zur Navigation springen

Schleswiger Nachrichten

03. Dezember 2016 | 22:59 Uhr

Viele Helfer, kaum Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Landesunterkunft Eggebek ist nicht einmal zu zehn Prozent ausgelastet / Betreuer haben Zeit für besondere Projekte

Eine Ferienanlage mit einer Auslastung von weniger als zehn Prozent wäre längst pleite. Die Gesetzmäßigkeiten der freien Wirtschaft aber sind für Flüchtlingseinrichtungen nicht von Belang. Die Landesunterkunft in Eggebek ist mit Betten für 1000 Bewohner bestückt, es stehen dafür 28 Betreuer des DRK zur Verfügung, eine Polizeistation, ein Security-Dienst, Mitarbeiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten und viele freiwillige Helfer. „Es ist egal, wie viele Menschen hier sind, es gibt immer genug zu tun“, sagt die Einrichtungsleiterin Kirsten Jessen. Auch wenn Helfer und Betreuer in voller Mannschaftsstärke vor Ort seien, langweile sich niemand. Es biete sich jetzt vielmehr die Gelegenheit, Netzwerke zu spinnen und Projekte anzuschieben, für die bei vollem Andrang keine Zeit wäre. So wird mithilfe des DRK ein Kräutergarten eingerichtet und eine Sandkiste gebaut. „Viel Aufwand“, sagt Roy Lange, der die Aktivitäten des Deutschen Roten Kreuzes in Eggebek koordiniert.

Über die Zukunft der Einrichtung wollen weder Jessen noch Lange spekulieren. „Das ist auch nicht unsere Aufgabe“, sagt Kirsten Jessen und bestätigt, dass man die Aufgabe auch für den Fall fortführen sollte, dass die Einrichtung irgendwann einmal gar keine Flüchtlinge mehr zu betreuen haben sollte. „Es geht darum, dass wir für den Fall der Fälle gerüstet sind – und darauf bereiten wir uns jetzt vor“, erklärt Kirsten Jessen. Dass auch im Innenministerium kein Gedanke daran verschwendet wird, die Einrichtung in Eggebek mangels Nachfrage eventuell zu schließen, liegt nicht nur an den unvorhersehbaren Flüchtlingsbewegungen, sondern auch an Verträgen: Das Flugplatz gelände, auf dem die Container stehen, ist langfristig von der Gemeinde angemietet – und auch der DRK-Kreisverband hat feste Vereinbarungen für sein Personal geschlossen.

Neben den üblichen Schulungen und dem 30-stündigen Willkommenskurs, der Organisation von Spenden und vielen anderen Aktivitäten bietet das Rote Kreuz in Eggebek eine Fahrradwerkstatt, es gibt einen Raum in dem genäht werden kann und seit Neuestem auch spezielle Angebote für Frauen. „Wir haben einen Treffpunkt eingerichtet, in dem die Frauen komplett unter sich sein können. Der Raum ist nach außen blickdicht abgeriegelt und Männer haben hier keinen Zutritt“, erklärt Roy Lange.

Mit den gestiegenen Temperaturen sind auch die Aktivitäten auf dem Gelände deutlich mehr geworden, Kinder düsen mit Fahrrädern über die frisch gefegte Betonpiste zwischen den Containern, Erwachsene trauen sich zum ersten Mal in ihrem Leben auf Inlineskates, Väter gehen mit ihren Kindern in der Sonne spazieren, und es gab auch schon ein „Länderspiel“ zwischen Syrern und Afghanen mit Mülltonnen als Torpfosten. Es herrscht eine friedliche Stimmung in Eggebek. „Der Eindruck täuscht nicht“, sagt Kisten Jessen, die Menschen fühlen sich hier wohl und in Sicherheit.“ Seit Eröffnung der Einrichtung im Februar habe es nur in zwei Fällen Handgreiflichkeiten gegeben, das Verhältnis zu den Eggebekern sei distanziert, aber freundlich und ohne Probleme.

Gerüchten über Beschwerden von Bewohnern, die sich eingesperrt fühlten, widerspricht Kirsten Jessen. „Davon habe ich noch nichts gehört“, sagt sie, „es ist vielmehr so, dass Bewohner geäußert haben, sie würden gern zu uns zurückkommen, nachdem sie eine eigene Wohnung in einer Gemeinde zugewiesen bekommen hatten.“

Heile Welt und Ferienstimmung in Eggebek? „Nein“, sagt Roy Lange. „Es gibt hier viele schöne und bereichernde Momente. Aber man wird in den Gesprächen immer wieder daran erinnert, dass die Menschen, mit denen wir es hier zu tun haben, in ihrer Heimat und auf der Flucht viel Schreckliches erlebt haben.“

zur Startseite

von
erstellt am 03.Mai.2016 | 19:09 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen