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Stormarner Tageblatt

24. Mai 2016 | 11:52 Uhr

Ahrensburg : Chefs für 25 000 Mitarbeiter gesucht

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Allein in Stormarn brauchen mehr als 800 Unternehmen mit einem Umsatz von 4,4 Milliarden Euro bis 2025 eine neue Chef-Etage.

Laut Studien fehlen im Jahr 2030 rund 100  000 Fachkräfte in Schleswig-Holstein. Über dieses Problem wird viel geredet. Noch wesentlich wichtiger für die Wirtschaftssystem ist aber das Thema Unternehmensnachfolge. Dabei geht es um 220  000 Arbeitsplätze – und das bereits in den nächsten zehn Jahren.

Nach einer Studie der Kieler Beratungsfirma HWB brauchen 7000 Firmen in Schleswig-Holstein bis 2025 eine neue Chef-Etage. HWB geht davon aus, dass nur jede zweite Firma in der Familie bleiben wird. Allein in Stormarn betreffe das mehr als 800 Unternehmen mit 25  000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 4,4 Milliarden Euro. In Wirklichkeit dürften es sogar noch mehr sein, da für die Studie nur Unternehmen mit Umsätzen ab einer Million (und bis zu 200 Millionen Euro) betrachtet wurden.

Bei der IHK zu Lübeck kümmert sich Nils Thoralf Jarck, stellv. Hauptgeschäftsführer und Regionalleiter für Ahrensburg, Norderstedt und Bad Segeberg, um dieses Thema. „Die Wirtschaftleistung in Schleswig-Holstein und damit auch die Steuereinnahmen hängen ganz massiv vom Mittelstand ab“, sagt Jarck, der davon überzeugt ist, dass „die Struktur mit vielen kleinen und mittleren Betrieben die Region weniger konjunkturabhängig gemacht und für Stabilität gesorgt hat.“

„Wir führen inzwischen jährlich mehr als 200 Gespräche mit Interessenten und Unternehmern, die ihre Firma verkaufen wollen“, so Jarck. Um beide Seiten zusammenzubringen, haben die drei IHK im Land eine vertrauliche Nachfolgebörse gestartet, eine Datenbank, die von den Mitarbeitern erstellt wurde und gepflegt wird. Jarck: „Es ist ein kleiner Versuch, das Thema landesweit systematischer anzugehen. Das reicht aber noch nicht. Wir als IHK vertreten ja auch nicht alle Branchen.“

In Unternehmen schlägt der Demographie-Faktor sogar noch härter zu als in der Gesellschaft. Die Kinder – sofern vorhanden – winken oft ab und nehmen lieber das Geld. Generell nimmt auch die Bereitschaft zu einer unternehmerischen Tätigkeit weiter ab. Laut Industrie- und Handelstag konnte sich vor 15 Jahren noch fast jeder zweiter Erwerbstätige vorstellen, unternehmerisch tätig zu sein (46 Prozent). 2013 waren das nur noch 29 Prozent.

„Das allgemeine Klima ist nicht unternehmerfreundlich“, sagt IHK-Präses Friederike C. Kühn. Dazu habe der Gesetzgeber durch immer neue Vorschriften und mehr Bürokratie ein gerüttelt Maß beigetragen. Als aktuelle Beispiele nennt Kühn den Mindestlohn und die Pläne für die Erbschaftssteuer, die „für den Mittelstand existenzbedrohend sein können.“ Die Folge: „Viele gut Qualifizierte winken ab, weil sie sich das Unternehmetum nicht antun wollen, und nehmen lieber eine gut dotierte Stelle in einem Konzern an. Das ist eine ganz große Gefahr“, warnt Kühn

Zusätzlich nimmt auch das Interesse der Firmen an dem Thema ab. „Der Anteil der Unternehmen, die sich nicht mit Nachfolge befassen, ist wieder auf mehr als 50 Prozent gestiegen“, wundert sich IHK-Hauptgeschäftsführer Lars Schöning über die Ergebnisse einer Befragung im IHK-Bezirk.

Wenn es nicht gelingt, geeignete Nachfolger zu finden, droht selbst erfolgreichen Unternehmen ein Schicksal, wie es gerade Hütter-Aufzüge in Glinde erleben musste. Im Herbst 2013 wurde das 1876 gegründete Familienunternehmen an den Weltmarktführer Otis verkauft. Die Amerikaner waren aber wohl höchstens am Know-How der Firma interessiert, die sich auf individuelle und anspruchsvolle Lösungen spezialisiert hatte. Hütter baute in Hamburg Deutschlands höchsten gläsernen Außenaufzug und war Weltmarktführer bei Schrägaufzügen. Die Glinder bauten die vier Schrägaufzüge für Namaste Dagoba, ein Hochhaus in Form zusammengelegter am berühmten Famen Si-Tempel in China.

Die Hoffnung, dass Hütter vom weltweiten Otis-Vertriebsnetz profitieren würde, und die Aussage, dass sich für die Mitarbeiter nichts ändern würde, erwiesen sich als leere Versprechen. Otis baute die Belegschaft in Glinde sukzessive ab. Jetzt wurden „Fertigung, Einkauf und Logistik geschlossen. Wir sind dann noch sechs Personen“, sagt Betriebsrat Thomas Hübner. Der neue Vorstand von Otis habe kein Interesse mehr an den aufwändigen Spezialaufzügen gehabt.

„Bei einem Verkauf an Großkonzerne droht der komplette Verlust von Know-How, und wir haben in Deutschland nichts anderes als unser Know-How“, beschreibt IHK-Präses Kühl die Situation, deren Tragweite vielen nicht bewusst ist. Vor allem vielen Politikern nicht.

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erstellt am 14.Jan.2016 | 06:00 Uhr

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