zur Navigation springen

Bad Oldesloe :   Der Friedhof im Wandel der Zeit

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Uniforme Reihengräber „sterben aus“. Es gibt einen Trend geht zu Baumgräbern. Die Verwaltung will individuelle Wünsche gern ermöglichen.

Was ist denn da auf dem Oldesloer Friedhof los? Längs der Hamburger Straße und zu Hako hin fehlt ein Teil des Zaunes. In einem großen Areal ist anstelle von Gräbern nur grau-brauner Mutterboden zu sehen, aus dem langsam ein zartgrüner Grasflaum sprießt. „Ein Friedhof muss sich entwickeln, mit den Wünschen der Menschen“, erklärt Friedhofsleiter Jörg Lelke: „Baumbestattungen sind zurzeit der Hammer – ein tolles Symbol und wenig Pflege für die Angehörigen.“ Solchen Trends dürfe sich ein Friedhof nicht verschließen, sonst würden die Menschen schnell in andere Orte abwandern. Das hätte gravierende Auswirkung auf die Bilanz des Friedhofs und damit auf die Begräbniskosten. Da muss ein Friedhofsleiter durch und durch kaufmännisch denken und handeln.

In der vom Eingang aus betrachtet rechten, hinteren Ecke erlebt der Friedhof aktuell eine Umgestaltung. Ein Feld mit sogenannten „Einweggräbern“, die über die vereinbarte Laufzeit hinaus nicht verlängert werden konnten, war komplett abgelaufen. Zeit also, dort etwas zu ändern, den Friedhof zukunftsfähig aufzustellen.

Eine 40-Jährige, die an Brustkrebs gestorben ist, war die erste auf dem Oldesloer Friedhof, die eine Magnolie auf ihr Grab bekam. „Das sieht cool aus“, findet der Friedhofs-Chef. Für ihn zählen Magnolien zu den schönsten Pflanzen. Natürlich besonders im Frühjahr. Wie Gartenbauingenieur Lelke erklärt, treiben sie erst ihre großen tulpenförmigen Blüten aus – zartrosa bis hin zu lila. Erst später entwickelt sich das Blattgrün.

Auf Anraten von Jörg Lelke hat der Friedhofsausschuss innerhalb des Kirchenvorstands der Evangelischen Kirchengemeinde einem Magnolienhain zugestimmt. Den legen die Friedhofsgärtner aktuell großflächig im rückwärtigen Bereich an. Sobald der Rasen angewachsen ist, werden auch in dem Bereich, der jetzt noch so kahl wirkt, Magnolien gepflanzt.

Die ersten 20 Bäume sind bereits gepflanzt. Sie kommen gut an. „Die werden dieses Jahr noch vergeben sein“, vermutet Lelke. Viele sicherten sich schon zu Lebzeiten eine Grabstelle – zum einen, um sich einen Platz auszusuchen, der ihnen gefalle, und zum anderen, um die finanzielle Seite einer Beerdigung rechtzeitig geklärt zu haben. „Wenn man aus dem Altenheim raus kommt, ist so ein Grab meistens nicht mehr drin“, weiß Lelke aus Erfahrung. Dafür sei der Betrag, der vor dem Zugriff für die Heimkosten geschützt werde, einfach zu gering.

1881 wurde der Friedhof an der Hamburger Straße gegründet. Angelegt wie ein englischer Garten. 1921 folgte die erste Erweiterung – klarer strukturiert, gerade Wege, viele rechte Winkel. Nach dem Krieg war Oldesloes Bevölkerungszahl durch den Zuzug von Flüchtlingen regelrecht explodiert. Das hatte sich ein paar Jahrzehnte später in den Beerdigungszahlen niedergeschlagen. Deshalb wurde in den 1970er Jahren der dritte Abschnitt in Betrieb genommen. 15 Hektar ist die Anlage mittlerweile groß. Das sollte für Oldesloe auch in Zukunft reichen.

In den 80er und 90er Jahren gingen die Beerdigungszahlen runter. „Ärzteschub“ wird das in der Fachsprache genannt, weil die Lebenserwartung der Menschen stieg. „Da tut sich nicht mehr viel“, ist Lelke überzeugt: „In etwa 20 Jahren wird ein Knick kommen.“ Der Pillenknick in der Bevölkerungsentwicklung schlägt sich selbstverständlich mit einiger Verzögerung auch in den Beerdigungszahlen nieder.

Ob englischer Garten oder genormte Reihengräber – Friedhöfe unterlagen schon immer gewissen Trends. Gräber geben auch ohne Text gewisse Botschaften wieder. Für die Flüchtlingsgeneration sei das beispielsweise sehr wichtig gewesen. Lelke: „Für die war es wichtig zu zeigen: Wir sind nur mit einem Handkarren hergekommen, aber wir haben es zu etwas gebracht und können uns jetzt einen ordentlichen Stein leisten.“ Heutzutage spiele das Internet eine immer größere Rolle. „Warum soll diese Generation auf einem Friedhof trauern?“, fragt Lelke. Familien lebten nicht mehr in einer Region, junge Menschen seien viel mobiler als früher – da sinkt die Bindung an einen Ort und die Möglichkeit, sich um die Grabpflege kümmern zu können. Früher gab es zudem strenge Vorschriften, wie ein Grab auszusehen habe, was erlaubt sei und was nicht. Inzwischen gilt das Gegenteil. „Die persönliche Gestaltung ist heute freigestellt“, so der Leiter: „Der Liberalismus wird schneller und stärker zunehmen. Wir freuen uns, wenn jemand mal was Besonderes macht.“ „Ermöglichung“ heiße das Zauberwort.

Verwaltung, Gärtner, Azubi, Reinigungskräfte – zehn Personen umfasst das Team von Jörg Lelke. Sie alle müssen über die Friedhofsgebühren finanziert werden. „Wir haben die Gebühren seit zehn Jahren nicht erhöht, sondern erst bei uns gespart“, erklärt der Leiter. Zwei Stellen sind nicht besetzt. Weiteren Personalabbau hält der Ingenieur allerdings für unrealistisch. „Irgendwann sieht man es und dann kommen die Omas und beschweren sich“, sagt der 42-Jährige.

Beschwerden gibt es auch, wenn Gräber vermeintlich „geschändet“ wurden. Der Fachmann kennt das Problem und kann es erklären: Rehe! Ein Ärgernis auf dem Friedhof. Aufgrund ihrer Gebissform knabbern sie nämlich nicht, sondern rupfen – vornehmlich Blüten, die ihnen offenbar besonders gut schmecken. Das Reißen und Zerren führt dazu, dass Gräber anschließend verwüstet aussehen. Die gefräßigen Vierbeiner kommen nicht von der Hamburger Straße, sondern der anderen Seite. Das Quellental mit seinen weitläufigen Weideflächen ist nur durch das Industriegleis vom Friedhof getrennt. Ohne Zaun wäre die gepflegte Anlage dem Fraß schutzlos ausgeliefert.

Als der Zaun erneuert werden musste, macht der Friedhofsleiter Bekanntschaft mit einem anderen unangenehmen Tier: dem Amtsschimmel. Seitens der Oldesloer Stadtverwaltung wurde er darauf hingewiesen, dass kein Stacheldraht oben am Zaun mehr verwendet werden darf. Alternativ könne er den Zaun ja höher anlegen – dann sei allerdings eine Baugenehmigung notwendig und die gebe es erst, wenn er den Nachweis erbringe, dass keine Blindgänger im Boden seien. „Willkommen in Deutschland“, merkt Jörg Lelke süffisant an, „aber das haben wir glücklicherweise umsurft.“ Wie der Chef erläutert, können in jenem Bereich keine Blindgänger liegen, weil es sich um eine ehemalige Kiesgrube handele, die erst nach dem Krieg zugeschüttet wurde.

zur Startseite

23-2176993_Bad Oldesloe_Andreas_Olbertz_Redakteur.JPG von
erstellt am 16.Apr.2017 | 06:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen