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Schleswiger Nachrichten

27. Juni 2016 | 09:45 Uhr

Helios-Klinikum Schleswig : Vorwurf der Schlamperei mit Krankenakten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein ehemaliger Patient der Kinder- und Jugendpsychiatrie wirft Helios Verstöße beim Datenschutz vor. Chefarzt Jung weist die Kritik zurück.

Schleswig | Die Vergangenheit lässt Björn Rohwer nicht los. Als Jugendlicher verbrachte der heute 33-Jährige Mitte der 90er Jahre aufgrund von Verhaltensstörungen sieben Monate in der Schleswiger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Damals sei er als schizophren abgestempelt worden, berichtet der Mann aus Jevenstedt bei Rendsburg. „Ich habe aber den Verdacht, dass eine Fehldiagnose gestellt und eine Angststörung übersehen wurde“, glaubt er. Björn Rohwer will Klarheit. Deshalb forderte er jetzt die Herausgabe seiner Patientenakte bei der zum Helios-Konzern gehörenden Klinik an. Die wurde ihm auch umgehend zugeschickt – und damit beginnt die Geschichte, die Rohwer fassungslos macht. Er wirft Helios einen massiven Verstoß gegen den Datenschutz vor.

Zwei EEG- und einen CT-Befund schickte ihm die Chefsekretärin der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf Wunsch zunächst per E-Mail zu. „Aber sie war unverschlüsselt! Dabei ist eine E-Mail alles andere als sicher und kann von Unbefugten gelesen werden“, empört sich Rohwer.

Doch damit nicht genug. Als ihn die übrigen rund 200 Kopien seiner Patientenakte später per Post erreichten, traute Rohwer seinen Augen kaum. In den Papieren finden sich auch Angaben über andere Patienten. So wird im Bericht über Rohwers Mitwirken in einer Kochgruppe auch geschildert, wie sich andere Patienten verhielten. Da heißt es zum Beispiel: „Stefanie (Name von der Redaktion geändert) setzt ihren weiblichen Charme gegenüber den anderen Teilnehmern ein und steht gerne im Mittelpunkt.“ Noch gravierender ist ein Eintrag im Stationsbuch, der nicht Björn Rohwer betrifft. „Markus (Name von der Redaktion geändert) warf mit Brot im Fernsehraum – im Flur versuchte er den Schrank umzuwerfen – im Zimmer riss Markus sein Bett auseinander, warf die Teile durch den Raum (...)“, steht dort geschrieben. Der offenkundige Fehleintrag in Rohwers Akte wurde zwar durchgestrichen, aber nicht geschwärzt. Zwar ist nur der Vorname genannt, aber Rohwer ist sich sicher: „Ich könnte den Patienten heute leicht ausfindig machen.“

Der Jevenstedter vermutet, dass die Klinik die Akte vorm Verschicken aus Zeitmangel nicht ausreichend geprüft hat. „Dabei sollten Daten aus psychiatrischen Einrichtungen eigentlich höchst sensibel behandelt werden“, findet er. Auch wundert er sich, welche Dokumente über all die Jahre aufbewahrt wurden. Zum Beispiel ein Brief, den ihm seine Oma in die Klinik geschickt hatte.

Der zur Zeit krank geschriebene Elektroniker hat sich über das Verhalten der Helios-Leute beim Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz (ULD) Schleswig-Holstein beschwert. Dort in Kiel bestätigt die stellvertretende Landesbeauftragte Barbara Körffer, dass das ULD die Schleswiger Kinder- und Jugendpsychiatrie zu einer Stellungnahme aufgefordert und dafür eine Frist bis Mitte Februar gesetzt hat. Das ULD kann bei privaten Einrichtungen Bußgeldverfahren einleiten. Den vorliegenden Fall wolle sie ohne die Helios-Stellungnahme noch nicht bewerten, sagt Körffer. Doch grundsätzlich komme es leider immer wieder vor, dass personenbezogene Daten Dritter in die falschen Hände gerieten. Auch sei häufig ein unsensibler Umgang beim Versenden von E-Mails festzustellen.

Konkret will sich auch Dr. Martin Jung, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, nicht zur Beschwerde von Björn Rohwer äußern. Aus datenschutzrechtlichen Gründen dürfe er dazu nichts sagen, erklärt er auf Nachfrage des sh:z. Doch Jung versichert: „Wir legen gerade in der Psychiatrie höchsten Wert auf Datenschutz.“ Patientenakten würden in der Regel per Post verschickt. „Wir weisen den Patienten darauf hin, dass ein Versand per E-Mail keine sichere Form darstellt.“ Verschlüsselungsmechanismen würden von Helios nicht genutzt, weil auf der Gegenseite die entsprechende Technik meist nicht verfügbar sei, so Jung. Sollten Daten dann doch auf elektronischem Wege auf die Reise geschickt werden, sei dies mit dem Betroffenen abgestimmt.

Dass – wie vermeintlich im Fall Rohwer – Persönlichkeitsrechte Dritter in seiner Klinik verletzt werden, hält der Chefarzt für nahezu ausgeschlossen. „Die Seiten werden ja einzeln kopiert. Dabei wird darauf geachtet, was gegebenenfalls geschwärzt werden muss.“ Beschwerden vom ULD seien ihm in seiner Amtszeit, Jung ist seit 2005 Chefarzt, jedenfalls nicht bekannt.

Schlechte Erfahrungen hat Björn Rohwer nicht nur mit Helios gemacht. Als er unlängst in der Rendsburger Imland-Klinik einen Arztbrief anforderte, wurde ihm auch dieser unverschlüsselt per E-Mail zugesandt. „Name und Geburtstag reichten am Telefon zur Identifizierung.“ Dem Datenschutzbeauftragten des Rendsburger Krankenhauses habe er seine Kritik geschildert. Dieser sei froh gewesen, dass solch ein Fall im Sinne eines besseren Datenschutzes angesprochen wurde, berichtet Rohwer.

 

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erstellt am 23.Jan.2016 | 18:15 Uhr

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