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Stormarner Tageblatt

11. Dezember 2016 | 03:18 Uhr

30 Jahre Tschernobyl – Die Lesung

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Wortreich und musikalisch: Verein Pryvit lädt am Jahrestag zur Benefiz-Veranstaltung ins Peter-Rantzau-Haus

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor des Atomkraftwerkes nach einem missglückten Test. Die Strahlenwolke zog über ganz Europa hinweg und verbreitete Angst und Schrecken. Seither ist ein Sperrgebiet mit einem Radius von 30 Kilometern eingerichtet. 350  000 Menschen wurden umgesiedelt. Erholt hat sich die Region bis heute nicht.

Wulf Garde ist Gründer und Vorsitzender des Vereins Pryvit e.V. Einmal im Jahr ermöglichen seine Mitglieder einer Gruppe von 18 Kindern aus Tschernobyl einen Aufenthalt in Großhansdorf. Hier können die Kinder neue Eindrücke sammeln und sich gründlich untersuchen lassen. Seither verbringt der engagierte Ahrensburger zehn Stunden am Tag mit der Organisation und Planung für den Verein – mindestens. Denn kurz bevor die Kinder eintreffen, wendet er zusätzliche Nachtstunden auf.

Ein großer Bereich der Arbeit ist die Spendenakquise. 25  000 Euro kostet der Besuch jedes Jahr. „Im ersten Jahr war es lange unklar, ob wir den Betrag überhaupt aufbringen können“, erzählt Wulf Garde. „Jetzt wissen wir, dass es klappt und haben rechtzeitig alles beisammen.“ Im Haus des pensionierten Physiklehrers sind viele Erinnerungen an die letzten Besuche in der Ukraine. Neben gehäkelten Deckchen und anderen Geschenken gibt es viele Fotos, die die Situation vor Ort eindrucksvoll dokumentieren.

Sie zeigen eine ärmliche Gegend mit zerfallenen Häusern und Nutztieren, die in der Wohnung gehalten werden, aber auch glückliche Kinder, die sich über den Besuch sichtlich freuten. „Zu Beginn meiner Studienzeit war ich ein totaler Atomenergiefan“, berichtet der Vereinsvorsitzende. „Das ist für mich heute unvorstellbar.“ Bei seinem letzten Besuch konnte er bis in die Sperrzone vordringen. Die Fotos zeigen Überreste von Schutzmasken und einem verlassenen Jahrmarkt, der wenige Tage vor dem Unglück beginnen sollte.

„Unser Fahrer fährt jeden Tag einige Male in das Gebiet und ist stark und gesund. Daher hatte ich keine Angst.“ Den Menschen rund um das Gebiet gehe es hingegen nicht so gut. Die Ukraine war einst die Kornkammer Europas, Prypjat eine moderne, aufstrebende Stadt und das Kernkraftwerk ein bedeutender Arbeitgeber. Heute gebe es in den verstreuten Dörfern kaum Arbeit, die Familien seien zerrissen und die Nahrungsmittel verseucht. „In fast jeder Familie gibt es ein schwer behindertes Kind, das nur im Bett liegen kann. Die Situation vor Ort ist eine Katastrophe“, so Wulf Garde. Daher sei es für die Kinder wichtig, für drei Wochen etwas anderes kennenzulernen und später ihr ihr eigenes Land aktiv verändern zu wollen: „Wir hatten einen kleinen Jungen bei uns, der ein Praktikum bei der Polizei gemacht hat. Jetzt möchte er den Beruf später erlernen.“

Anlässlich des Jahrestages organisiert der Verein Pryvit eine Konzert-Lesung in Ahrensburg. Die Schauspielerin Dagmar Dreke und Gerd Philip lesen aus den Büchern „Die letzten Zeugen, Kinder im Zweiten Weltkrieg“ sowie „Tschernobyl, eine Chronik der Zukunft“ der Weißrussin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch. Die Autorin erhielt 2015 den Literaturnobelpreis für „ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Russische Lieder und themenbezogene internationale Kompositionen der bundesweit bekannten Musiker Elena und Waldemar Keil runden das Programm ab. Die Benefizveranstaltung ist kostenlos und findet am Dienstag, 26. April, ab 19 Uhr im Peter-Rantzau-Haus statt. Der Reinerlös der Spenden kommt dem Verein Verein Pryvit zugute.




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