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Gitte Hænning in Schleswig : Sie kann immer noch alles

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gitte Hænning brilliert beim Konzert in der „Heimat“ mit ihrer Stimmgewalt – nur der gute alte Schlager kommt manchem Zuhörer zu kurz.

Mit „Lampenfieber“ in modernem Arrangement weckte Gitte Hænning Freitagabend in der „Heimat“ in ihren etwa 600 Zuhörern die Lust auf das weitere Programm, das eine Reise durch verschiedene Musikstile versprach. Die emotionale Nähe zu den erwartungsvollen Gästen stellte die Sängerin sogleich her, weil sie sich „im wunderschönen Haus, liebevoll dekoriert“ wohlfühlte.

Das merkte man ihr an, denn sie gab alles. Schon beim nächsten Song, einem Liebeslied auf Schwedisch, konzentrierte man sich wegen des zumeist unverstandenen Inhalts allein auf ihre außergewöhnliche Stimme. Diese hat bei der fast 71-Jährigen nichts eingebüßt gegenüber ihren Jugendjahren, als sie zu den beliebtesten Interpretinnen des deutschen Schlagers gehörte.

Doch schon ihre nächste Ansage ließ aufhorchen: Sie wolle nicht immer die alten Wiederholungen, sondern mit neuen Versionen durch den Abend führen. Das beklatschten viele – aber bei weitem nicht alle. Hier begannen Erwartungshaltung und Bühnenshow auseinanderzudriften.

Auf hohem Niveau wechselte die Gesangs-Ikone von sehr laut poppig zu gefühlvoll-tröstlich, verpackte das Verlangen nach Sehnsucht und Lust in den Ausdruck von Stimme und Mimik und vermittelte mit „Salz in der Luft“ einen musikalischen Eindruck von Dänemarks Küsten im Frühling.

Dank ihrer zauberhaften Stimme brillierte die Sängerin in Neubearbeitungen und bewies ihre Klasse in Jazz- und Blues-Interpretationen. Eine perfekte Begleitung durch ihr ambitioniertes Programm gewährleistete ihre Band: Friedemann Matzeit (Klavier und Saxofon), Benedikt Reidenbach (Gitarre), Thomas Alkier (Schlagzeug) sowie Oliver Potratz (Bass). Alle bekamen in Soli Gelegenheit, in der virtuosen Beherrschung ihrer Instrumente internationales Format zu zeigen.

Gitte Hænning will immer noch alles, „nie mehr zu früh zufrieden sein“. Bei diesem Erfolgshit von 1983 klatschte das ganze Publikum mit; doch es blieb der einzige Anflug von Schlager-Mentalität. Gitte hatte damals einen Imagewechsel vollzogen zu einer Popsängerin. Auch jetzt bewies sie, dass man mit Musik Vieles machen kann: „Sentimental journey“ verjazzen oder Jazz verpoppen. Gitte kann immer noch alles, Frauenpower verkörpern, Erotik in die Blues-Stimme packen oder Wut, wo der Inhalt das erfordert.

Nach einem Swing-Medley spürte sie dann aber eine halbe Stunde nach der Pause doch die Anstrengung in der Stimme. Ihre Anekdoten gerieten etwas zu langatmig und waren eher narrativ als informativ. Aber Gitte brachte sich damit auf den Punkt genau wieder fit für „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ in witzigem Sprechgesang und mit Bob Dylans rockig aufgemotztem „The answer is blowing in the wind“.

Zum Schluss steigerte sich die Jazz-Liebhaberin zum Energiebündel, das trotz ihrer Jahrzehnte im Showgeschäft nicht die Freude am Beruf und am Leben verloren hat. In ihrer letzten Zugabe sang sie „nur für das Schleswiger Publikum und sein schönes Veranstaltungsheim“.

Gitte Hænning hat sich mit ihrer Stimme, die nichts an Strahlkraft verloren hat, stark, gefühlvoll, zeitlos und pur präsentiert. Und dennoch gingen vor allem ältere Jahrgänge enttäuscht nach Haus: Aus ihrem enormen Repertoire hatte sie gestrichen, was sie in ihrem ersten Künstlerleben bekannt gemacht hatte – den deutschen Schlager.

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