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Stormarner Tageblatt

09. Dezember 2016 | 16:33 Uhr

„Er hört Stimmen und gerät in Anspannungssituationen“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Immer wieder hat André D. zugeschlagen, beleidigt oder gedroht und Diebstähle begangen – warum?

Nicht weniger als 23 Anklagen werden gegen André D. (Name geändert) verhandelt. Die Staatsanwältin benötigt 45 Minuten, um die Vorwürfe vorzulesen. Dabei hat sie schon neun weitere Anklagen fallen gelassen. Immer wieder hat André D. danach zugeschlagen, beleidigt oder gedroht und Diebstähle begangen – innerhalb eines Jahres. Der 21-Jährige wird mit Hand- und Fußfesseln vorgeführt. Er lebt seit einiger Zeit in der geschlossenen Psychiatrie in Neustadt. Ein Richter hat die Unterbringung des Bad Oldesloers dort angeordnet. Jetzt muss er sich vor dem Schöffengericht in Ahrensburg verantworten. Er werde sich erst später äußern, erklärt sein Anwalt. Hin und wieder lächelt er seine Mutter im Zuschauerraum an. Zwölf Zeugen sagen an diesem Tag aus, vier weitere Aussagen werden vom Vorsitzenden Richter verlesen.

Warum er immer wieder zugeschlagen hat, bleibt am ersten Verhandlungstag noch unklar. Die Sachverständige erklärt es mit paranoider Schizophrenie: „Er hört Stimmen und gerät dadurch in Anspannungssituationen und ist durch seine Krankheit erheblich eingeschränkt.“ Auch sei André D. medikamentös trotz hoher Dosierung noch nicht gut eingestellt. „Er hat halluzinatorische Symptome.“ Die Anklageschrift habe er aber verstanden. Sein Anwalt hingegen zweifelt die Verhandlungsfähigkeit an: „Es ist völlig realitätsfern, was er von sich gibt.“

Bei den Taten war auch mehrfach ein Messer im Spiel. André D. setzte es zwar nicht ein, hielt es aber drohend in der Hand. Fall 22 zum Beispiel: „Er rempelte uns an und drängte sich zwischen meiner Tochter und mir durch, obwohl es genug Platz gab“, sagt eine 56-jährige Managerin aus. Beide wollten im Wandsbek-Quarree einkaufen. Sie fragte ihn daraufhin, wie er denn drauf sei. „Da drehte er sich um und kam bedrohlich auf mich zu. Er hielt mir ein Messer vor das Gesicht und hatte einen seltsamen Gesichtsausdruck.“ Sie habe an Drogen gedacht oder dass der junge Mann nicht ganz normal sei. Trotz ihrer Angst fotografierte sie ihn und verfolgte ihn in angemessenem Abstand. Ihre Tochter hatte inzwischen die Polizei gerufen, die überwältigte André D. auf einer Empore des Kaufhauses.

Am Bahnhof Bad Oldesloe warf er einer 14-Jährigen eine Getränkedose gegen den Kopf und traf ihr Auge. „Er kam auf unsere Gruppe zu, ich bat ihn zu gehen. Daraufhin habe André D. nur gelacht und unpassende, provokante Kommentare abgegeben, dann flog die Dose. Sie habe ihn zuvor beleidigt, gibt die Zeugin zu.

In einem Hamburger Kaufhaus hatte André D. versucht, eine teure Marken-Jeans zu stehlen. „Durch einen Spalt habe ich gesehen, wie er in der Umkleidekabine das Sicherungsetikett herausschnitt“, sagt der Hausdetektiv aus. Das Messer habe er André D. aus der Hand geschlagen. Ich hatte den Eindruck, er wusste was er tat.“ Eine 22-Jährige verfolgte der Angeklagte in Bad Oldesloe vom Bahnhof bis zum Inihaus. „Er hat mich angerempelt und lallte nur. Ich habe kein Wort verstanden.“ Später habe sie gehört „ich will dich umbringen, weil du mich nervst.“ Sie habe Todesangst gehabt. Auf dem Heimweg von einer fröhlichen Feier traf eine Gruppe auf André D. in der Regionalbahn. „Er ging auf meinen Kumpel zu und hatte ein Küchenmesser in der Hand“, sagt ein Elektrotechnik-Ingenieur aus. André D. habe konfus gewirkt. Sie drückten den Nothalteknopf und André D. wurde von der Polizei festgenommen.

Im Bad Oldesloer Kurpark soll André D. eine alte Dame geschlagen haben, die dort mit dem Gehwagen unterwegs war. „Er sei von ihr angerempelt worden, hat er uns gesagt“, so ein Polizeibeamter als Zeuge. Der Angeklagte sei ihm wegen seiner psychischen Erkrankung bereits bekannt gewesen. Er habe sich bei der Befragung aber normal verhalten. „Auffällig war, wie sehr er vollkommen von seiner Version der Geschichte überzeugt war“, sagt der Beamte. Freunde scheint der Angeklagte nicht zu haben. Und das ist vielleicht eine Ursache. Er hatte öfter Kontakt zu Jugendlichen gesucht und war abgewiesen worden. „Wir wollten nichts mit ihm zu tun haben, aber er kam immer wieder an“, sagt ein 15-Jähriger aus. Auch ihm hatte André D. ein Messer gezeigt, das hatte aber wenig Eindruck gemacht. Sein Freund und er verfolgten den Angeklagten bis zu seiner Wohnung. Sie stellten ihn dort zur Rede und erstatteten Anzeige.


>Termine: Für die Verhandlung sind drei weitere Termine angesetzt, mit einem Urteil ist erst am 22. Dezember zu rechnen.




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