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Schleswiger Nachrichten

07. Dezember 2016 | 15:38 Uhr

kleiner Bauernwald in Gintoft : War ein falsches Gutachten schuld?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Untere Naturschutzbehörde erklärt, wie es zum Widerruf der Rodungsgenehmigung kam.

Die vergangene Woche war nicht einfach für die Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde in Schleswig. Hintergrund ist das Einverständnis, das die Naturschützer des Kreises Schleswig-Flensburg zur Rodung eines kleinen Bauernwaldes in Gintoft gegeben hatten (wir berichteten). Die Expertise trug dazu bei, dass die Untere Forstbehörde die Genehmigung erteilte. Doch es kam anders: Aufgeschreckt durch zahlreiche Proteste von Bürgern und Umwelt-Organisationen sowie der Berichterstattung in unserer Zeitung, schaltete sich das Umweltministerium ein. Die Genehmigung wurde geprüft, für rechtswidrig befunden und widerrufen. In der Begründung wird bemängelt, dass ein gesetzlich geschützter Bachabschnitt unberücksichtigt blieb, der Artenschutz nicht abgearbeitet wurde und Quartiere sowie Nahrungsräume von Fledermäusen und Waldbrütern nicht näher untersucht wurden – alles Themen für die Untere Naturschutzbehörde.

Was war passiert? „Wir haben den Fehler gemacht, dem Gutachten zu glauben, das der Grundeigentümer in Auftrag gegeben hat“, sagt Bettina Koch, die Leiterin der Behörde. Es ist übliche Praxis, dass ein Antragsteller in einem solchen Fall ein Gutachten bestellt und bezahlt. In diesem Fall war die Hamburger OECOS GmbH damit beauftragt, eine so genannte Potenzialanalyse zu erstellen – sie sollte herausarbeiten, ob in dem betreffenden Wald schützenswerte Tiere und Biotope vorhanden sein könnten. Das Büro hat einen guten Ruf und war unter anderem für das Bundes-Umwelt-, und Forschungsministerium, für die Netzagentur, den Hamburger Hafen und zahlreiche Universitäten tätig.

Die Naturschutzbehörde hat das Gutachten einer „Plausibilitätsanalyse“ unterzogen – Motto: Kann es tatsächlich so sein, wie dargestellt? „Wir haben auch einen Mitarbeiter befragt, der noch kurz zuvor in anderer Sache in diesem Wald war“, berichtet Bettina Koch. Letztlich fand die Behörde keine Ansatzpunkte für eine Ablehnung – und die Genehmigung nahm ihren Lauf. „Es drängte sich nicht der Eindruck auf, dass das Gutachten falsch war“, sagt Bettina Koch.

Komplett anders stellte sich die Sache dar, nachdem das Ministerium die Überprüfung angeordnet hatte. Eine fünfköpfige Delegation von Spezialisten schaute sich den Wald noch einmal zwei Stunden lang ganz genau an. Zu ihnen gehörte auch Bettina Koch – und die war perplex: „Einen solchen Unterschied zwischen Gutachten und Realität hatte ich zuvor noch nie gesehen. Das war schon sehr ungewöhnlich.“ Über die Gründe, warum das Gutachten so ausgefallen war, wollte weder sie noch ihr Chef Thorsten Roos, der Fachbereichsleiter für Kreisentwicklung, Bau und Umwelt, spekulieren.

„Wir müssen aber betonen, dass wir nicht leichtfertig an die Sache herangegangen sind“, sagt Roos, „im Gegenteil, wir haben uns viele Gedanken gemacht. Allerdings muss man auch wissen, dass dieser Wald rechtlich gesehen eine Wirtschaftsfläche ist. Und wir haben uns an die rechtlichen Vorgaben zu halten – gleichgültig, wie unsere persönliche Meinung aussieht. Wir machen keine Politik.“ Und Bettina Koch ergänzt: „Fachlich haben wir nichts falsch gemacht – wir sind nur von falschen Voraussetzungen ausgegangen, weil wir dem Gutachten vertraut haben.“

Die nach der Veröffentlichung der Rücknahme eingegangenen Reaktionen zeigen, dass der Ruf der Unteren Naturschutzbehörde durch den Fehler dennoch gelitten hat. „Ich nehme das so wahr“, sagt Bettina Koch. Geradlinigkeit bezeichnet Thorsten Roos als einzige Möglichkeit, hier gegenzusteuern „Wir werden uns weiterhin an Recht und Gesetz halten und keinem Druck nachgeben, von welcher Seite auch immer.“ Davon gibt es im Umgang mit dem Umweltschutz mehr als genug, denn hier geht es häufig um gegensätzliche Interessen und auch um Geld. Wenn es um Windkraft geht, um Bauprojekte, Stromtrassen oder Mastbetriebe versuchen die Beteiligten teilweise massiv, Einfluss zu nehmen. „Die Palette reicht von deutlich vorgetragenen Forderungen bis hin zu Beschimpfungen und unterschwelligen Drohungen“, sagt Roos. „Wir können allerdings damit umgehen und lassen uns nicht beeinflussen.“

Aber wie will die Untere Naturschutzbehörde des Kreises sicherstellen, dass sie nicht noch einmal auf ein falsches Gutachten hereinfällt? „Wir werden solche Papiere künftig noch kritischer betrachten und auch unsere eigenen Erkundigungen einholen“, sagt Bettina Koch. Thorsten Roos relativiert: „Wir sind personell zwar gut aufgestellt, aber wir werden uns auch in Zukunft zu einem großen Teil auf Gutachten verlassen müssen.“

Der aktuelle Fall ist vorerst vom Tisch. Aber der Grundeigentümer kann jederzeit einen neuen Antrag stellen und ein Gutachten vorlegen, in dem die monierten Punkte abgearbeitet sind. „Das wird dann keine billige Angelegenheit“, sagt Roos, „aber das Ausgang wäre offen.“ Der Widerruf kam wegen des fehlerhaften Verfahrens zu Stande – nicht aus Gründen des Naturschutzes. Der kleine Wald in Gintoft darf zunächst einmal weiterleben – endgültig gerettet ist er aber nicht.

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erstellt am 09.Okt.2016 | 07:54 Uhr

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