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Schleswiger Nachrichten

01. Juni 2016 | 05:33 Uhr

Gedächtnishalle : Verliert Idstedt sein Gedächtnis?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Besucherzahlen befinden sich im Sinkflug, das Wärter-Ehepaar legt Betreuung nieder – die Stiftung muss Wege aus der Krise finden.

Für wenige Tage stand das kleine Bauerndorf Idstedt im Brennpunkt europäischer Politik. Seit dem 25. Juli 1850 ist der Ort Sinnbild für die Irrwege europäischer Hegemonialpolitik und eines von vielen Beispielen dafür, wie nationalistische Politik zu sinnlosem Blutvergießen führen kann. Ein kleines Museum erinnert an dieses eigentlich wichtige Kapitel schleswig-holsteinischer Geschichte, wird jedoch kaum wahrgenommen. Das Desinteresse an der Idstedt-Gedächtnishalle, die von einer Stiftung ehrenamtlich betrieben und gepflegt wird, spiegelt sich in den Besucherzahlen wider. Am 1. Februar trifft sich der Stiftungsvorstand und wird wichtige Entscheidungen fällen müssen, um die Einrichtung am Leben zu erhalten.

Am 25. Juli 1850 trafen bei Idstedt Truppen der schleswig-holsteinischen und der dänischen Armee aufeinander. Die „Schlacht bei Idstedt“ wird von Historikern „als verlustreichste Schlacht in der Geschichte Nordeuropas“ bezeichnet – 1455 Männer verloren ihr Leben, 5000 wurden verwundet, Idstedt brannte fast vollständig nieder. Vollkommen unnötig, denn bereits am 5. Juli 1850 hatten sich die europäischen Großmächte auf eine Nachkriegsordnung verständigt, nach der das Herzogtum Schleswig im dänischen Gesamtstaat zu belassen sei und die Herrschaft des dänischen Königs als Herzog von Holstein und dessen Mitgliedschaft im Deutschen Bund bestätigt wurde. Die „Erhebung“ deutschgesinnter Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark mit dem Ziel, die Herzogtümer Schleswig und Holstein in einen ersehnten deutschen Nationalstaat zu integrieren, war bereits gescheitert, als 26  000 Schleswig-Holsteiner und 37  000 Dänen aufeinander prallten und das Schlachten in und um Idstedt begann.

Genau darin besteht das Leitmotiv der Ausstellung in dem kleinen Museum: aufzuzeigen, wie vermeidbar dieses Blutvergießen war und wie unnötig Menschenleben geopfert wurden. Eine moderne Interpretation, die eine klare Abkehr vom Idstedt-Mythos früherer Zeit markiert und so einen wichtigen Beitrag leisten kann nicht nur für die Vermittlung der Landesgeschichte. Doch leider, bedauert Stiftungs-Geschäftsführer Herbert Jensen, steht Idstedt an Schulen im Land nicht auf dem Lehrplan. Wäre das anders, hätte es das kleine Museum nicht so schwer. Tatsächlich nämlich hat dessen Siechtum längst einen Höhepunkt erreicht.

Besuchten im Jahr 2004 noch rund 1600 Besucher die Ausstellungsräume, so sank die Zahl bis 2014 auf nur noch 784. Und nach Ansicht Jensens dürften es im vergangenen Jahr kaum besser gelaufen sein. Dass die Kulturstiftung des Kreises in den vergangenen Jahren immer wieder Sonderausstellungen in den Räumen organisiert hat, hat den Zuspruch auch nicht nachhaltig verbessert.

Der stete Besucherrückgang ist nicht das einzige Problem, das die Zukunft der Idstedt-Gedächtnishalle in Frage stellt. Viel schwerer wiegt, dass jeden Tag Schluss sein könnte mit der Betreuung der Halle. 47 Jahre lang hat diese Aufgabe Lothar Matschulat übernommen, und der ist nun – wie er sagt – „durch mit dem Thema“. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen – dem 74-Jährigen wurde ein Bein amputiert – will er das Kapitel Idstedt-Halle so schnell wie möglich abschließen. Auch die mangelnde Unterstützung durch die Stiftung liegt dem gelernten Schlachter, der die Halle und das Umfeld nebenbei pflegt, während seine Frau Carla die angeschlossene Gastronomie betreute, schwer im Magen.

Das Fass zum Überlaufen brachte für ihn nach vielen Ärgernissen in den vergangenen Jahren die neu eröffnete kleine Kolonisten-Ausstellung, von der die Ausstellungsmacher sagten, der Eintritt sei frei, die Stiftung hingegen das Gegenteil verfügte. „Jetzt sollen wir uns auch noch mit den paar Besuchern, die kommen, um den Eintritt streiten. Ohne uns!“, sagt Matschulat, der inzwischen eine Wohnung im Dorf gemietet hat und demnächst aus der Wärter-Wohnung in der Idstedt-Halle ausziehen wird. Wie es dann in der Gedächtnishalle weitergeht? „Das geht uns nichts mehr an.“

Seit einem Jahr weiß man bei der Stiftung um den geplanten Abgang des Wärter-Ehepaares Matschulat, doch eine Nachfolge gibt es noch nicht. Und jemanden zu bekommen, der die Außenflächen pflegt, Eintrittskarten verkauft, die Halle sauber hält und darüber hinaus auch noch die angeschlossene, vollkommen veraltete Gaststätte betreibt, dürfte schwer werden. Denn die Gastronomie, sagt Jensen, müsste grundlegend saniert werden, um sie überhaupt betreiben zu dürfen. Doch dafür hat die Idstedt-Stiftung kein Geld. Jensen: „Unser Haushalt ist mit einem Volumen von 20  000 Euro im Jahr auf Kante genäht, eine komplett neue Küche ist da nicht drin.“ 

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erstellt am 19.Jan.2016 | 12:27 Uhr

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