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Stormarner Tageblatt

30. Juli 2016 | 15:01 Uhr

„Sir Vival“ hat Geburtstag : Der sich in Gefahr begibt – und darin lebt

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Rüdiger Nehberg wird 80 Jahre alt: Der Überlebenskünstler aus Rausdorf berichtet über den Sinn seiner spektakulären Abenteuer.

Es geht scheinbar so einfach: Ein griffiges Stück Schmiedeeisen, ein Feuerstein, ein Fetzen eines verkohlten Einkaufsbeutels und etwas Heu. Wenn Rüdiger Nehberg dann das Eisen auf den Stein schlägt, sprühen nur so die Funken. In wenigen Sekunden glüht der verkohlte Fetzen – es ist der Zunder. Ein Laie hätte wohl eine Viertelstunde benötigt. Auf Heu gelegt und kräftig pusten, und schon hat man Feuer. In der Wildnis kann das überlebenswichtig sein, am Teich neben der alten Wassermühle in Rausdorf im Kreis Stormarn ist dies eine nette Vorführung.

Die aber beeindruckend ist: Alles klappt bei dem agilen Altmeister des Überlebenstrainings auf Anhieb. Und wenn Rüdiger Nehberg sich hinhockt, mit den Utensilien hantiert, das brennende Heu mal eben für das Foto in die Luft hält und blitzschnell wieder auf den Boden wirft, dann hat der Betrachter nicht unbedingt den Eindruck, dass es schon soweit ist: Der weltweit bekannte Survival-Experte wird heute 80 Jahre alt.

Seit mehr als 30 Jahren lebt Nehberg in Schleswig-Holstein. Eimerweise kleine Feuersteine hat er in einem Schuppen deponiert, sie kommen mit den anderen Hilfsmitteln in kleine Survival-Beutelchen zum Feuermachen, die er bei seinen vielen Vorträgen zum Verkauf anbietet.

Survival – Überleben – das bedeutet für ihn aber weit mehr als sich nur durch den Dschungel Südamerikas zu schlagen oder durch die Sahara zu quälen.

Zurück zu den vielen Steinen. „Jeder weiß, ich bin ein Steine-Freak“, sagt Nehberg. „Ich habe fast jeden hier selbst rangeschleppt.“ Er deutet auf die Teichanlage seines Zuhauses, die von dem Bach Corbek gespeist wird. Zu dem Natur-Ensemble gehören auch Feldsteine. Für den dicksten Brocken aber mussten mächtige Maschinen ran: Ein 35-Tonnen-Findling, den einst sein Nachbar, Landwirt Gerd Bockhold, gefunden hatte. „Den hab’ ich ihm geschenkt“, erinnert sich der inzwischen 75-jährige Bockhold und lacht. „Das Ding dorthin zu verfrachten – das war ’ne Riesenaufregung.“

So steht der Findling jetzt direkt am Eingang. In großen Lettern eingemeißelt: „Target“ – das englische Wort für „Ziel“.

„Target“ ist für Nehberg ebenfalls Survival – ein Kampf ums Überleben für andere: Es handelt sich um eine Menschenrechtsorganisation, die er zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Frau Annette (55) mit dem Ziel gegründet hat, den Jahrtausende alten Brauch der weiblichen Geschlechtsverstümmelung für ein und allemal zu beenden. Täglich fallen nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation 6000 Mädchen und junge Frauen dem grausamen Ritual zum Opfer – vornehmlich in den Ländern entlang der Sahelzone in Nordafrika sowie im Osten und Nordosten Afrikas. Sie leiden ein Leben lang unter den physischen und psychischen Folgen. „Ein Drittel der Frauen sterben infolge des Eingriffs“, sagt Nehberg.


„Die Afar stellten sich als lebende Schilde vor uns“


Sein Engagement hat mit seinen frühen Abenteuern zu tun. Vor mehr als 40 Jahren marschierte der Überlebenskünstler mit zwei Freunden monatelang durch die Danakilwüste in Ost-Äthiopien, freundete sich hier mit dem Volk der Afar an und erlebte die einzigartige Gastfreundschaft der Nomaden. „Sie haben mir zwei Mal das Leben gerettet“, sagt Nehberg. „Sie stellten sich als lebende Schilde vor uns.“ Der noch 79-Jährige hat eine beeindruckende Gestik – er schlägt die rechte Faust auf seinen Brustkorb. „Mit dieser Bewegung machten unsere Begleiter den Angreifern klar: ‚Das sind unsere Gäste. Ihr müsstet uns zuerst erschießen’.“

Bis heute empfinde er Dankbarkeit und zugleich Verpflichtung den Afar gegenüber. Aber ausgerechnet bei diesem Volk herrsche die schlimmste Form der weiblichen Genitalverstümmelung vor, sagt Nehberg. Wegen der islamischen Gastfreundschaft, die ihm immer noch in der Region entgegengebracht werde, könne er sich jedoch für die Mädchen und jungen Frauen einsetzen.

Er habe nicht nur einen Sultan der Afar davon überzeugen können, den unmenschlichen Brauch zu untersagen, der im Übrigen auch bei Christen zu finden ist, „aber eben zu 80 Prozent Muslimas betrifft“. Vielmehr konnte „Target“ Ende 2006 auch die obersten Islam-Gelehrten zu einer Konferenz in Kairo unter der Schirmherrschaft des Großmufti von Ägypten, Ali Gum’a, zusammenführen. Seitdem gilt die Beschneidung der weiblichen Genitalien nach islamischem Recht als verboten. Dieses Verbot wurde als „Fatwa von Kairo“ in ein „Goldenes Buch“ gefasst, das inzwischen in vielen Moscheen ausliegt.


Survival – damit andere weiterleben können


Trotzdem: „Der Brauch ist immer noch nicht komplett rückläufig“, sagt Nehberg. Seit vielen Jahren lässt er eine fahrende Krankenstation durch die Region der Afar rollen. Jetzt aber will „Target“ eine feste Krankenstation mit den Schwerpunkten Gynäkologie und Geburtshilfe in Ostäthiopien eröffnen. Mitte Juni werde die Station eingeweiht. „Frauenärzte aus ganz Deutschland unterstützen uns dabei, dort die erste medizinische Anlaufstelle für die geschundenen Frauen schaffen. Wir sind für diese Hilfe sehr dankbar“, betont Nehberg. Das Vorhaben nimmt einen sehr breiten Raum im Leben des Überlebens-Experten ein: „Es ist für mich die höchste Erfüllung“, sagt Nehberg. „Nur damit bekommen die ganzen Abenteuer überhaupt einen Sinn.“

Denn allein mit Flugblättern oder Petitionen lasse sich nicht viel bewegen – davon ist er überzeugt. „So habe ich mich drei Mal mit scheinbar idiotischen Fahrzeugen über den Atlantik nach Amerika aufgemacht“, berichtet Nehberg: im Tretboot im Jahre 1987, dann 1992 zusammen mit der Kieler Menschenrechtsaktivistin Christine Haverkamp im Bambusfloß, und 2001 noch einmal allein auf einem massiven 18 Meter langen Baumstamm. Gegen das Drehen waren beidseitig Bambusrohre angebracht. Diese Aktionen hätten stets ein Ziel verfolgt: „Auf die Bedrohung der Yanomami-Indianer und deren Lebensraum, die Urwälder in Südamerika, aufmerksam zu machen.“ Als Augenzeugen und Autoren haben Christina Haverkamp und Rüdiger Nehberg die heikle Situation der Yanomami in Brasilien weltweit publik gemacht. „Im Jahr 2000 hatten wir es geschafft“, berichtet Nehberg. Den Indianern wurde geschütztes Reservat zugestanden – auch das ist Survival.


Ein weiteres Abenteuer bleibt ein Traum


Bereits seit Ende der 60er Jahre hat sich der gelernte Bäcker und Konditor mit dem Überlebenstraining auseinandergesetzt und diesen Trend aus den USA in Deutschland bekannt gemacht. Was hierzulande möglich ist, hat er 1981 mit einem 1000-Kilometer-Marsch ohne Proviant und Ausrüstung von Hamburg nach Oberstdorf im Allgäu unter Beweis gestellt. Er lebte lediglich von dem, was Natur und Landschaft hergaben. Nach knapp vier Wochen erreichte er sein Ziel. „Ich war komplett ausgemergelt“, gibt Rüdiger Nehberg zu und zeigt ein großformatiges Foto her. Er lacht – und sagt das, was andere beim Anblick des Fotos denken: „Da war ich 46 Jahre alt, sehe aber älter aus als ich es jetzt bin.“

Dass er stets aus seinen mitunter gefährlichen Abenteuern heil herauskam, habe er auch seinem Schutzengel zu verdanken. „Das ist ein verdammt fleißiger Typ“, sagt Nehberg. Allein 26 bewaffnete Überfälle habe er überlebt. Oder auch so manche Fehleinschätzungen von Essbarem. Klar, dass die Überlebenskämpfe ihren Tribut zollen. „Alles, was krank wurde oder mich krank machte, habe ich mir rausschneiden lassen.“ Einiges davon habe er in einem Glas aufbewahrt – „als Mahnmal“.

Ein weiteres Abenteuer allerdings wird für ihn ein Traum bleiben: Eine Karawane von tausenden Pilgern, die mit ihm zusammen von der afrikanischen Atlantikküste durch die Wüste nach Mekka zieht, „und dabei hält jeder Pilger eine Fahne hoch, auf der steht: ‚Weibliche Genitalverstümmelung ist Unrecht!’.“ Die Krönung wäre, „wenn der saudische König genau das von Mekka aus verkündet“, sagt der 80-Jährige. „Aber ich bin inzwischen für einen solchen Marsch zu schwach.“ Seine Hoffnung: Dass ein anderer diese Idee in die Tat umsetzt.

Dennoch habe er keine Zeit, sich zur Ruhe zusetzen. Bei seinem Engagement sei er noch lange nicht am Ziel. „Ich werde auch mit 100 Jahren noch kein Rentner sein“, sagt Rüdiger Nehberg. Dann springt er plötzlich auf, eilt in die Küche, kramt in einer Schublade, kommt zurück und hält demonstrativ einen Esslöffel in die Kamera. „Diesen hier – den gebe ich noch lange nicht ab.“

 

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