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Stormarner Tageblatt

10. Dezember 2016 | 23:20 Uhr

Boom mit Schattenseite: Pfusch am Bau nimmt zu

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Handwerksbetriebe im Norden arbeiten an Kapazitätsgrenze – lange Wartezeiten für Kunden

Mit dem Lied „Wer will fleißige Handwerker sehn“ verabschiedeten sich Itzehoer Grundschüler kürzlich in die Ferien – in der Hoffnung, dass die neuen Klassenräume pünktlich zum Schuljahresbeginn fertig sind. Die sind derzeit aber nicht nur in sanierungsbedürftigen Schulen heiß begehrt. Viele Schleswig-Holsteiner stöhnen: Bis zu drei Monate müssen sie auf Maurer, Fliesenleger oder Dachdecker warten. Vor allem im Bau- und Ausbaugewerbe brummt es, die Auftragsbücher sind so prall gefüllt, dass Kunden Glück haben, wenn überhaupt jemand kommt.

„Das Handwerk schwebt seit Jahren auf einem Konjunkturhoch. Das hat vor allem mit der Zinsentwicklung zu tun, die das Konsum- und Investitionsverhalten maßgeblich beeinflusst und für volle Auftragsbücher sorgt“, erklärt Jörn Arp, Präsident der Handwerkskammer Flensburg. Der Konjunkturklima-Index der Branche war zuletzt nach der Wende so gut wie heute. Im Durchschnitt beträgt der Auftragsvorlauf gut sechs Wochen, vor zwei Jahren waren es um diese Zeit nur drei Wochen. Bei einer Umfrage der Kammern Flensburg und Lübeck stuften kürzlich 93 Prozent der Betriebe die Auftragslage als gut oder befriedigend ein – ein historischer Bestwert.

„Der limitierende Faktor ist mehr denn je das Thema Fachkräfte“, so Arp. Gute neue Leute zu finden, sei derzeit schwierig , und die vorhandenen Mitarbeiter dürfe man nicht zerreißen, mahnt Torsten Freiberg, Chef des Baugewerbeverbands Schleswig-Holstein und Handwerkspräsident. Viele arbeiten schon am Limit. „Für einen gewisse Zeit kann man Sonnabend arbeiten, aber irgendwann sind die Leute auch platt“. Vor allem auf Ältere müsse Rücksicht genommen werden, denn auf deren Erfahrung könne man nicht verzichten. „Ein Baggerfahrer ist nach 35 Jahren vielleicht nicht mehr der Schnellste, aber bekommt die Bierflasche mit der Baggerschaufel auf – und auf diese Präzision kommt es eben an“, erläutert Freiberg.

Die Flucht der Bürger in Betongold sorgt Freiberg zufolge aber nicht dafür, „dass sich alle eine goldene Nase verdienen“. Nach wie vor liege die Umsatzrendite nur bei drei bis vier Prozent. Ein hausgemachtes Problem, denn etliche Kleinstbetriebe – 42 Prozent der bundesweit 580  000 Handwerksbetriebe sind Ein-Mann-Unternehmen – kalkulierten nicht auskömmlich. „Eine Handwerkerstunde kostet heute 50 Euro, wer die Leistungen für 25 Euro die Stunde anbietet, merkt bald, dass er damit hinten und vorne nicht hinkommt“.

Die Folgen bekommt Freiberg tagtäglich als Sachverständiger vorgeführt: „Die Klagen über Pfusch am Bau haben deutlich zugenommen.“ Einerseits weil Kunden heute kritischer seien und „nicht akzeptieren, dass es im Handwerk anders als bei Industrieprodukten Maßtoleranzen gibt“. Aber auch „weil viele Ein-Mann-Betreibe glauben, alles zu können“. Wer meine, mit My-Hammer & Co. billiger zu fahren, sei selbst Schuld, wenn die Qualität nicht stimme, so Freiberg. Meisterbetriebe seien zwar teurer, aber die Qualität stimme. „Deshalb haben die allermeisten Kunden auch großes Verständnis, wenn sie sich etwas gedulden müssen.“ Kommentar & Hintergrund


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erstellt am 14.Aug.2016 | 20:04 Uhr

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