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Schleswiger Nachrichten

09. Dezember 2016 | 20:32 Uhr

Führerschein gegen Fahrkarte getauscht : Statt Mercedes fahren sie jetzt Bus

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gertraud Gehrts und ihre Schwester Ruth Steensen aus Schleswig haben nach über 60 Jahren freiwillig ihren Führerschein abgegeben.

Schleswig | Ihre Namen im Zusammenhang mit einem Unfall in der Zeitung lesen, das wollten Gertraud Gehrts und ihre Schwester Ruth Steensen nicht. Und doch wären sie kürzlich fast in einen Unfall verwickelt gewesen. „Wir mussten stark abbremsen und so ist zum Glück nichts passiert“, erzählt Gertraud Gehrts. Dieser Moment hat jedoch Spuren bei der 90-Jährigen und ihrer drei Jahre älteren Schwester Ruth hinterlassen. Deshalb haben sich die beiden entschieden, ihren Führerschein abzugeben und ihn gegen eine kostenlose Busfahrkarte zu tauschen. Sie gehören laut Jan Wiese, Leiter der Straßenverkehrsbehörde in Schleswig und der Außenstelle Flensburg, zu den 86 Senioren im Kreis, die in diesem Jahr freiwillig auf ihre Fahrerlaubnis verzichtet haben.

Schwer gefallen ist ihnen der Schritt nach eigener Aussage nicht. Ruth Steensen hatte schon seit einiger Zeit vor, ihren „Lappen“ abzugeben. Ihre Schwester hat sie aber immer wieder überzeugt, ihn noch ein bisschen länger zu behalten. Doch nun ist Schluss damit. Ihr Sohn habe, so Gertraud Gehrts, nach dem Entschluss den Mercedes sofort mitgenommen, damit sie nicht mehr auf die Idee kämen, sich noch einmal ins Auto zu setzen. „Dabei wollte ich noch zum Baumarkt fahren“, sagt sie und lacht. Die Schwestern, die zusammen in einem Einfamilienhaus am Schleswiger Kloster wohnen, fahren jetzt immer mit dem Bus in die Stadt und laufen manchmal zurück, erzählen sie. „Für den Einkauf haben wir uns einen Hackenporsche zugelegt.“ Außerdem kommt Gertraud Gehrts Sohn einmal pro Woche vorbei und besorgt mit seiner Mutter und seiner Tante Getränke, Katzenfutter und Streu.

So vorbildlich wie die Seniorinnen handeln Wiese zufolge aber nicht alle. „Einigen müssen wir sogar die Fahrerlaubnis entziehen“, betont er. „Das kostet dann 203,45 Euro an Verwaltungsgebühren.“ Während im Kreis viele ältere Menschen ihren Führerschein abgeben, ist das in der Stadt Flensburg relativ selten. „Das kostenlose Busticket ist sicherlich eine Motivation“, sagt Wiese. In Flensburg gibt es das Angebot nicht.

Die Beteiligung an Unfällen nimmt im hohen Alter zu. Aus einem Polizeibericht geht hervor, dass die Hauptursachen der Unfälle, die durch Senioren verursacht werden, Vorfahrtmissachten, falsches Abbiegen, nicht angepasste Geschwindigkeit und Fehler beim Überholen sind. Wenn ein älterer Autofahrer laut Polizeibericht aus einem dieser Gründe auffällig ist, führt die Straßenverkehrsbehörde mit ihm ein Gespräch, um festzustellen, ob eine amtsärztliche Untersuchung nötig ist. „Wenn alles gut ist, kann der Betroffene weiter Autofahren“, so Wiese. Die Fahrerlaubnis abzugeben, sei für viele ein emotionaler Moment. Oft kommen die Kinder deshalb mit ihren Eltern in die Behörde.

Die beiden Schwestern haben ihre Entscheidung, auf den Führerschein zu verzichten, nicht bereut, obwohl sie seit über 60 Jahren hinter dem Steuer sitzen und viel mit dem Auto und einem Wohnmobil herumgefahren sind. Ihr Mann sei Fahrlehrer gewesen, erzählt Ruth Steensen, und so habe auch sie zehn Jahre lang vielen Menschen das Fahren beigebracht. Zuerst, ohne selbst eine Fahrerlaubnis zu haben, lediglich den Fahrlehrerschein. „Die Regierung hat mich irgendwann aufgefordert, den Führerschein zu machen“, sagt sie lachend. In den zehn Jahren ist die 93-Jährige sowohl mit Automatikschaltung als auch mit der manuellem Schaltgetriebe gefahren – inklusive Zwischengas.

Doch für immer wollte sie keine Fahrlehrerin sein. „Die Schüler nahmen immer nur abends Fahrstunden, denn tagsüber waren sie ja berufstätig“, erklärt sie. Außerdem, gibt sie zu, habe sie sich nicht besonders gut dabei gefühlt, ihre Fahrschüler zu zusätzlichen Stunden zu überreden. Durch eine Fahrschülerin, die Konrektorin war, kam sie in ihrem damaligen Wohnort, dem rheinland-pfälzischen Neustadt an der Weinstraße, an eine Schule. „Ich war ja eigentlich Lehrerin“, stellt sie klar.

Auch Gertraud Gehrts ist über ihre Schwester zum Führerschein gekommen. „Sechseinhalb Fahrstunden habe ich dafür gebraucht“, erinnert sich 90-Jährige, die ursprünglich aus Pommern kommt und in Husum und Fahrdorf gewohnt hat. Und fügt hinzu: „Damals war es nicht üblich, dass Frauen Auto gefahren sind.“ Auch sie war Lehrerin, unterrichtete Sport, Handarbeiten, Stenografie und Maschinenschreiben.

Dass die Seniorinnen bis ins hohe Alter Auto gefahren sind, liegt nicht nur daran, dass sie gesundheitlich fit sind. „Wir sind noch nie geblitzt worden und haben keine Punkte in Flensburg“, erzählt Gertraud Gehrts stolz. Außerdem geht nicht ein Unfall auf ihr Konto – lediglich ein paar Kratzer hat ein Fahrzeug davongetragen. „Meine Schwester fuhr stets vorsichtiger, ich dagegen etwas temperamentvoller“, gibt die jüngere der beiden schmunzelnd zu.

Nun haben die beiden ihr Tempo heruntergefahren. Das zeigt sich auch auf dem Weg zum Wochenmarkt, wo sie für das Mittagsessen einkaufen wollen. Ruth Steensen hakt sich bei ihrer Schwester ein und macht sich langsam mit ihr auf den Weg zur Bushaltestelle.

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erstellt am 24.Okt.2016 | 11:25 Uhr

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