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Schleswiger Nachrichten

07. Dezember 2016 | 23:25 Uhr

Holger Rüdel geht in den Ruhestand : Schleswigs ewiger Museumsdirektor

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

32 Jahre lang hat Holger Rüdel die Kulturverwaltung in der Stadt Schleswig geleitet – am Donnerstag ist sein letzter Arbeitstag.

Das Stadtmuseum ist eine Baustelle. Jeder Besucher sieht das sofort. Das Teddybär-Haus auf der linken Seite des historischen Günderothschen Hofes im Friedrichsberg ist seit Monaten hinter einem Baugerüst verborgen. Wie lange es noch dauert, bis das marode Fachwerk saniert ist, das zählt jetzt nicht mehr zu den Problemen, mit denen sich Holger Rüdel beschäftigen muss. Er hat heute seinen letzten Arbeitstag. Nach 34 Jahren als Museumsdirektor tritt der 65-Jährige in den Ruhestand.

Er verlässt ein Haus, das auch im übertragenen Sinne eine Baustelle geworden ist. Seit vor einem Jahr ruchbar wurde, dass der Landesrechnungshof im Stadtmuseum ein gewaltiges Einsparpotenzial ausgemacht hat, weiß niemand, wie es genau weitergeht. Hinter verschlossenen Türen tagt eine Lenkungsgruppe, die Vorschläge entwickeln soll für die Zukunft des Museums. Konkrete Ergebnise, so heißt es, gebe es noch nicht. Die Ratsversammlung hat das Geld für die Neubesetzung der Museumsleiterstelle bislang nicht freigegeben. Über dieses Thema möchte Holger Rüdel öffentlich nicht reden. Lieber blickt er zurück auf das, was er erreicht hat, seit er 1984 das Ruder übernahm. Schon damals war das Stadtmuseum eine Baustelle – im realen wie im übertragenen Sinne. Damals wurde das Stallgebäude gegenüber vom Teddybärhaus saniert. Im Hauptgebäude gab es keine Zentralheizung. Die alten Öfen waren kaum in der Lage, die Räume so warm zu halten, dass die Ausstellungsstücke keinen Schaden nahmen. Und die Zukunft des Hauses war mehr als ungewiss. „Es drohte völlig unterzugehen, wenn man keinen neuen Schwung reinbringt“, sagt Rüdel. Sein Vorgänger Theo Christiansen hatte sich als Chef der städtischen Kulturverwaltung nur nebenamtlich um das Museum kümmern können. Genau wie heute stritten die Ratsfraktionen um die Neubesetzung der Stelle. Rüdel war als arbeitsloser Historiker im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus Kiel in seine Heimatstadt Schleswig zurückgekehrt – zunächst als Assistent des bereits pensionierten Theo Christiansen, der das Museum ehrenamtlich weiterführte. Nach zwei Jahren und nach erfolgreich abgeschlossener Doktorarbeit wurde Rüdel zum Direktor befördert. Er hatte innerhalb der Stadtverwaltung immer auch andere Aufgaben, war für den Tourismus zuständig, leitete ein Jahr lang interimsmäßig die Volkshochschule. In den letzten fünf Jahren war er auch für die Stadtbücherei verantwortlich. So nennt er heute, wenn er die größten Erfolge seiner Dienstzeit aufzählt, auch die Erfindung der Wikingertage 1986 (gemeinsam mit dem Gottorfer Experimentalarchäologen Harm Paulsen).

Vor allem aber bleibt der Name Holger Rüdel verbunden mit dem Thema Fotografie. Seine große Leidenschaft. Ursprünglich hatte er Bildjournalist werden wollen. Schnell machte er Foto-Ausstellungen zu einem Schwerpunkt – und machte das Stadtmuseum damit zum Gesprächsthema. Manchmal nur innerhalb der Stadt, zum Beispiel als er in den Achtziger Jahren an die verdrängte Zeit des Nationalsozialismus in Schleswig erinnerte. Aber auch überregional sorgte er immer wieder für Schlagzeilen. Zum ersten Mal geschah das 1992 mit einer Ausstellung namens „Bilderlust“. Manche Kritiker hielten die erotischen Fotografien, die dort zu sehen waren, für Pornografie. Auf der Suche nach dem Skandal reisten Reporter aus der ganzen Republik an die Schlei. Vier Jahre später, mit einer Ausstellung des brasilianischen Starfotografen Sebastião Salgado etablierte sich das Stadtmuseum dann endgültig als seriöse Adresse für Fotokunst.

Derzeit sind hier Aufnahmen des US-amerikanischen Naturfotografen Art Wolfe zu sehen. Egal was die Zukunft bringt – dies wird nicht die letzte Fotoausstellung im Stadtmuseum sein. Rüdel spricht darüber nur in Andeutungen. Aber offenbar hat der nächste Starfotograf längst zugesagt, und zwar für 2018. Rüdel selbst wird sich dann um andere Projekte kümmern. Auch dazu sind ihm lediglich Andeutungen zu entlocken. So viel verrät er: Ein namhaftes Unternehmen aus der Region hat ihn engagiert, um Foto-Ausstellungen in den Firmenräumen zu kuratieren. „Es wird keine Konkurrenz für das Stadtmuseum sein“, sagt er. Das habe er seiner bisherigen Stellvertreterin und kommissarischen Nachfolgerin Dörte Beier versichert.

Über die Zukunft des Hauses, das er heute verlässt, will er ja eigentlich nicht sprechen. Aber da er schon angefangen hat mit dem Andeuten, blickt er aus dem Fenster seines Büros auf die Baustelle Teddybärhaus und sagt: „Das Teddybärhaus ist ja vom Land als kulturtouristisches Projekt gefördert worden unter der Bedingung, dass es bis zum Jahr 2027 Bestandteil des Stadtmuseums bleibt.“ Das soll wohl heißen: Egal was die Lenkungsgruppe hinter den verschlossenen Rathaustüren sich ausdenkt – zumindest für die nächsten elf Jahre macht sich Rüdel keine Sorgen, dass die Lichter im Günderothschen Hof ausgehen könnten.

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erstellt am 29.Sep.2016 | 12:58 Uhr

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