Kommunikation mit den Tieren zu rauh, Französisch aber eine zu weiche Sprache, deshalb wird mit den Seelöwen Englisch gesprochen. „Flappi“ kam im Zirkus zur Welt. Da war Laura neun Jahre alt. „Seitdem arbeiten wir zusammen“, erzählt sie, korrigiert sich aber gleich wieder: „Arbeiten? Wir sind zusammen aufgewachsen, wir haben zusammen gespielt. Wir sind beste Freunde.“    „Flappis“ Sohn „Flavio“ taucht aus dem großen Becken auf und beißt Laura Pedersen vorsichtig in die Hand. Die quietscht vor Vergnügen. „Er will mich ins Becken ziehen, aber das Wasser ist mir noch zu kalt“, sagt sie. Überhaupt sei „Flavio“ momentan nicht zu gebrauchen: „Trouble Age“, nennt sie die Seelöwen-Pubertät.

120  000 Liter Frischwasser wurden in das große Becken gepumpt. Das braucht seine Zeit. „Der Druck hier in Oldesloe ist nicht besonders hoch. Das hat sechs Stunden gedauert“, erzählt die Französin. Da passt es, dass die Seelöwen Langschläfer sind. Da durften sie den Vormittag auf der faulen Haut in ihrem Wagen liegen bleiben. Dessen Innenbecken fasst auch noch mal 80  000 Liter. Eine automatische Aufbereitungsanlage bringt ph-Wert und Salzgehalt des Wassers auf das Seelöwen-Optimum.

Morgens um 8 Uhr beginnt der Tag für die Pedersen-Familie. Die Seelöwen werden geweckt und vom Wagen ins Außenbecken gescheucht. Da gibt es Frühstück. 65 Kilo Fisch vertilgen die Burschen täglich. Über Nacht werden die Tiere eingeschlossen. Man wisse ja nicht, ob nicht jemand was ins Becken werfe. Wagen reinigen, Wasser wechseln – erst danach gibt es für Laura und ihren Mann William Frühstück.

An normalen Vormittagen wird dann mit den Tieren gearbeitet. Das ist es wieder. Arbeit. „Es ist kein Training, es ist Spiel!“, stellt Laura Pedersen klar: „Flappi wiegt 400 Kilo – den kann ich nur bitten vielleicht etwas zu tun. Er muss das Gefühl haben, geliebt zu werden. Dafür brauchst du Leidenschaft.“ Diese Leidenschaft hat auch Auswirkungen aufs Private. Seit vier Jahren sind Laura und William Pedersen verheiratet. Auch er ist Zirkusmensch, hatte eine Löwennummer. Laura Pedersen: „Ich habe ihm gesagt, entweder kommst du mit mir oder gehst mit deinen Löwen.“ Er entschied sich für Laura und ihre Seelöwen. Zwei Jahre dauerte es, bis sie ihn an ihrer Seite in der Show akzeptierten.

Gestern Morgen um 5 Uhr war die Nacht für Janine von der Gathen zu Ende. Als eine der ersten muss die Stallmeisterin auf neuen Plätzen ran. Der Aufbau beginnt nicht mit dem großen Chapiteau, sondern den Ställen. Das Tierwohl steht an erster Stelle. Saubermachen, Füttern, in Bewegung halten, Janine von der Gathens Job ist abseits der Manege. Bei Vorstellungen kommt sie an den Rand, achtet darauf, dass alles glatt läuft und nimmt ihre Schützlinge im Empfang. Die 30-Jährige ist im Zirkus geboren und aufgewachsen. „Ich habe mich immer für Tiere interessiert, bin pferdeverrückt und war immer im Stall anzutreffen“, erzählt sie. Zwei Jahre habe sie versucht, ohne Zirkus klar zu kommen. Nein, das war nichts. Wenn es sich ergeben sollte, würde es sich auch in die Manege ziehen, doch danach sieht es momentan nicht aus.

Für Kritik an der Tierhaltung im Zirkus hat sie kein Verständnis. „Wir tun hier alles für unsere Tiere“, versichert sie: „Die kommen nicht aus freier Wildbahn, sondern sind im Zirkus geboren. Die könnten in Freiheit gar nicht überleben.“ In jeder Stadt werde der Zirkus von Tierärzten kontrolliert – keine Beanstandungen. Ob Pferd Lama oder Longhorn-Rind – alle der rund 90 Tiere machen einen gepflegten, wohlgenährten und zufriedenen Eindruck, sie kommen sofort, wenn Janine von der Gathen am Zaun steht. Sie macht sich Sorgen um ihre Zukunft. „Man muss sich immer rechtfertigen, wird diskriminiert und beschimpft. Es macht mich traurig, dass alle über einen Kamm geschoren werden“, bedauert die 30-Jährige. Ein Leben ohne Zirkus bleibt für sie unvorstellbar.

Am 17. und 18. September gastiert der Zirkus in Bad Oldesloe. Sonnabend werden um 16 und 19.30 Uhr Shows auf dem Exer geboten, Sonntag um 11 und 16 Uhr.

 

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23-2176993_Bad Oldesloe_Andreas_Olbertz_Redakteur.JPG von
erstellt am 17.Sep.2016 | 08:00 Uhr

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