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Stormarner Tageblatt

08. Dezember 2016 | 03:12 Uhr

Antriebsarm – da hilft nur aufsuchende Betreuung

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Angeklagte wirkt zerknirscht. „Ich krieg das alles nicht auf die Reihe“, sagt er. Sogar seinen Gerichtstermin nicht. Zwei Polizeibeamte haben ihn zur Verhandlung vorgeführt. Der 21-jährige Großhansdorfer ist des Betruges angeklagt und muss sich vor der Jugendrichterin verantworten.

Der 21-Jährige hatte vor einem Jahr bei Ebay eine Soundbox verkauft und nicht geliefert. „Ich habe gemerkt, dass sie defekt ist und wollte das Geld zurücküberweisen“, sagt der Angeklagte, „ich hatte aber keinen Zugriff auf mein Konto.“ Den habe er bis heute nicht. Bei der Umwandlung zu einem Pfändungsschutzkonto sei etwas schiefgegangen. Beim Käufer habe er sich nicht gemeldet, weil er zu der Zeit kein Telefon oder Handy hatte. „Ich hatte Stress wegen der Vaterschaftsanerkennung für meinen Sohn“, entschuldigt er sich. Auch hatte er noch zwei Wochen Arrest abzusitzen, weil er eine Arbeitsauflage nicht erfüllt hatte. „Die Strafakte war zeitweise verschollen und wurde zufällig in einer anderen wiedergefunden“, erklärt die Richterin.

„Fadenscheinige Ausreden über die Kontosperrung“ nennt der Staatsanwalt die Aussagen, „seit einem Jahr wartet der Kunde auf sein Geld.“ Er habe die Daten des Käufers nicht mehr, entgegnet der Angeklagte. Er arbeite als Hausmeister in einem 450-Euro-Job und habe Aussichten auf eine Festanstellung. Das Geld werde bar ausgezahlt. Wie er denn das auf die Reihe bekomme?, fragt die Richterin. „Mein Chef holt mich morgens ab.“ Er habe Anrecht auf einen Zuschuss durch das Jobcenter, sagt der Angeklagte: „Den wollen sie aber nicht bewilligen.“ Seine Miete sei bisher gestundet worden.

Warum er so antriebsarm sei, fragt die Richterin. „Ich verfalle immer wieder in alte Muster“, lautet die Antwort.
„In zwei Jahren hat sich bei ihnen nichts getan. Sie haben erheblichen Unterstützungsbedarf“, sagt die Richterin. „Stimmt. Ich brauche jemand, der mich in den Hintern tritt“, so der 21-Jährige.

Die Richterin regt Unterstützung durch einen Berufsbetreuer an. Sie bezweifelt aber, dass der Angeklagte Termine wahrnimmt. „Eine aufsuchende Betreuung ist notwendig.“ Das wäre ganz sinnvoll, stimmt er zu. „Keiner will sie entmündigen“, fügt sie hinzu. Mit der Vertreterin der Jugendgerichtshilfe macht sich der Großhansdorfer auf den Weg in die Betreuungsabteilung und besiegelt die Unterstützung. Der Arrest wird nicht verhängt, um seinen Job nicht zu gefährden und weil ein Betrug nicht nachweisbar ist. „Das war das letzte Mal vor einem Jugendgericht“, warnt ihn die Richterin. Bei zukünftigen Verfahren drohten nur Haft- oder Geldstrafen.

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