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Schleswiger Nachrichten

09. Dezember 2016 | 02:58 Uhr

Helios-Klinik Schleswig : Schwere Vorwürfe: Klinikchef weicht Fragen aus

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ärzte klagen über schlechte Bedingungen im Schleswiger Krankenhaus und sorgen sich um die Patienten. Geschäftsführer Näthke weist die Kritik zurück.

Darauf haben die Stadt Schleswig, der Kreis und die Politik ein Jahrzehnt lang mit hingearbeitet: Das neue Krankenhaus geht am 16. Juli in Betrieb. Doch obwohl Schleswig stolz sein kann auf ein Krankenhaus mit anerkannt qualifizierten Ärzten und Pflegekräften, hat der Einzug in den Neubau einen bitteren Beigeschmack. Erneut liegen den Schleswiger Nachrichten aus der Ärzteschaft schwerwiegende Anschuldigungen gegen die Geschäftsführung des Helios-Klinikums vor: Wegen rigider Personaleinsparungen werde das Krankenhaus „an den Rand der Handlungsunfähigkeit befördert“, heißt es. Ärzte sprechen gar von einem „hohen Risiko für Notfallpatienten“, die an Wochenenden oder nachts auf der Intensivstation versorgt werden müssen, weil Arztstellen reduziert worden seien und sich die überwiegend tätigen Assistenzärzte dort als Berufsanfänger oftmals überfordert fühlten.

Kritiker bemängeln, dass große Krankenhausbetreiber ihre Kliniken zu wirtschaftlich ausrichten. Das geht oft zu Lasten von Personal und Patienten.

Dass Klinik-Beschäftigte mit der zunehmenden Arbeitsverdichtung kämpfen, dass sich gestandene Ärzte von der Helios-Geschäftsführung unfair behandelt fühlen und in ungewöhnlich großer Zahl das Haus verlassen, dass medizinische Probleme von der Geschäftsführung nicht ernst genommen werden – dies haben die Schleswiger Nachrichten aus Gesprächen mit Insidern erfahren, die die Situation im Schleswiger Krankenhaus nach eigenen Worten nicht länger mit ihrem Gewissen vereinbaren können und wollen.

Wir konfrontierten daher den verantwortlichen Geschäftsführer des Helios-Klinikums, John Friedrich Näthke, mit den Vorwürfen und stellten ihm dazu konkrete Fragen. Jetztg kam seine Antwort. Jedoch: Diese zielte längst nicht auf alle von uns gestellten Fragen ab und berührte meist auch nicht deren Kern. Näthke beließ es vielmehr bei teilweise allgemeinen Statements zum Helios-Klinikgeschäft.

Die Situation auf der Intensivstation

Wie zum Beispiel auf unsere Frage: „Auf der Intensivstation sollen Patienten gefährdet sein, weil Sie als Geschäftsführer trotz des massiven Widerstands von Ärzten und Betriebsrat den Nachtdienst von zwei auf einen Arzt reduziert haben. Ist aus Ihrer Sicht die medizinische Versorgung dort während der Nacht und an Feiertagen noch vertretbar?“ Dazu Näthke: „Zuallererst möchte ich versichern, dass die medizinische Versorgung unserer Patienten durchgehend, also auch während der Nachtdienste, gewährleistet ist. Unserem medizinischen Versorgungsauftrags sind wir uns bewusst und erfüllen diesen auch.“

Wir hakten nach, warum er als Geschäftsführer angeordnet habe, dass sechs Betten auf der Intensivstation wegen Personalmangels gesperrt worden seien, und dies seit Monaten. Darauf Näthke: „Dass sechs Betten auf der Intensivstation gesperrt worden sind, ist nicht richtig. Es sind lediglich zwei – vier weitere auf der sogenannten Intermediate Care Station. Ich versichere Ihnen, dass dies erstens kein Dauerzustand sein wird und wir zweitens unseren medizinischen Versorgungsauftrag dauerhaft erfüllen werden.“

Zu diesem Punkt ist nach Informationen der Schleswiger Nachrichten zu ergänzen, dass die Intermediate Care Station räumlich zur Intensivstation gehört (nur können hier nicht alle intensiv-medizinischen Maßnahmen vorgenommen werden). Unterm Strich sind es jedoch zwei plus vier Betten auf der Intensivstation – also sechs, die wegen der Sperrung nicht belegt werden dürfen.

Warum verlassen so viele Ärzte das Krankenhaus?

Zu unserer Frage, warum auffallend viele Ärzte das Schleswiger Krankenhaus seit Monaten verlassen, darunter Chef- und Oberärzte, aber auch etliche mit ihrer Ausbildung unzufriedene Assistenzärzte, erklärt der Klinikgeschäftsführer: „Fakt ist, dass die Zahl der Vollkräfte im ärztlichen Dienst seit 2014 nahezu gleich geblieben ist. Dass sich Ärzte dazu entscheiden, ein Krankenhaus für andere Aufgaben zu verlassen, ist deutschlandweit völlig normale Praxis.“ Und weiter betont Näthke: „Offene Stellen werden neu besetzt. Dass dies nicht immer sofort erfolgen kann, ist ebenfalls nicht ungewöhnlich und ganz sicher kein ,Schleswiger Problem‘. Wir bedauern kurzzeitige Engpässe sehr und werden kurzfristig Abhilfe schaffen.“ Bisher seien jedoch mehrere Oberarztstellen nicht wieder besetzt worden, heißt es dazu aus Ärztekreisen.

Keine genauen Angaben zu den Mitarbeiterzahlen

Mitarbeiterzahlen nennt Näthke nach wie vor gar nicht. So behält es die Geschäftsführung für sich, wie der Personalstand 2014 war, wie viele Beschäftigte seither gegangen sind oder gekündigt wurden. Nicht einmal Klinik-Mitarbeiter selbst wissen genau, wie viele der offenen Stellen genau nachbesetzt wurden.

Nicht beantwortet wird auch unsere erneute Frage nach dem Personalschlüssel im Schleswiger Krankenhaus – also wie das Verhältnis von Klinikmitarbeitern zu Patienten aussieht. Dafür nennt John Friedrich Näthke andere Zahlen, mit denen allerdings Außenstehende nichts anfangen können – übrigens auch Klinik-Insider nicht. So führt Näthke an: „Die medizinische Qualität kann anhand fester Ziele gemessen werden. Im Jahr 2013, noch unter Damp-Trägerschaft, lag die Quote der Erreichung dieser Qualitätsziele bei 71 Prozent. Wir konnten diesen Wert nun 2014 auf 88 Prozent steigern, 2015 auf 85 Prozent. Darauf können alle Mitarbeiter stolz sein.“ Welche Ziele das genau sein sollen, wie diese Zahlen überhaupt einzuordnen und zu bewerten sind, welche Art der Patientenbefragungen dabei eine Rolle gespielt haben mag – das bleibt im Dunkeln.

Der Umgang mit dem Personal

Noch einmal zur hohen Personal-Fluktuation im Krankenhaus von über zehn Prozent, die auch vom Marburger Bund heftig kritisiert wurde. Die Schleswiger Nachrichten fragten: „Was spricht eigentlich von Ihrer Seite dagegen, ein eingespieltes und geschultes Stammpersonal so fair und ordentlich zu behandeln, dass es bleiben möchte und somit auch wieder eine gewisse Kontinuität im Krankenhaus einkehren würde?“

Geschäftsführer Näthke erklärt: „Ganz ausdrücklich verwahre ich mich gegen den Vorwurf, wir würden unser Personal nicht fair und ordentlich behandeln. Bei uns werden Ärzte umfassend und gut ausgebildet. Das Interesse an unserem Haus zeigt sich nicht zuletzt an der hohen Nachfrage für das Praktische Jahr.“

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erstellt am 11.Mai.2016 | 14:02 Uhr

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