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Stormarner Tageblatt

28. Mai 2016 | 05:58 Uhr

Windräder: Schall und gesundheitliche Störungen : Bargteheider Ärzte wollen bayerische Abstandsregeln

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

In einem offenen Brief warnen fast 20 Mediziner aus der Stadt der Linden vor Gesundheitsgefahren durch Infraschall.

Mediziner aus Bargteheide und Umgebung fordern größere Abstände der geplanten Windräder zur Wohnbebauung. Es gebe „zahlreiche Fälle, in denen Windkraftanlagen durch ihre Schallemissionen zu gesundheitlichen Störungen geführt haben“, heißt es in einem offenen Brief an Stadt-, Landes und Bundespolitiker, den fast 20 Mediziner aus Bargteheide und Umgebung unterschrieben haben. Ihre Forderung: Der Abstand zu Wohnhäusern müsse das Zehnfache der Windrad-Höhe betragen.

Mit der „10  H-Regel“ sei eine Beeinträchtigung zwar nicht ausgeschlossen, „es ist aber ein Kompromiss, auf den Windparkbetreiber und –Kritiker eingehen könnten“, schreibt Fachärztin Gabriele Artinger, die mit dem Sprecher der Bürgerinitiative Gegenwind-Bargteheide, Gerhard Artinger, verheiratet ist. Für den Bürgerwindpark würde das bei einer Anlagenhöhe von 200 Metern einen Abstand von zwei Kilometern ergeben. In Schleswig-Holstein gelten 800 Meter für geschlossene Bebauung, 400 Meter für „Splittersiedlungen“, unter die juristisch aber keineswegs nur Einzelgehöfte, sondern grundsätzlich erstmal alle Außenbereiche fallen.

Das rot-grün regierte Niedersachsen, das ebenso wie Schleswig-Holstein die Nutzung von Windenergie massiv ausbauen will, senkt die Abstände gerade ab: Statt bisher 1000 sollen 300 Meter reichen. Bayern hat dagegen im November die 10  H-Regel beschlossen. Die CSU wurde dafür massiv von den Grünen und der Windkraft-Industrie kritisiert, nach dem Gesetz können Kommunen allerdings von sich aus geringere Abstände festsetzen.

So eine Entscheidungsmöglichkeit vor Ort wünschen sich auch die Kritiker in Bargteheide, allerdings aus gesundheitlichen Gründen. „Windräder werden immer höher und mit größerer Leistung gebaut. Die großen Anlagen sind lauter als die niedrigeren. Immer mehr Menschen klagen über Beeinträchtigungen durch Schallemissionen, besonders durch tiefe Frequenzen“, heißt es in dem offenen Brief, der Mediziner, die auf Studien und Veröffentlichungen anderer Kollegen verweisen.

In einem Positionspapier der Ärzte für Immissionsschutz (Aefis) von November 2014 geht es vor allem um den Infraschall, für den Menschen nicht hörbare tiefe Frequenzen, die von Windrädern erzeugt werden. Je höher und größer die Anlagen sind, desto stärker ist auch der Infraschall, da die Spitzen der Rotoren die Luft mit bis zu 400 km/h durchschneiden.

Als „Wind-Turbine-Syndrom“ hat Dr. Nina Pierpont die Beeinträchtigungen 2009 in den USA zusammengefasst. Sie hat ihren Doktor allerdings in Psychologie und ihre Ergebnisse beziehen sich auf telefonische Umfragen in der Nachbarschaft und bei Bekannten. Windkraft-Befürworter sprechen deshalb von einem „Nocebo“-Effekt: Wenn ein Betroffener glaubt, dass die Anlagen gesundheitliche Probleme bereiten, leidet er auch unter Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit.

In Australien wurden tatsächlich Häufungen von Beschwerden festgestellt, nachdem in den Medien über das „Wind-Turbine-Syndrome“ berichtet wurde. Allerdings argumentiert die Windkraft-Branche hierzulande auch damit, dass Infraschall nicht schädlich sein könne, weil der Mensch ihn nicht hören könne. Wenn das stimmen würde, so die Ärzte, wäre radioaktive Strahlung ja auch nicht schädlich.

Tieffrequenter Schall kommt nicht nur bei Windrädern vor, sondern wird auch von Wärmepumpen, Biogasanlagen, Blockheizkraftwerken, Klimaanlagen, Lüftungen und Gebäudeheizungen produziert. Forschungsergebnisse zur Gesundheitsproblematik gibt es aber fast keine. Einen „deutlichen Mangel an umweltmedizinisch orientierten wissenschaftlichen Studien“ konstatierte das Robert-Koch-Institut 2007. Aus dem Jahr 2014 stammt eine „Machbarkeitsstudie zu Wirkungen von Infraschall“ des Umweltbundesamts, in der ebenfalls weitere Forschungen angemahnt werden, am besten von Akustikern und Medizinern gemeinsam.

In der Studie heißt es: „Pauschale Ansätze, wie die Festlegung von Mindestabständen, erscheinen ohne wissenschaftlich abgesicherte Grundlagen über die Auswirkungen der Quellen nicht sachgerecht.“ „Ob ein direkter Einfluss auf Hirnfunktionen besteht und dieser deshalb besteht, weil die Hirnaktivitäten den gleichen Frequenzbereich belegen, bleibt eine noch nicht belegte Hypothese. Die Vorstellung, dass dies so sein könnte, verstärkt die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen in dieser Richtung.“

Zudem moniert der Autor, dass es bislang kein normiertes Mess-Verfahren gibt. Die Schallschutz DIN 45680 soll in der Neufassung Infraschall zwar mit erfassen, aber erst über 8 Hertz und ohne Einbeziehung der Impulshaltigkeit. Dass sich tieffrequenter pulsierender Schall im EEG deutlich nachweisen lasse, ist nicht das einzige Argument der Mediziner gegen den bisherigen Entwurf.

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erstellt am 07.Feb.2015 | 06:00 Uhr

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