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Stormarner Tageblatt

05. Dezember 2016 | 17:47 Uhr

Die automobile Wendezeit

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Bei Wulf Gaertner Autoparts AG bereitet man sich auf die Ablösung des Verbrennungsmotors vor

Ein leichter Tritt aufs Gaspedel und schon schießt der Wagen mit scheinbar unbändiger Kraft lautlos nach vorne. Auch wenn man es schon x-Mal gelesen hat, ist es doch etwas anderes, es selbst mal auszuprobieren. Die kurze Probefahrt in einem Tesla war denn auch nur das Appetithäppchen, mit dem man Hunger auf Elektromobilität bekommen sollte.

Erfolgreich ist die emovum GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Wulf Gaertner Autoparts AG, vor allem mit umgebauten Fiat Ducatos, in denen Dieselaggregate und Elektromotoren nebst Akkus eingebaut werden. Emovum ist erst ein Jahr alt. Das Mutterunternehmen im Rahlstedter Merkurpark, der um das erste Hamburger-Stormarner Gewerbegebiet erweitert werden soll, hatte zwei Jahre eine Projektgruppe an E-Mobilität basteln lassen, die weltweit die Pioniere der Branche, Forschungseinrichtungen und Entwicklungsabteilungen großer Automultis besuchte.

Parallel zur emovum gründete die Wulf Gaertner Autoparts AG das Institut für Automobiltechnik und Elektromobilität, eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung mit Ingenieuren und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen. „Wir haben den ersten Meilenstein erreicht und sind heute dort, wo andere noch hinwollen“, sagt Vorstandsmitglied Michael Knopf. Von einem wirtschaftlichen Erfolg wollte er noch nicht sprechen. „Wir gehen aber davon aus, dass unser Mut belohnt wird.“ Genau darum ging es bei der Veranstaltung der Innovationsoffensive für Mittelstand und Gründer der Friedrich-Naumann-Stiftung zusammen mit dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW).

„Wir brauchen wieder den Gründergeist“, so der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner, der zum Thema „Innovation ist der Rohstoff der Zukunft“ sprechen sollte. Seine fünf Thesen: Es braucht eine bessere Bildungs-, mehr Entscheidungsfreiheit und weniger Bürokratismus, Ausbau der digitalen Infrastruktur, Steuersenkungen und mehr Risikokapital sowie eine andere Mentalität: „Man muss Innovation auch wollen, statt immer gegen alles zu sein.“ Bei der Frage, ob wir in Zukunft alle elektrisch fahren, wollte sich der Politiker nicht festlegen. Reichweite, Preis und Technologien wie Erdgas und Wasserstoff – niemand könne vorhersagen, was sich durchsetzt.

Genau das nahm aber Andreas Pfeffer für sich in Anspruch, Geschäftsführer von emovum, der seine Karriere bei der Johann Friedrich Behrens AG in Ahrensburg begonnen hatte. „Es wird ein Wunder geschehen“, hieß der Vortrag des Ingenieurs, dessen Glaube aber auf physikalisch-technischen Grundsätzen fußt. So wie das Automobil vor 100 Jahren binnen kurzer Zeit das Pferdefuhrwerk ablöste, werde der Elektro- den Verbrennungsmotor ersetzen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Der Wirkungsgrad von Benzin- und Dieselmotoren kann allenfalls noch marginal „auf 18,5 Prozent“ gesteigert werden, gleichzeitig wird die Technik nicht nur durch die Abgasbehandlung immer komplizierter.

Der einzige Sinn eines modernen Neun-Gang-Getriebes liege darin, die Drehzahl des Motors in einem Bereich zu halten, in dem die geringsten Abgase entstehen. „So ein Getriebe hat heute 2600 bewegliche Teile. Dagegen war die Technik der Apollo 13 primitiv“, sagt Pfeffer. Die Verbrennungsmotoren seien am Ende ihres Zyklus angekommen, die Entwicklung der Akkus erreiche gerade den Wendepunkt, wo die Nutzung schon wirtschaftlich ist und die Technik immer schneller besser wird. Für Solarkollektoren gilt das ohnehin. „Die Stromerzeugung mit Solarzellen ist heute bereits kostengünstiger als das Einspeisen des Stroms ins Netz“, so Pfeffer. Und in der Forschung gebe es bereits Solar-Zellen mit einem Wirkungsgrad von 34 Prozent.

Elektromotoren sind ohnehin ausentwickelt. Rund 800 PS leistet der stärkste Tesla, mit dem vielleicht noch der schnellste Porsche gerade mithalten kann. Ihre Transporter und E-Fiats 500 rüstet emovum mit Motoren aus, die Linde in Gabelstapler baut. Es fehle in Deutschland nur an der Bereitschaft, sich auf E-Mobilität einzulassen, sagt Pfeffer: „Es ist immer noch leichter, zehn Millionen Euro für den HSV zu bekommen als für Elektroautos.“

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erstellt am 01.Nov.2016 | 17:54 Uhr

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