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Schleswiger Nachrichten

05. Dezember 2016 | 09:30 Uhr

Schleswiger Werkstätten : Trotz Behinderung ein tolles Team

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Schleswiger Werkstätten bieten ausgelagerte Arbeitsplätze an: Martin Wege und Patrick Kröger bewähren sich bei einem Reifenservice.

„Während der Saison muss das Wechseln von Sommer- auf Winterreifen zügig funktionieren“, erklärt Marcus Obloch, Geschäftsführer bei Reifen Boysen in Flensburg. „Im normalen Tagesgeschäft wird es da schon mal stressig. Deshalb sind wir froh, dass wir Martin und Patrick haben.“ Martin Wege und Patrick Kröger sind behindert, arbeiten eigentlich bei den Schleswiger Werkstätten. Doch ihre Arbeitsplätze sind „ausgelagert“, und so sind sie eine große Entlastung für ihre Kollegen bei Reifen Boysen.

Wege und Kröger sorgen dafür, dass die Reifen der Kunden rechtzeitig und vor allem aufgearbeitet für die Montage zur Verfügung stehen. Dabei arbeiten sie Hand in Hand als perfektes Team miteinander. Dass die beiden sich gefunden haben, ist zu einem großen Teil Veit Bartenstein von der Schleswiger Arbeitsbegleitung (SAB), der ambulanten Arbeits- und Berufsbildungseinrichtung der Schleswiger Werkstätten, zu verdanken. Er kennt beide gut und hatte die Idee, sie zusammenzubringen.

Patrick Kröger arbeitete seit vielen Jahren in der Montagegruppe der Schleswiger Werkstätten. Das bekam er trotz einer schweren Sehbehinderung sehr gut hin, denn alles, was er optisch nicht wahrnehmen konnte, macht er durch seine Fingerfertigkeit wett. „Ich wollte gerne mal etwas anderes machen, aber ich wusste nicht, was zu mir passt“, erzählt er. „Da wir nicht genau einschätzen können, was Patrick überhaupt sehen kann, war es eine echte Herausforderung, eine passende Alternative für ihn zu finden“, erinnert sich Bartenstein. Fündig wurde er eher durch Zufall: Bei einer seiner regelmäßigen Touren besuchte er Martin Wege, der bei Reifen Thomsen in Schleswig einen ausgelagerten Arbeitsplatz bekleidet. Dort erledigt der junge Mann mit Lernbehinderung Hausmeistertätigkeiten und begleitet seine Kollegen mit in die Kiesgrube, um bei großen Lkw die Reifen zu wechseln. „Beim Blick auf die Wuchtmaschine fielen mir die großen und sehr klaren Symbole auf dem Bedienfeld der Maschine auf.“ Er habe sofort an Patrick Kröger gedacht, erinnert sich der Diplompädagoge.

Mit Kfz-Mechatroniker Ralf Blum vereinbarte er ein Praktikum. „Das Reifenwuchten hat auf Anhieb gut funktioniert“, bestätigt Kröger. Dirk Thomsen, Inhaber der Firmen Thomsen und Boysen, war gerne dazu bereit, auch Patrick Kröger einen ausgelagerten Arbeitsplatz anzubieten.

Weil Reifen nicht nur in Schleswig gewuchtet werden müssen, dachten die Beteiligten noch einen Schritt weiter. „Aus Martin und Patrick wurde ein Team“, erzählt Veit Bartenstein, „und die Zwei sind nun an verschiedenen Standorten tätig und bringen die Reifenlager auf Vordermann“. Damit das funktionieren kann, hat Dirk Thomsen einen Firmenwagen zur Verfügung gestellt, den Martin Wege nutzen darf. „Damit hole ich Patrick morgens ab, denn für ihn wäre die Anreise wegen seiner starken Sehbehinderung allein nicht möglich“, erklärt er.

In den Standorten angekommen, läuft die Arbeit fast wie von selbst. Die Beiden wissen, was sie zu tun haben, erledigen ihre Aufgaben selbstständig. Die Reifen werden in einem Ultraschallbad gereinigt und anschließend ausgewuchtet. Schließlich sollen sie später am Auto auch richtig rund laufen. Schnell hat sich für das Team der Name „Waschi und Wuchti“ verfestigt. „Das finden wir okay“, bestätigen beide. Sie identifizieren sich mit ihren Jobs.

Trotzdem reißt die Verbindung zu den Schleswiger Werkstätten nicht ab. Dort bleiben sie beschäftigt. Diese Gewissheit und die Tatsache, dass die Werkstätten ihnen den Rücken stärken, schafft Sicherheit. Die Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt, wie es offiziell heißt, stellt höhere Erwartungen: „In der Werkstatt kann man sich seine Arbeit einteilen. Hier ist es stressiger, aber das macht mir nichts“, betont Martin Wege. Die Begleitung durch Veit Bartenstein ist für beide von großer Bedeutung, denn alle Problem und Sorgen können sie regelmäßig besprechen.

Das Konzept des ausgelagerten Arbeitsplatzes schafft nach Ansicht Bartensteins eine echte Win-win-Situation: Für Wege und Kröger haben sich völlig neue Herausforderungen und Möglichkeiten eröffnet. Für ihre Kollegen bringen „Waschi und Wuchti“ eine willkommene Entlastung im täglichen Arbeitsalltag.  

> Nähere Infos zu ausgelagerten Arbeitsplätzen: www.schleswiger-arbeitsbegleitung.de.

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