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Schleswiger Nachrichten

06. Dezember 2016 | 23:01 Uhr

Sprachkurse für Flüchtlinge : Volkshochschule am Limit

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

An der Volkshochschule fehlen Platz und Personal: Die geringe Entlohnung macht Deutschlehrer-Stellen unattraktiv.

„Farid, sind Sie hier?“, fragt Hildburg Hornbogen-Stawinoga in den vollbesetzten Klassenraum. In der Hand hält sie eine Liste, auf der sie die Namen der Teilnehmer abhaken möchte. Eine scheinbar einfache Frage führt in vielen Gesichtern zu Verwirrung und Unsicherheit. Farid hört seinen Namen und versteht nicht, was gemeint ist. Nun geht es mit akzentuierten Gesten, Händen und Füßen weiter. Die Worte „hier“ und „da“ werden vermittelt– und schließlich versteht Farid, was gemeint ist: „Ja“, ruft er, „ich bin hier!“

Ein Schlüsselerlebnis, nicht nur für Farid, der nun in seiner Muttersprache zumindest seinen afghanischen Landsleuten im Kurs erklären kann, dass man sich auf diese Liste eintragen muss. Er nimmt mit 17 weiteren Flüchtlingen – Iraner, Iraker, Eritrer und Syrer – an einem Sprachkurs in der Schleswiger Volkshochschule (VHS) teil. Er bietet, so der offizielle Wortlaut, „sprachliche Erstorientierung für Flüchtlinge“. Diese so genannten Staff-Kurse des Volkshochschul-Landesverbandes sollen mit 100 Unterrichtsstunden die Flüchtlinge fit für den Alltag in Deutschland machen.

Was sich in Konzepten sehr gut liest, ist in der Praxis mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden und führt die Beteiligten an den Rand der Belastbarkeit. „Als die Anmeldungen für die neuen Staff-Kurse liefen, haben sich bei uns innerhalb von 24 Stunden im Büro und an den Telefonen über 120 Menschen gemeldet und gehofft, einen Platz zu bekommen“, sagt Nicole Schmölz, die Leiterin der Schleswiger Volkshochschule. Sie hat alle Anmeldungen angenommen. Für die VHS bedeutet das einen Kraftakt. „Wir führen mit jedem Teilnehmer ein Interview, um den passenden Kurs zu finden“, beginnt Hildburg Hornbogen-Stawinoga, die sich genau um diese Verwaltungsangelegenheiten kümmert, „dann müssen persönliche Papiere dokumentiert und Räume organisiert werden.“ Weil das VHS-Gebäude in der Königstraße auf kleine Kurse ausgelegt ist, werden die Flüchtlinge teilweise in Klassenräumen in der Domschule sowie in der „Bildungsbox“ (Jugendaufbauwerk) in der Flensburger Straße unterrichtet.

Darüber hinaus fehlt es an allen Ecken und Kanten an qualifizierten Dozenten. „Diese Woche sind fünf Kurse gestartet, zwei folgen in der kommenden. Wir wissen manchmal nicht mehr, wie wir das mit den zur Verfügung stehenden Dozenten bewerkstelligen sollen“, sagt Schmölz. Lehrer werden dringend gesucht, doch da gibt es zwei Schwierigkeiten. Zum einen die jüngst von Ernst Dieter Rossmann, dem Vorsitzenden des Deutschen Volkshochschulverbandes, eingeräumte unterdurchschnittliche Bezahlung der Dozenten. Nach seinen Berechnungen kommen die Sprachlehrer auf einen Brutto-Monatslohn von 1800 bis 2300 Euro.

Eine besondere Herausforderung stellt es dar, eine Sprache zu vermitteln, ohne auf eine gemeinsame Ausgangssprache zurückgreifen zu können: „Das sind hohe Anforderungen bei geringem Honorar – da braucht es eine große Portion Idealismus“, weiß die Leiterin.

Zudem hat sie nun mit einer gewaltigen Planungsunsicherheit zu kämpfen. Mündlich sei stets in Aussicht gestellt worden, dass das Staff-Projekt bis Ende des Jahres weiterläuft. Nun sei das Ende kurzerhand von Dezember auf Ende Juni vorverlegt worden. „Unsere komplette Planung stand für das laufende Jahr. Sie ist buchstäblich zusammengebrochen“, sagt Schmölz. „Wir wissen bisher nicht, was dann kommt.“

An der VHS hofft man, in irgendeiner Form auch in der zweiten Jahreshälfte weiter Kurse für Flüchtlinge anbieten zu können. Dazu mobilisiert die Volkshochschule alle verfügbaren Kräfte: „Wir haben uns fest vorgenommen, so vielen Flüchtlingen wie möglich Kurse zu geben“, sagt Hildburg Hornbogen-Stawinoga, „denn für Flüchtlinge mit laufenden Asylverfahren und geringer Bleibeperspektive sind wir mit dem Staff-Projekt neben den vielen ehrenamtlich Tätigen die einzige Möglichkeit, Deutsch zu lernen.“ Eine Tatsache, die die VHS-Mitarbeiter zusätzlich motiviert. Gemeinsam denken sie zum Beispiel über Blockkurse nach. So oder so werden dringend Alphabetisierungslehrer benötigt. „Selbst wer fünf Stunden geben kann, ist uns eine große Hilfe“, betont Nicole Schmölz.

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erstellt am 28.Apr.2016 | 10:30 Uhr

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