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Standortschliessung : Schleswiger Hermes-Boten: Staatsanwaltschaft ermittelt weiter

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Versand-Riese Hermes hat den Standort Schleswig geschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Subunternehmer.

Schleswig | Die Lagerhalle in der Schleswiger Werner-von-Siemens-Straße steht zum Verkauf. Hier, wo noch bis vor wenigen Monaten die Firma KDG Transporte GmbH im Auftrag des Logistikunternehmens Hermes Pakete verladen hat, herrscht gähnende Leere. Nach diversen schwerwiegenden Vorfällen hat der Hamburger Versand-Riese die Zusammenarbeit mit seinem Schleswiger Service-Partner beendet. „Pakete, die in und um Schleswig zur Auslieferung kommen, werden bis auf Weiteres über andere Standorte abgewickelt“, teilte Hermes-Pressesprecher Ingo Bertram auf Nachfrage des sh:z mit.

Vor ziemlich genau einem Jahr waren die Schleswiger Hermes-Boten erstmals in die Schlagzeilen geraten. Bei einer umfangreichen Polizeikontrolle auf dem Firmengelände im Gewerbegebiet St. Jürgen hatten die Beamten nicht nur etliche technische Mängel an den Fahrzeugen festgestellt. Bei mehreren der 38 kontrollierten Transporter fehlten auch Tüv oder sogar Versicherungsschutz. Insgesamt zählte die Hermes-Flotte am Standort Schleswig 45 Autos.

Als Generalunternehmer für Hermes tätig, unterhielt die Firma KDG Transporte mit Hauptsitz in Solingen seit Februar 2015 eine Niederlassung an der Schlei – und beschäftigte wiederum ihrerseits Subunternehmer mit dem Verteilen der Pakete. Die Kuriere, überwiegend Rumänen, waren zwar in Fahrzeugen mit Hermes-Schriftzug unterwegs, arbeiteten aber auf eigenes Risiko – schlecht bezahlt und gefangen in einem schwer durchschaubaren Geflecht aus Sub-Sub-Unternehmen. „Das waren ganz arme Schweine“, weiß ein Insider. Der Leiter der Schleswiger KDG-Niederlassungsstelle, Özkan K., wies hingegen damals alle Vorwürfe zurück.

Im vergangenen September gingen dann Staatsanwaltschaft und Zoll mit einer Razzia gegen die Hermes-Fahrer vor. Der Verdacht: Schwarzarbeit. Auch Vertreter von Unfallkasse und Gewerbeaufsicht waren dabei, als die Beamten die Lagerhalle in der Werner-von-Siemens-Straße sowie zwei Wohnungen in der Stadt durchsuchten.

„Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Es wird wohl noch mindestens zwei weitere Monate dauern“, teilte Oberstaatsanwalt Dr. Henning Hadeler von der Staatsanwaltschaft Kiel jetzt auf Nachfrage mit. Seine Behörde ist für Wirtschaftskriminalität zuständig. Der Schleswiger Fall spiegele eine für das Gewerbe typische Konstellation wider, sagte Hadeler. Es handele sich um Kurierfahrer, die zwar formal selbstständig, aber ausschließlich für einen einzigen Auftraggeber tätig gewesen seien. Dann müsse man von Scheinselbstständigkeit ausgehen. Damit verbunden sei das Nichtabführen von Sozialversicherungsbeiträgen – im Volksmund: Schwarzarbeit. Die Betroffenen seien mit den rechtlichen Bedingungen oftmals gar nicht vertraut, so Hadeler.

Hermes, das den Schleswiger Standort anfangs selbst betrieben hatte, verweist darauf, dass es die Vertragspartner regelmäßig unter die Lupe nehme. Dafür habe man vor etwa fünf Jahren ein Zertifizierungsverfahren entwickelt, erklärte Unternehmenssprecher Bertram. Die Partner seien zur Einhaltung gewisser Kriterien verpflichtet. „Faire, gesetzeskonforme Arbeitsbedingungen zählen ebenso dazu wie ein verkehrssicherer, Tüv-konformer Fuhrpark, aber auch die unbedingte Toleranz und Akzeptanz von Mitarbeitern unabhängig von Geschlecht, Religion, Herkunft oder sexueller Identität.“ Würden bei den Überprüfungen Missstände aufgedeckt, „so sind diese je nach Schwere unmittelbar oder im Rahmen einer individuellen Frist abzustellen“. Und weiter: „Können Mängel beziehungsweise Verstöße des Verhaltenskodexes nicht oder nicht in der von Hermes gesetzten Frist beseitigt werden oder aber treten Mängel/Verstöße wiederholt auf, wird als ultima ratio die Zusammenarbeit zwischen Hermes und dem betreffenden Service-Partner beendet.“ Dies sei bei KDG der Fall gewesen, so Bertram. Seit dem 1. Dezember sei das Transport-Unternehmen nicht mehr für Hermes tätig. Und damit auch nicht mehr die rumänischen Fahrer.

Der Eigentümer der Lagerhalle, ein Schleswiger Immobilienunternehmer, hat derweil seinen Anwalt eingeschaltet. Es gehe um Miete, die von KDG teilweise nicht gezahlt worden sei. Auch ist zu hören, dass bei einigen Schleswiger Firmen noch Rechnungen offen sind. Mit dem Kapitel Paketdienst hat der Hallenbesitzer abgeschlossen. Er ist zuversichtlich, seine Immobilie bald anderweitig veräußern zu können.

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erstellt am 16.Mär.2017 | 07:53 Uhr

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