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Stormarner Tageblatt

06. Dezember 2016 | 19:00 Uhr

Stormarn : Blitz-Internet für 22000 Haushalte

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

In Stormarn und Herzogtum Lauenburg 1800 Kilometer Glasfaserleitungen verlegt – Tendenz steigend. 70 Millionen Euro investiert

Was in Stormarn und dem Herzogtum Lauenburg normal scheint, ist bundesweit eher die Ausnahme. In den beiden Kreisen haben die Vereinigten Stadtwerke GmbH mit ihren Tochtergesellschaften VSG Netz und VSG Media in den vergangenen Jahren 1800 Kilometer Glasfaserleitungen verlegt, an die mittlerweile 22  000 Haushalte angeschlossen sind. Im nächsten Jahr werden es 30  000 sein, die mit Turbo-Geschwindigkeit ins Internet gehen.

Weil sich Stadtwerke wie die VSG, Norderstedt, Neumünster oder Geesthacht Glasfaser auf die Fahnen geschrieben haben, steht Schleswig-Holstein im Bundesvergleich glänzend da. 14 Prozent aller Haushalte, fast 200  000, sind an Glasfaser angeschlossen, weitere neun Prozent hätten die Möglichkeit. In ganz Deutschland nutzen laut FTTH-Europa-Ranking nur eine halbe Million Haushalte das Turbo-Internet. Vier Mal so viele könnten es sein, wenn sich alle Wohnungen, vor allem in Großstädten, anschließen lassen würden.

Immerhin wurde Deutschland damit erstmals ins FTTH-Europa-Ranking aufgenommen, liegt mit dem vorletzten 28. Platz aber auf ähnlichem Niveau wie Polen und Koatien. Das ist ein Grund, warum die Bundesregierung eine „Breitband-Initiative“ gestartet hat.

Über die kann Marius Lembicz, Geschäftsführer der VSG Netz, allerdings nur lächeln, weil es weniger um Glasfaser bis in Haus oder Wohnung geht, sondern nur bis in den Schaltkasten. Die Telekom hat zugesagt, bis 2018 bundesweit alle 8000 Hauptverteiler an Glasfaser anzuschließen. Ab da bleibt es bei den ohnehin vorhandenen Kupferlitzen. Die reichen mit dem aktuellen VDSL2-Vectoring für die geforderte Bandbreite von bis zu 100 MBit/s im Downstream aus. Jedenfalls in der näheren Umgebung der Verteilerkästen, da die Kapazität mit der Kabellänge abnimmt.

Für Lembicz ist VDSL lediglich eine Übergangstechnologie, auf die man zurückgreift, um Kosten zu sparen. VSG Netz bietet schon heute das, was Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel als Breitband-Strategie für das Jahr 2025 verkauft: Gigabit-Anschlüsse. Technisch ist das kein Problem, da Glasfaser keine Beschränkung der Bandbreite kennt und Signale mit der Entfernung auch nicht schwächer werden.

Zurzeit sind die Anschlüsse auf 200 Mbit/s runtergeregelt. „Wir überlegen gerade, ob wir auch 500 oder 1000 Mbit/s anbieten. Wir wären dann der erste echte Gigabit-Anbieter für Privatleute in Deutschland“, sagt Lembicz. Ausnutzen könnte das kaum ein normaler Haushalt. Selbst neue Rechner sind mit dieser Geschwindigkeit überfordert. Aber die Technik schreitet fort, das Datenvolumen nimmt ständig zu, und für Firmen sind Gigabit-Anschlüsse bereits heute Standard.

Im September 2009 startete die VSG mit dem ersten Spatenstich für Glasfaser im Bereich Breitenfelde. Mittlerweile wurden mehr als 70 Millionen Euro investiert, mehr als 100 Gemeinden und Ortschaften sowie Neubaugebiete in den Kreisen Herzogtum Lauenburg und Stormarn an Glasfasernetz angeschlossen, das kontinuierlich erweitert wird und mit 1800 Kilometern schon doppelt so lang ist wie das Stromnetz.

In Städten baut die VSG, wenn 45 Prozent der Haushalte einen Vertrag abschließen, in Gemeinden müssen es 55 Prozent sein. „Bisher haben wir das eigentlich immer geschafft“, sagt Lembicz, auch wenn es wie gerade in Mollhagen oder Bargteheide länger dauert. Wer von Anfang an mit dabei ist, bekommt den Anschluss fast umsonst, wer später einsteigt, muss danin 800 Euro dafür zahlen. Diese Späteinsteiger sorgen aber mittlerweile dafür, dass die Anschlussquote über alle Gebiete bei 70 Prozent liegt – weil sie es sich anders überlegt haben, weil sie erst dort hingezogen sind oder weil es sich um Neubauten handelt. „Wir haben fast 1500 Haushalte nachträglich angeschlossen, wesentlich mehr, als wir gedacht hatten“, wundert sich Lembicz. Vier Bautrupps sind nur dafür im Einsatz.

Die VSG ist eine der wenigen Stadtwerke, die alles aus einer Hand anbieten, nicht nur Dienstleister, sondern auch Netzbesitzer und -betreiber sind. Während Konzerne ihre Investitionen in der Regel nach wenigen Jahren zurückhaben wollen, schreiben die Vereinigten Stadtwerke es über 30 Jahre ab. Das hält die jährliche Belastung gering und sorgt dafür, dass das Breitbandgeschäft schwarze Zahlen schreibt. „Wir verdienen inzwischen Geld, nicht viel, aber es ist zum vierten Standbein der VSG geworden“, sagt Lembicz.

In anderen Teilen des Landes scheint das nicht so gut zu funktionieren. „Nicht alle Regionen haben das Glück, dass es bei ihnen Stadtwerke gibt, die sich des Themas angenommen haben. Nur dann ist auch Druck da“, sagt Richard Krause, Leiter des Breitband-Kompetenzzentrums Schleswig-Holstein.

Diesen Druck braucht offenbar die Telekom, die sich mit schnellem Internet vornehm zurückhält und meist erst dann aktiv wird, wenn regionale Anbieter auf den Markt drängen. „Rosinenpickerei“ wirft denn auch Jörg Bülow, Geschäftsführer des Gemeindetags Schleswig-Holstein, der Telekom vor.

An dünn besiedelten Landstrichen, wo es keine kommunalen Versorger gibt, hat der Telekommunikationsriese schon gar kein Interesse. Bundesweit gelten 20 Prozent der Gebiete als ländlicher Raum, in Schleswig-Holstein sind es 60 Prozent. „Da greift dann das Förderprogramm des Bundes“, sagt Richard Krause.

Das können ganze Regionen sein, zum Beispiel in Angeln, wo man auf einen Zuschuss von fast 13 Millionen Euro setzt. Insgesamt stehen im Programm für Breitbandausbau 2,1 Milliarden Euro zur Verfügung. Geld für ein Gutachten, 50  000 Euro, bekommt auch Barsbüttel, auch wenn die Versorgung im Ort selbst gut ist. „Wir sind vielleicht jetzt besser als andere Regionen, müssen uns aber für die Zukunft rüsten“, sagt Bürgermeister Thomas Schreitmüller.

Ein Markterkundungsverfahren soll zeigen, wie die Ortsteile mit schnellem Internet versorgt werden können. Nur wer ein Gutachten erstellt hat, kann auch Zuschüsse für den Bau bekommen. Dass kann sinnvoll sein, muss es aber nicht. Wenn am Ende VDSL-Vectoring empfohlen wird, „finanziert man der Telekom ihre Investitionen auch noch durch Steuergeld“, befürchtet Bülow.

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erstellt am 15.Aug.2016 | 18:18 Uhr

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