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Schleswiger Nachrichten

10. Dezember 2016 | 07:58 Uhr

Schleswiger Werkstätten : Zukunftssorgen auf dem Basar

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Auswirkungen einer geplanten Gesetzesänderung waren Gesprächsthema beim Tag der offenen Tür der Schleswiger Werkstätten.

Gänge voller Besucher, vielfältige Verkaufsware mit hoher Qualität, Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung und was Leckeres für den Magen. Eigentlich war der Tag der offenen Tür der Schleswiger Werkstätten mit seinem bunten Basar so wie immer: ein voller Erfolg. Doch gerade unter den Beschäftigten gebe es derzeit Befürchtungen, was die Zukunft angehe, erklärte Leiter Jan-Henrik Schmidt. Der Grund dafür ist das für 2017 geplante Bundesteilhabegesetz, das die Inklusion behinderter Menschen ins gesellschaftliche Leben fördern soll.

Allerdings gibt es Verunsicherung, wie die finanzielle Eingliederungshilfe in Zukunft aussehen wird. Und da Arbeitgeber, die Behinderte einstellen, künftig einen Lohnkostenzuschuss von bis zu 75 Prozent erhalten sollen, sieht mancher die Existenz der Werkstätten in Gefahr. Viele Gespräche habe er mit Eltern geführt, sagte Schmidt, der hoffte, dass bei dem Gesetz noch nicht das letzte Wort gesprochen ist: „Vielleicht wird die Verabschiedung verschoben.“ Der Werkstättenleiter betonte, dass man schon heute Mitarbeiter erfolgreich auf den ersten Arbeitsmarkt vermittle – bisher 50 an der Zahl. Er ist der Auffassung, dass die Gesellschaft sich Orte wie die Schleswiger Werkstätten leisten sollte für behinderte Menschen, „die ein anderes Arbeitstempo brauchen“.

Figuren aus leeren Klopapierrollen wie diese Notärzte verkaufte Gisela Davids.
Figuren aus leeren Klopapierrollen wie diese Notärzte verkaufte Gisela Davids.
 

Wer wissen wollte, wie die Arbeit dort abläuft, konnte im Bereich Metallverarbeitung René Scheffler beim Herstellen von stählernen Teelichthalter über die Schulter schauen. 16 Menschen mit Behinderungen arbeiten dort. „Das sind hochqualifizierte Arbeitsplätze“, erklärte Ralf Nielsen. In welchen Maschinen die von ihnen gefertigten Einzelteile am Ende eingesetzt werden, wisse er oft nicht, so Nielsen. Nur eines ist klar: Von Schleswig aus gehen sie in die ganze Welt. Zudem helfen sie manchem Reisegepäck in den richtigen Flieger. „Unsere Produkte sind am Gepäckband des Hamburger Flughafens verbaut“, berichtete er.

Seit 27 Jahren arbeitet Ralf Nielsen mit den Behinderten in den Werkstätten und geht „jeden Tag mit Freude zur Arbeit“. Alle Mitarbeiter durchliefen ihrem Können entsprechend eine individuelle Schulung. Und die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt „ist bereits jetzt unser Auftrag. Wenn es einer schafft, unterstützen wir das mit allen Mitteln“. So wie den ehemaligen Lagerarbeiter, der heute in der Kläranlage der Schleswiger Stadtwerke arbeite. Dennoch sehe er dies eher als Ausnahme, so Nielsen: „Ich bin der Meinung, dass viele auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance hätten.“ Dort seien Leistungs- und Zeitdruck viel größer. „Hier sind sie zudem Teil eines Teams. Ich habe den Eindruck, dass sie glücklich und zufrieden sind“, sagte er.

Zufrieden waren auch die vielen privaten Aussteller, die mit ihren Produkten das Angebot der Schleswiger Werkstätten ergänzten. „Wir haben sehr viel verkauft“, sagte Hedwig Hansen, die gemeinsam mit ihrem Bruder Martin Peretzke selbstgezimmerte Holzprodukte wie Elche und Herzen verkaufte. „Mein Bruder sägt, ich male“, erklärte sie. „Wir würden sofort wiederkommen“, waren sich Gabriele und Jane Clasen einig. Das Duo verkaufte bunte Strick-, Häkel- und Bastelarbeiten, darunter Kuscheltiere und Teelichthalter. Sie seien zum ersten Mal auf dem Basar, das Fazit fiel kurz aus: „Super!“

Abends vor dem Fernseher geht Gabriele Davids ihrem Bastelhobby nach: Aus leeren Klopapierrollen stellt sie kleine Figuren her. Weihnachtsmann mit Frau, ein Notarzt auf Skiern, aber auch goldene oder silberne Ehepaare. Sie lasse sich von Dingen inspirieren, die sie dann auf ihre eigene Weise umsetze, erklärte sie. Im vergangenen Jahr hätte sie 50 Figuren verkauft, „diesmal gehen die Kränze schneller weg“.

Weg wie warme Semmeln gingen auch die Adventskalender vom Förderverein der Schleswiger Werk- und Wohnstätten. „Der Kalender ist ein Erfolg geworden und die Resonanz sehr gut“, stellte der Vorsitzende Hans-Joachim Volkmann zufrieden fest. Mit den Einnahmen werden Freizeitaktivitäten der Einrichtungen unterstützt, für die sonst kein Geld vorhanden seien. Als Beispiel nannte er die Fahrt zu einem Fußballspiel vom Hamburger SV.

„Wir sind jedes Jahr hier, die Auswahl an Produkten gefällt uns jedes Mal gleich gut“, meinte Rolf Wieben, der mit Ehefrau Rosemarie und Tochter Claudia eine Pause in der Cafeteria machte. Hier werde die Arbeit der Werkstätten gut sichtbar „von der kleinsten Handarbeit bis zur großen Technik“.

 

 

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 21.Nov.2016 | 12:11 Uhr

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