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Stormarner Tageblatt

26. September 2016 | 22:44 Uhr

Bad Oldesloe : Der Mann, der auf dem Friedhof vorweg geht

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Bodo Rahnenführer hat seit acht Jahren ein ganz besonderes Amt bei Beerdigungen auf dem Oldesloer Friedhof.

Auf dem Oldesloer Friedhof kennt sich Bodo Rahnenführer bestens aus, schließlich ist er hier fast täglich unterwegs. Allerdings nicht als Besucher oder Spaziergänger, sondern in einer ganz besonderen Funktion. Der Oldesloer ist so genannter Vorweggeher und fehlt bei keiner Beerdigung. „Wie der Name schon sagt, führt der Vorweggeher den Trauerzug gemessenen Schrittes von der Friedhofskapelle bis zur Grabstelle, der so genannten Kuhle oder Gruft, an“, erzählt Bodo Rahnenführer, der in Bad Oldesloe bekannt ist wie der sprichwörtliche „bunte Hund“.

In der Kreisstadt wuchs er auf, hier ging er zur Schule und arbeitete 33 Jahre lang als Postzusteller, bevor er in den vorzeitigen Ruhestand ging. Doch nur zu Hause sitzen war nichts für den umtriebigen Pensionär, und so kam er vor acht Jahren zu seinem außergewöhnlichen Amt auf dem Friedhof. Dieses liegt ihm sehr am Herzen und er erfüllt es nicht nur mit Herz und Seele, sondern auch mit großer Würde und Respekt. „Schon mein Vater Fritz war als Sargträger tätig. Als er starb, trug ich seine Urne zum Grab und übernahm dann auch sein Amt als Sargträger“, erzählt Bodo Rahnenführer. Doch schon zwei Jahre später streikte der Rücken und seitdem ist der 65-Jährige der Vorweggeher. Auf fast allen großen Friedhöfen gibt es dieses Amt, das eine lange Tradition hat, auch wenn man darüber so gut wie keine Informationen findet.

Bis zu 300 Beerdigungen begleitet Bodo Rahnenführer pro Jahr, auch in Rethwisch, in Tralau und auf dem katholischen Friedhof am Wendum. An fünf Tagen in der Woche ist er jeweils zwei oder mehr Stunden auf dem Friedhof unterwegs. Dass es mal keine Beerdigung gibt, ist die Ausnahme, manchmal sind es vier und mehr pro Tag. Seinen Dienst beginnt der Oldesloer im Warteraum der Friedhofskapelle, wo er einen eigenen Schrank hat, in dem seine Dienstkleidung hängt: Schwarzer Anzug, weißes Hemd und schwarze Krawatte, außerdem ein langer schwarzer Mantel, Hut und Regenschirm für schlechtes Wetter. Seine Aufgaben als Vorweggeher sind klar umrissen, jede Trauerfeier begleitet er würdevoll.

Im Vorraum erwartet er die Trauergemeinde, empfängt den Pastor und den Organisten, begrüßt Bekannte, bleibt dabei aber stets dezent im Hintergrund. „Ich zünde die Kerzen in der Kapelle an, lege Gesangbücher bereit und sorge dafür, dass wir möglichst pünktlich mit der Trauerfeier anfangen“, sagt Bodo Rahnenführer. Bis zu 160 Personen finden in der Kapelle Platz, im Abstellraum befinden sich 100 weitere Stühle, die bei Bedarf im Vorraum aufgestellt werden können, in dem sich auch Lautsprecher befinden. „Außerdem bin ich für die Beleuchtung zuständig und bediene den CD-Player, wenn Musik erwünscht ist“, sagt der Kirchenbedienstete. „Ich habe Haus- und Hofrecht auf dem Friedhof und in der Kapelle.“ Für die Trauergäste sei es von Vorteil, wenn dort jemand sei, den sie kennen. „Manchmal verteile ich auch Taschentücher, bin Seelentröster und Begleiter“, sagt Bodo Rahnenführer und holt eine kleine Fernbedienung aus der Jackettasche. Damit setzt er die so genannte Totenglocke der Friedhofskapelle in Gang, die so lange läutet, bis der Trauerzug die Grabstelle erreicht hat. Von dort aus schaltet er die Glocke per Funk wieder ab. Alles muss möglichst dezent geschehen. Doch wenn ein Trompeter am offenen Grab spielt, dann bekommt auch der Vorweggeher mal feuchte Augen. Und wenn sich junge Menschen das Leben genommen haben, dann lässt auch ihn das nicht kalt.

Vor den Beerdigungen fährt Bodo Rahnenführer mit einem elektrischen Golf-Mobil den Weg zur Grabstätte auf dem knapp 17 Hektar großen Friedhofsgelände ab. Die Wege hier sind so verschlungen, dass sich Ortsunkundige auch mal schnell verlaufen können.

Es gibt Rasen-, Stauden- und Baumgräber, Einzel- und Gemeinschaftsgrabstätten, Urnengrabfelder und Stelen. Der vor 135 Jahren eingeweihte Friedhof erinnert mit seinen rund 1000 alten Bäumen, kleinen Teichen und Hügeln an eine weitläufige Parklandschaft. Von der Friedhofskapelle aus kann so ein Fußmarsch zur Grabstätte schon mal eine Viertelstunde dauern. Und dann ist es gut, wenn der Vorweggeher den kürzesten Weg kennt. Bei Bedarf werden gehbehinderte Trauergäste mit der „E-Karre“ zur Grabstelle gefahren. Bodo Rahnenführer kennt alle frischen Gräber und kontrolliert, ob sie in korrektem Zustand und nicht etwa eingesunken sind – und auch die meisten Besucher des Friedhofs, viele sind „Stammgäste“, die zur Grabpflege kommen, einen Spaziergang mit dem Hund machen oder auf einer der vielen Bänke einfach nur sitzen und ein Buch lesen wollen. „Ich liebe die Ruhe hier“, sagt Bodo Rahnenführer, der keine Angst vor dem Tod hat, weil er für ihn zum Leben mit dazu gehört.






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erstellt am 20.Sep.2016 | 16:54 Uhr

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