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Stormarner Tageblatt

04. Dezember 2016 | 15:19 Uhr

Reinbek : Die Jungs freuen sich auf Fußball

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das ist ein einmaliges Projekt: Die DaZ-Klasse von Sarah Walzberger in der Grundschule Mühlenredder arbeitet mit dem Stormarner Tageblatt im Unterricht.

Als Kind hat Sarah Walzberger kein Arabisch gelernt, obwohl ihr Vater aus Syrien stammt, hier Medizin studierte und als Arzt arbeitete. Jetzt könnte sie es gut gebrauchen. Die 45-Jährige unterrichtet seit drei Jahren die DaZ-Klasse an der Reinbeker Grundschule Mühlenredder.

„Als ich aus der Elternzeit zurückkehrte, hat man mich gefragt, ob ich die DaZ-Klasse übernehmen wollte“, sagt die Pädagogin. Es war eine Herausforderung, weil es Kinder von sechs bis zehn Jahren, sehr unterschiedlichen Bildungsständen, Vorgeschichten und Problemlagen sind. „Hier ballt sich all das, was es sonst auch in der Schule gibt, aber ich bin mittlerweile richtig drin“, sagt die Reinbekerin.

Im Winter waren es über 30 Kinder in einer Gruppe, dabei gibt es schon zwei Gruppen an der Grundschule. Die meisten kommen aus Syrien, einige aus Afghanistan, auch Serbien, Polen, Rumänien und Spanien sind vertreten. „Deutsch als Zweitsprache gilt für alle, die hierher kommen und die Sprache nicht können“, sagt Sarah Walzberger.

Zurzeit sind 14 Kinder zwischen acht und elf Jahren in ihrer Gruppe, von denen einige neu sind, andere können nach gut einem halben Jahr schon lesen, sogar schon Zeitung. Mohammad kam im November mit seiner Familie aus Afghanistan nach Reinbek. Er interessiert sich vor allem für Fußball, spielt in der TSV Reinbek und sagt: „Ich möchte ein Probetraining bei St. Pauli oder dem HSV machen.“ Die Berichterstattung des Stormarner Tageblatts über die EM ist für die meisten Jungs ein gefundenes Fressen.

„Willkommen in Schleswig-Holstein“ heißt ein Projekt der Verlage sh:z und A. Beig, bei dem DaZ-Klassen Arbeitshefte und die Tageszeitung erhalten, um die Integration und das Erlernen der deutschen Sprache zu fördern. „Da ist immer irgendwas, das großes Interesse bei den Kindern weckt und sie zu einem Gespräch bringt. Vieles ergibt sich das natürlich über die Bilder“, sagt Sarah Walzberger.

Zum Beispiel das Seite-1-Foto mit dem Erzbischof, der Walross Raisa bei Hagenbeck segnete. „Das war ein toller Zufall. Wir waren in der vergangenen Woche im Tierpark Hagenbeck“, sagt Sarah Walzberger, „die Kinder kannten sowas gar nicht, hatten auch noch nie einen Elefanten gesehen, und waren begeistert.“ Und an das Walross erinnerten sie sich natürlich ebenfalls.

Nur zu erklären, was ein Erzbischof ist und was er dort macht, war nicht einfach. Aber zum Glück war Dunja El Hashem da, um zu übersetzen. Sie kommt drei mal in der Woche für eine Stunden in den DaZ-Unterricht. „Ich hatte angerufen und gefragt, ob man jemanden braucht“, sagt die Witzhaverin, die zweimal in der Woche auch in der Mühlau-Schule in Trittau ist: „Man hilft wo man kann.“

Das gilt auch für Gudrun Schmidt, die 1970 als Lehrerin an der Schule im Mühlenredder begonnen hatte und nun als Pensionärin einmal in der Woche aushilft. Wie auch Katrin Tiedemann: „Ich habe Spaß daran, und es gibt einem ganz viel. Man sieht jede Woche Fortschritte“, sagt die Reiseverkehrskauffrau: „Ich bin auch eine Mutter fußballverrückter Jungs.“

Ein Tisch im DaZ-Raum ist voll mit Fußballbildern, die die Kinder aus der Zeitung ausgeschnitten haben. „Es gab vor kurzem die Seiten mit den Fußball-Handpuppen zum Basteln. Davon waren alle ganz begeistert“, sagt Sarah Walzberger. Ihr Unterricht beginnt immer mit einer Runde, in der die Kinder erzählen, was sie am Vortag gemacht haben. Anschließend wird mit dem Heft gearbeitet. „Meistens fragen die Kindern dann schon, wann sie die Zeitung haben können. Und viele nehmen sie auch mit nach Hause, um sie ihren Eltern zu zeigen“, so die Lehrerin.

So lesen wie Mohammad können die wenigsten nach sieben Monaten. „Es hängt ganz stark ab, mit welcher Vorbildung die Kinder zu uns kommen. Wenn sie schon in ihrer Heimat lesen und schreiben gelernt haben, geht es sehr schnell. Wer überhaupt noch nicht zur Schule gegangen ist, muss aber erstmal alphabetisiert werden.“

Und sozialisiert: „Bei uns erleben viele zum ersten Mal Strukturen in ihrem Alltag. Die Schule gibt ihnen Verlässlichkeit und Sicherheit und wird das Wichtigste in ihrem Leben“, sagt Sarah Walzberger, „mir bereitet es Freude, wenn ich sehe, wie wichtig ich ihnen in dem einen Jahr geworden bin. Und ich erfahre viel Dankbarkeit.“

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erstellt am 07.Jul.2016 | 06:00 Uhr

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