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Schleswiger Nachrichten

05. Dezember 2016 | 17:39 Uhr

„Wer braucht schon den Broadway?“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Früher wollte sie die Liza Minnelli Ostfrieslands werden – am Freitag erhält Annie Heger den Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln

An diesem Freitag wird die Reihe der Preisträger des Niederdeutschen Literaturpreises der Stadt Kappeln um einen Namen reicher: Annie Heger aus dem ostfriesischen Aurich erhält die 26. Auszeichnung – und freut sich sehr darüber. Das zumindest ist nach dem Gespräch klar, wie übrigens auch der Umstand, dass es hin und wieder gar nicht so schlecht ist, ein Exot zu sein.

Frau Heger, Sie sind 33 Jahre alt und damit eine der jüngsten Preisträgerinnen des Niederdeutschen Literaturpreises. Wie sah Ihre erste Berührung mit dem Plattdeutschen aus?

Annie Heger: Meine allererste Berührung fand wahrscheinlich schon im Mutterleib statt, weil meine Mutter mit ihren Eltern nur Platt gesprochen hat. Ich selber bin auch mit Platt groß geworden. Mein Opa sang plattdeutsche Lieder mit mir, meine Oma hat immer kleine Gedichte und Kurzgeschichten auf Platt vorgetragen. Und meine Uroma hat zu mir, weil ich als schwarzhaariges Mädchen durchaus ein Exot im blonden Ostfriesland war, immer gesagt: „Wat is de swatt.“ Platt war bei uns im Haus also zu Haus.

Die Jury sagt über Sie, dass es Ihnen gelänge, auch ein junges Publikum für das Niederdeutsche zu begeistern. Was genau ist dazu erforderlich?

Dazu ist es erforderlich, dass man sich sprachlich nicht ausschließlich mit der Vergangenheit, sondern auch mit aktuellen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Themen beschäftigt. Und wir sollten Begriffe für neue technische Errungenschaften finden. Ich nenne ein Smartphone zum Beispiel „Plietsch-Fon“. Dazu ist es wichtig, dass wir unsere Eitelkeit ablegen und akzeptieren, dass es verschiedene Arten von Platt gibt. Ich entschärfe etwa auch mein ostfriesisches Platt, was mir anfangs sehr schwer fiel. Auch zeitgemäße Musik kann auf Platt sein und nicht nur Seemannsgesänge oder der Dreiviertel-Takt mit der Quetschkommode. Bei mir sitzen häufig junge Leute im Publikum, die gar kein Platt sprechen, die aber die Atmosphäre und das Gefühl mitbekommen und sich davon anstecken lassen.

Für den aktuellen Spielfilm „Ostfriesisch für Anfänger“ haben Sie der Berliner Schnauze Dieter Hallervorden Plattdeutsch beigebracht. Für wen war das die größere Herausforderung?

Für beide. Wir haben uns zunächst getroffen, um herauszufinden, ob das überhaupt funktionieren kann, und es hat sich gezeigt, dass Dieter Hallervorden ein Gehör für Sprache hat. Eine Woche lang haben wir drei Stunden täglich geübt. Das hat aus ihm zwar keinen Plattschnacker gemacht, aber er transportiert die Mentalität und das Gefühl des Niederdeutschen. Wenn nun wir echten Plattschnacker seine Art zu sprechen respektieren, kann das eine enorme Bereicherung für das Niederdeutsche insgesamt sein, weil die Sprache durch ihn so eine mediale Präsenz erhält. Und dafür bin ich sehr dankbar.

„Rotkäppchen“, „A Clockwork Orange“, „Faust“ – Ihr schauspielerisches Spektrum ist groß. Gibt es einen Unterschied zwischen einem guten Theaterstück und einem guten plattdeutschen Theaterstück?

Rechts eine Tür, links eine Tür, in der Mitte Heidi Kabel, die Kartoffeln schält – das war früher das plattdeutsche Theater. Davon haben wir uns inzwischen weit entfernt. Inzwischen sind hochdeutsches und plattdeutsches Theater dasselbe, es gibt keinen Unterschied. Wenn eine Inszenierung gut ist, dann ist sie eben einfach gut. Platt kann sich auch ernsthaften Themen widmen. Schade, dass es erst so spät dazu gekommen ist. Und den „Faust“ beispielsweise habe ich durch das Plattdeutsche in einer ganz anderen Direktheit erlebt.

Sie haben Regieassistenz und Choreografie gemacht, sind Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin, Autorin, Moderatorin und Sprachlehrerin. Was davon sind Sie am meisten?

Künstlerin (lacht). Ich habe irgendwann die Entscheidung getroffen, mich nicht zu entscheiden. Ich mag die Vielfalt und möchte mich nicht begrenzen. Mal steht das eine im Vordergrund, mal das andere. Und wenn jetzt jemand sagt, Platt sei eine Nische, dann sage ich, dass ich dadurch ein ganz anderes Gehör gefunden habe.

Die Jury attestiert Ihnen „einen eigenen Ton“, den Sie dem Platt verleihen. Was macht Ihren Ton aus?

Ich genieße es regelrecht, Wörter auf Platt auszusprechen oder alte plattdeutsche Wörter in meinen Texten unterzubringen. Platt entschleunigt – wenn meine Oma auch immer zu mir sagt, dass ich wie ein Maschinengewehr spreche. Vielleicht ist mein eigener Ton also jünger, frischer und schneller.

Gerd Spiekermann, Ina Müller, das Ohnsorg-Theater – das sind drei frühere Preisträger, die Sie auf Ihrer eigenen Webseite aufzählen und die demnach von Bedeutung für Sie sind. Alle drei sind eindeutige Größen des Plattdeutschen – mit denen Sie jetzt in einer Reihe stehen.

Und damit habe ich nie gerechnet. Natürlich kenne ich den Preis, und ich fühle mich super wohl damit, jetzt in einer Reihe mit diesen dreien genannt zu werden. Ich verehre jeden einzelnen. Das Ohnsorg-Theater gibt dem Plattdeutschen so viel Professionalität und Ernsthaftigkeit mit und wagt so viel. Gerd Spiekermann ist für mich ein plattdeutscher väterlicher Freund. Er ist rotzfrech, und ihm wird alles verziehen, weil es auf Plattdeutsch ist. Er war übrigens auch einer der ersten, der mir gratuliert hat. Und Ina Müller muss ich dankbar sein, weil sie Wege geebnet hat, sodass ich diese Wege jetzt viel einfacher begehen kann.

Sie sagen von sich selbst, in jungen Jahren den Traum gehabt zu haben, die „Liza Minnelli Ostfrieslands“ zu werden. Hat das geklappt?

Wer braucht schon den Broadway, wenn er die Bühnen in Ostfriesland hat, auf denen es mir so gut geht (lacht)? Ein Oberbürgermeister-Kandidat hat mal zu mir gesagt, ich sei auf jeden Fall die lauteste Liza. Und mit meinen schwarzen Haaren hätte ich ohnehin niemals Marilyn Monroe werden können. Aber ob ich tatsächlich die Liza Minnellis Ostfrieslands bin, das sollen andere entscheiden.

Nächsten Freitag haben die Kappelner dazu Gelegenheit.

Ja, dann versuche ich, einen Kracher nach dem anderen zu zeigen (lacht). Meine Partnerin Vanessa Maurischat wird mich am Klavier begleiten. Und wahrscheinlich wird es ein sehr langer Abend. Allerdings werde ich mein ostfriesisches Platt nicht gänzlich entschärfen, immerhin muss man die Vielfalt der Sprache hochhalten. Und außerdem hätte man sonst keine Ostfriesin auszeichnen dürfen (lacht).

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erstellt am 01.Nov.2016 | 14:43 Uhr

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