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Stormarner Tageblatt

11. Dezember 2016 | 03:20 Uhr

PR-Lüge aus Tirol : Der Pistenraupen-Fake von Seefeld: Das Protokoll einer Recherche

vom

Eine Pistenraupe im falschen Seefeld: Die Nachricht amüsierte unsere Leser. Doch nun ist klar: Die Geschichte war erfunden.

Bad Oldesloe | Die Geschichte um die Pistenraupe, die angeblich aus Versehen statt nach Seefeld in Tirol nach Seefeld in Stormarn geliefert wurde, stimmt nicht. Der Chef des Tourismusverbandes Seefeld hat zugegeben, dass es sich um eine PR-Aktion gehandelt hat. In den vergangenen Tagen hatte er bewusst Journalisten in die Irre geführt.

Bundesweit hatten Medien über den Fall berichtet, auch shz.de. In Zeiten von Fake-News, postfaktischen Argumentationen und „Lügenpresse“-Vorwürfen legt shz.de die Recherche der involvierten Kollegen offen, um zu zeigen, wie sie in dem aktuellen Fall bewusst getäuscht wurden.

23. November 2016

Seefeld ist ein Ortsteil von Bad Oldesloe und gehört damit zum Verbreitungsgebiet des Stormarner Tageblatts. Andreas Olbertz hörte als erster in der Redaktion von der mutmaßlichen Irrfahrt der Pistenraupe. „Ich werde täglich über Google Alerts informiert, wenn Nachrichten über Bad Oldesloe im Internet veröffentlicht werden. So bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die österreichische Tageszeitung „Heute“ über die Pistenraupe und die Seefeld-Verwechselung berichtete.“ (Hier geht es zu dem Artikel) Olbertz kontaktierte daraufhin die Pressestelle der Olympiaregion Seefeld per Mail und bat um ein Interview mit Tourismuschef Elias Walser. „Ich habe außerdem nach der Oldesloerin gefragt, die angeblich das Foto an die Tourismusorganisation geschickt haben soll“, erinnert sich Olbertz.

Knapp 30 Minuten später antwortete Walser per Mail:

„Hallo Herr Olbertz, wie Sie wahrscheinlich denken können, hänge ich nur am Telefon. So wie es derzeit ausschaut, kommt das Pistengerät aber rechtzeitig am Freitag in Tirol an. Das Foto im Anhang dürfen Sie verwenden, ich erreiche die Dame gerade nicht, damit ich weiß, ob wir den Namen weitergeben dürfen. Der Fahrer wird in den Socialen Netzwerken ein bisschen beschimpft, wir werden ihn aber bei der Ankunft in Seefeld willkommen heißen, auch wenn er mit dem Pistengerät einen Umweg gemacht hat. Es ist somit das erste Pistengerät, welches in Norddeutschland war.

Beste Grüße aus Seefeld in Tirol Elias Walser“

Eine Stunde später folgt eine zweite Mail:

„Ganz schnell in Stichworten:

-Es ist unser erstes Pistengerät im Norden, die restlichen 8 baugleichen Geräte haben den Weg direkt zu uns gefunden. Wir brauchen die 8 kleinen Geräte (so wie das am Bild) für die Loipenpräparierung. Weiters haben wir noch 9 Stk. in den Skigebieten Rosshütte/ Gschwandtkopf und Birkenlift.

-Preis über EUR 200.000 (je nach Ausstattung viel mehr)

-wir haben schon ein bisschen Schnee und nächste Woche sollte es richtig kalt werden. Dann brauchen wir das Gerät unbedingt

-ich glaube der Fahrer hat einfach nur Seefeld eingegeben.“

Walser bestätigt damit den Vorfall, verschleiert aber den Namen der angeblichen Zeugin, die das Foto vom Pistenbully gemacht haben soll. Am Abend wird der erste Artikel auf shz.de veröffentlicht.

Was wir mittlerweile (Stand: 28.11.) wissen: Es gab gar keine Oldesloerin, die das Foto von der Pistenraupe an den österreichischen Tourismusverband geschickt hat. Das Bild ist im Auftrag der verantwortlichen Werbeagentur entstanden.

24. November 2016

Redakteur Andreas Olbertz hakt nach: Gibt es Neuigkeiten? Walsers Antwort: „Hallo Herr Olbertz, es war ein Tag, unglaublich. Unsere PR Agentur in Berlin wollte die Geschichte noch größer machen, aber das wollen wir nicht. In der Zukunft werden wir uns bestimmt etwas überlegen. Vielleicht laden wir den Bürgermeister mit unserem Stammgast ein, etc. Morgen am Vormittag soll die Maschine ankommen und ich hoffe, dass nichts kaputt gegangen ist.“

Was wir mittlerweile wissen: Walser lässt die Journalisten in dem Glauben, es handele sich um eine Irrfahrt.

Olbertz will aufklären, wie es zu der Panne kommen konnte. Er nimmt Kontakt zum Hersteller des Pistenbullys, Kässbohrer, in Laupheim auf. Dort verfolgt man zwar den Medienhype, lehnt sich aber entspannt zurück. Sprecherin Maria Schackert erklärt: „Damit haben wir nichts zu tun. Den Transport hat der Kunde selbst organisiert. Unser eigener Fahrer hätte das sicher gemerkt. Klar, verfährt der sich auch mal, aber nicht so weit.“

Bei der Spedition „Fohringer Spezialtransporte“ wird Olbertz abgewimmelt: „Dazu gebe ich keine Auskunft, hat mir die Frau am Telefon gesagt. Hörbar genervt. Sie schob dann nach: Probieren Sie es mal unter der Nummer ….“, erinnert sich der Journalist. Stunden später ruft Karl Royer bei Olbertz an, stellt sich als Sprecher der Spedition vor und erklärt: „Der Fahrer ist erst kurz bei uns – eine Woche.“ Vermutlich habe er Seefeld ins Navi eingegeben. „Der erste Knopf oben rechts war Seefeld/Oldesloe.“ Dann fuhr er los und fuhr und fuhr ... ohne seinen Irrtum zu bemerken. „Ich kann es nicht verstehen“, sagt Royer. Seine Recherchen veröffentlicht Olbertz in einem zweiten Artikel.

Was wir mittlerweile wissen: Karl Royer ist eigentlich Geschäftsführer der Werbeagentur „SR1“, die den PR-Coup für den Tourismusverband Seefeld initiierte. Auch Fahrer Zlatko, über dessen angeblichen Fehler sich viele lustig machten, ist nicht der, für den wir ihn hielten. Zlatko heißt in Wirklichkeit Alex Kröll und ist österreichischer Schauspieler. „Die ganze Aktion ist von Anfang an von einem Filmteam begleitet worden“, erklärt Kröll im Interview mit der Tiroler Tageszeitung.

Weitere sh:z-Reporter recherchierten am vergangenen Donnerstag zum Thema. Peter Wüst spricht in Seefeld mit dem Kommunalpolitiker Hans-Jochim Stolten: „Wir haben nicht geplant, hier Pisten einzurichten“, so der Lokalpolitiker augenzwinkernd, „auf der Pistenraupe stand die Internetadresse von Seefeld in Tirol, habe mir dann gedacht, dass hier ein Irrtum vorgekommen ist. Habe den beiden Fahrern geraten, dass sie mal das schöne Seefeld hier im Norden genießen sollen und vielleicht auch mal an die Ostsee fahren sollten, sie haben dann gelacht. Zuerst haben sie gedacht, sie wären im richtigen Seefeld“.

 

Wüst zeigt sich im Nachhinein wütend: „Wir haben mit Augenzeugen gesprochen, mit der Spedition und mit dem Tourismus-Chef. Das sind drei Quellen. Was willst du da noch mehr machen?“

25. November 2016

Die PR-Maschinerie läuft auf Hochtouren: Tourismuschef Walser hat die Kommunikation mit Redakteur Andreas Olbertz inzwischen an die Berliner PR-Agentur „bisspr“ abgegeben. PR-Beraterin Ulrike Dittmar bietet dem Journalisten exklusive Fotos von der Ankunft des Pistenbullys im „richtigen“ Seefeld an, dazu O-Töne der beiden Seefelder Bürgermeister Werner Frießer (aus Tirol) und Jörg Lembke (aus Bad Oldesloe).

Ankunft vor Bergpanorama: Der Pistenbully ist im Tiroler Seefeld unbeschädigt angekommen.
Ankunft vor dem Bergpanorama: Der Pistenbully ist im Tiroler Seefeld unbeschädigt angekommen. Foto: Olympiaregion Seefeld
 

26. November 2016

Andreas Olbertz hat immer mehr Zweifel an der Irrfahrt. In der Kolumne „Stormarner Wochenschau“ schreibt er: „Hand aufs Herz: Ist die Geschichte nicht viel zu komisch, um wahr zu sein?“ Das Problem: Olbertz hat noch keine Beweise. Es sind nur diese Ungereimtheiten, die den Redakteur ins Grübeln bringen:

  • Der Kollege mit den Anbauteilen ist längst im richtigen Seefeld angekommen. Da greift man doch mal zum Handy: „Hey Sladdy, wo bleibst du?“ „Bin in Würzburg, das dauert noch ...“ Ups, hätte da nicht jemand stutzig werden müssen?
  • Der Seefelder Hans Jochim Stolten sagt, es seien zwei Fahrer gewesen. Die Spedition dementiert, nein, nur einer. Aber wegen der einzuhaltenden Ruhezeiten habe man einen zweiten hinterhergeschickt. Ach so, alles klar. Ne, gar nicht. Wie lange braucht denn ein Ersatzfahrer von Österreich nach Bad Oldesloe? Bis dahin hätte Zlatko doch längst ausgeschlafen und kann alleine zurückfahren – so wie er hergekommen ist.

27. November 2016

Tourismuschef Elias Walser deckt die PR-Aktion selbst auf. Auf der Facebookseite der Olympiaregion Seefeld wird ein Video mit folgendem Text veröffentlicht: „Das große Märchen der kleinen Seefelder Pistenraupe \ Wie es eine kleine Pistenraupe in die große, weite Medienwelt geschafft hat. Was als Social Media Geschichte zum Schmunzeln geplant war, entwickelte sich zu einem unglaublichen Medienhit. Ein herzliches Dankeschön an alle Mitwirkenden die bis zum heutigen Tag der Geheimnislüftung durchgehalten und Stillschweigen bewahrt haben. Am Ende der Geschich‘t, bleibt ein Lächeln im Gesicht.“

Das Video ist inzwischen (Stand: 28.11.16) gelöscht worden. shz.de liegt aber noch ein Screenshot vor.

Foto: Screenshot Facebook (aufgenommen am Mittag des 28.11.16).
 

Das Video wurde wegen einer Urheberrechtsverletzung gelöscht. Für den Beitrag hatte die Werbeagentur Aufnahmen unseres Reporters Peter Wüst ohne Erlaubnis benutzt. „Ich hatte das Material auch an das ZDF verkauft“, schildert Wüst. Der Tourismusverband habe einfach das Logo entfernt und es als eigenes Bildmaterial ausgegeben. Daraufhin wurde eine Abmahnung ausgesprochen. Weitere rechtliche Schritte werden geprüft.

Auf seiner privaten Facebookseite bedankt sich Walser bei seinem Team und schreibt weiter: „Danke an die kreativste Agentur der Welt sr1.at mit dem unglaublichen Karl Royer. Danke Fohringer Transporte, der für seine Kunde alles macht! Sorry an all meine Freunde und der besten Ehefrau Madeleine Walser der Welt, denen ich erst jetzt die ganze Geschichte erzählen kann.“ Auch dieser Beitrag existiert mittlerweile nicht mehr.

Die Entrüstung ist groß. Die Deutsche Presse-Agentur zieht am Sonntagabend alle Texte zu dem Vorfall zurück und kritisiert den TVB-Chef:

28. November 2016

shz.de berichtet über die Pistenraupen-Lüge. Die erschienenen Artikel und Facebook-Beiträge wurden nicht gelöscht, sondern mit dieser Stellungnahme aktualisiert: „Update: Wie sich in der Zwischenzeit herausstellte, handelte es sich bei der Aktion um einen PR-Gag der Olympiaregion Seefeld, um Aufmerksamkeit und Medienpräsenz zu erlangen.“

Gegenüber ndr.de erklärte Walser, die PR-Aktion sei aus dem Ruder gelaufen, es tue ihm Leid. Das kann Andreas Olbertz kaum glauben: „Wenn ich auf Facebook lese ,es bleibt ein Lächeln im Gesicht' dann scheint es mit der Reue nicht weit her zu sein. Da ist jedenfalls keine Entschuldigung zu lesen.“ Olbertz hat Elias Walser und Ulrike Dittmar angemailt, um seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Bislang antwortete nur Dittmar. Sie könne den Unmut gut verstehen. Für die weitere Kommunikation müsse sie allerdings an den Tourismusverband Seefeld und die Wiener Werbeagentur SR1 verweisen.

Der österreichische Ethik-Rat für Public Relations in Wien leitete nach Beschwerden aus Deutschland ein Verfahren gegen den Tourismusverband ein, wie die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtete. Der Fall sei - auch wenn er auf den ersten Blick witzig anmute - kein Ruhmesblatt für seriöse PR, teilte der Rat in einer schriftlichen Stellungnahme mit. Er verstoße gleich in mehreren Punkten gegen den Ehrenkodex der Branche. So heiße es dort etwa in Absatz 14: „PR-Fachleute verbreiten nur Informationen, die sie im guten Glauben erhalten und nach bestem Wissen und Gewissen geprüft haben. Es ist nicht zulässig, bewusst Falschinformationen in Umlauf zu bringen.“

In einer Pressemitteilung zeigt Walser sich reumütig: „Dass einzelne Medien sich nun kritischen Stimmen ausgesetzt sehen, da sie die Geschichte aufgegriffen haben, tut mir aufrichtig leid. Wir haben den Bogen überspannt. Entschuldigen möchte ich mich auch bei unserer deutschen PR-Agentur, welche wir auch erst am Sonntag in die Aktion eingeweiht haben. Leider – denn die hätte uns hier sicher professionell beraten und Schaden abwenden können.“

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erstellt am 28.Nov.2016 | 17:08 Uhr

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