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Schleswiger Nachrichten

03. Dezember 2016 | 12:33 Uhr

Gastbeitrag von Hartmut Volz : Schleswig – mutlos, kraftlos, ideenresistent

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Neu-Schleswiger über enttäuschte Erwartungen, mangelnden Bürgerstolz und die Hoffnung auf eine „Agenda Schleswig 2040“.

Es ging um die Herausforderungen für die zukünftige Entwicklung des Landes: Bei der Präsentation des Werkes „Kursbuch Schleswig-Holstein“ sprach in der vergangenen Woche im Kieler Landeshaus auch der Wahl-Schleswiger Hartmut Volz. Der Journalist und Autor nutzte das Forum zu einer schonungslosen Analyse seiner neuen Heimatstadt. Nachfolgend Auszüge aus seiner Rede.

Es war ein schöner Spätsommersamstag 2014, als meine Frau und ich von Berlin – wo wir zu der Zeit wohnten – kommend an Schloss Gottorf vorbei die Uferpromenade der Schlei Richtung Schleswiger Dom fuhren. Unser Ziel war die Freiheit, der neue Stadtteil. Dort, wo die Häuser direkt am Fjord stehen.

An Schleswig und seine beeindruckende Geschichte erinnerte ich mich aus meiner Schulzeit. Damals fuhren wir nahezu jedes Jahr einmal zu den Landesmuseen nach Schloss Gottorf. Jetzt kam ich mit meiner Frau zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder hierher.

<p>Hartmut Volz</p>

Hartmut Volz

 

Der Grund unseres Kommens: Ein beeindruckendes Wohnungsangebot direkt am Wasser. Es war noch eindrucksvoller als im Inter-net, wo wir es gefunden hatten.

Wir waren begeistert von unserer Stippvisite von der Spree an die Schlei. Die Freiheit, wo die Zukunft dieser geschichtsträchtigsten Stadt des Nordens zu entstehen schien. In direkter Nachbarschaft zum alten St. Johanniskloster aus dem zwölften Jahrhundert und dem Holm, diesem zauberhaften kleinen Fischernest.

Auf der anderen Seite die Møller-Skolen, ein Gymnasium, das uns als eines der modernsten Europas vorgestellt wurde. Ein beeindruckender Campus!

Geschichte trifft Zukunft, wunderbar! Dachte ich.

Dann die lockenden Werbetafeln mit schönen Computeranimationen und hoffnungsfrohem Text. Beispiel: „Hier schlägt in Zukunft das Herz des neuen Stadtteils: Der Hafenplatz zaubert einen Hauch Venedig an die Schlei. Kleine Geschäfte laden zum Bummeln ein, Cafés und Bistros verwöhnen ihre Gäste und bilden zusammen mit dem neue Yachthafen eine bezaubernde Kulisse“, hieß es da unter anderem. „Die Themen Gesundheit und Wellness spielen eine wichtige Rolle, denn hier stehen der Mensch und sein Wohlbefinden im Vordergrund.“

Die Ernüchterung kam schnell

Das war der Tag, an dem meine Frau und ich beschlossen, nach Schleswig zu ziehen. Zurück nach Schleswig-Holstein, wo wir aufgewachsen waren und lange gelebt hatten. Was ist schon Berlins Mitte, wo wir die letzten sechs Jahre gelebt hatten, gegen eine solche kulturdurchtränkte Idylle mit Perspektive für die Zukunft.

Zu früh gefreut. Der Erwartung folgte schnell Ernüchterung.

Wir leben jetzt knappe anderthalb Jahre an der Schlei, mit herrlichem Blick aufs Wasser, einem guten neuen Freundeskreis. Die Stadt aber entpuppte sich als Enttäuschung, täglich wachsende Enttäuschung.

Unlängst hielt der Berliner Schriftsteller Peter Schneider in der Aula des Oberlandesgerichts eine Lesung aus seinem neuen Buch mit dem Titel „An der Schönheit kann’s nicht liegen“, einer liebevoll ironischen Hommage an Berlin. Wir kennen uns und er fragte hinterher nach den Gründen meines Umzugs in den Norden. Ich lobte meine neue Bleibe und versuchte den Rest schön zu reden. Aber er durchschaute mich und schrieb eine Widmung in das von mir gekaufte Exemplar seines neuen Buches: „Für einen, den es von Berlin nach Schleswig zog und nun feststellen muss: Dumm gelaufen.“

Ja, ich habe mich getäuscht. Die Stadt entspricht längst nicht mehr unseren Erwartungen. Kaum etwas ist geblieben von der kraftvollen Aufbruchstimmung, die wir bei unserem ersten Besuch zu spüren geglaubt hatten. Trotz der guten menschlichen Begegnungen, dem neuen Freundeskreis, trotz der guten Wasserlage unseres neuen Zuhauses.

Keine Aufbruchstimmung

Es ist die Stadt als solche, die uns enttäuscht. Aufbruchstimmung? Im Gegenteil! Schleswig scheint vor den Möglichkeiten Zukunft re-signiert zu haben. Mutlos, kraftlos, innovationsresistent. Es ist, so mein Empfinden, als habe sich Mehltau auf diese einst stolze, geschichtsträchtige Stadt gelegt. Aufbruchstimmung? Mehltau statt Aufbruch! „Es heißt nicht Schleswig sondern schläfrig“, höre ich oft von Alteingesessenen. Selbstironie statt Bürgerstolz.

Was ist geblieben von Schleswig als „freundliche Kulturstadt“, wie sie sich bis vor wenigen Monaten noch selbst nannte. Statt dessen trafen wir bei unserer Ankunft auf eine Theater-Ruine und Suche nach einem neuen Motto. Ich habe das als ein Stück kulturelle Selbstaufgabe verstanden. Die politische Diskussion um eine neue Spielstätte des abgerissenen Landestheaters war für mich ein Paradebeispiel für kulturelles Desinteresse der Kommunalpolitik. Der Eindruck wich auch nicht durch die schlingernde Suche nach einer neuen Spielstätte.

Als eine Art Flucht aus Schleswig habe ich denn auch den Weggang der Theaterintendanz nach Rendsburg empfunden. Kulturelle Selbstaufgabe? Im Kulturteil der „Schleswiger Nachrichten“ wurde kürzlich unter der Überschrift „Neue Aufbruchstimmung“ der Vollzug gemeldet. Ich zitiere: „Die großen Veränderungen – sie waren überall spürbar. Die Theaterleitung betonte mehrfach, man fühle sich in Rendsburg willkommen – ein Gefühl, dass man in Schleswig zuletzt nicht immer gehabt habe.“

„Wikingerstadt“ - eine gewagte These

Schleswig hat eine Chance vergeben und dokumentiert das auch noch. Aus der „freundlichen Kulturstadt“ wurde die „Wikingerstadt Schleswig“. Eine etwas gewagte These, wie ich finde. Die berühmte Wikingersiedlung Haithabu jedenfalls liegt auf anderen Seite der Schlei. Als die Wikinger dort Geschichte schrieben, war Schleswig noch Brachland.

Egal, „Wikingerstadt“ ist ja auch nur eine Worthülse, die mit Inhalt gefüllt werden kann. Aber Ideen, diesem Motto Leben und Recht-fertigung einzuhauchen, gibt es nicht. Ein paar Regenschirme und Einkaufstüten mit einem Wikingersymbol – mehr ist da nicht. Bislang jedenfalls.

Die Freiheit ist übrigens auch nicht mehr das, was sie bei unserer Ankunft zu werden schien. Der geplante Segelhafen – von der Stadt gecancelt, ebenso wie die Therme, die eine Art Magnet für Gesundheit und Wellness an der Schrei sein sollte. Verpasste Chance, Menschen an den schönen Schlei-Fjord zu locken.

Es fehlt an Mut und Durchsetzungskraft. Die Freiheit des bei vielen Schleswigern ungeliebten neuen Stadtteils ist begrenzt. Vor manchen der schönen neuen Häusern sieht man überraschend Möbelwagen stehen – zum Auszug. Beginnt der Mehltau auch hier zu wuchern?

Noch ein Beispiel gefällig? Nehmen wir den Stadtweg, Schleswigs Einkaufsmeile. Um es vorsichtig zu sagen – als Shopping-Paradies empfiehlt sie sich nicht. Im Gegenteil. Im Vergleich zu den Nachbarstädten Eckernförde und Flensburg ist das Angebot erstaunlich uninspiriert, was immer mehr Leerstände zur Folge hat. Es mangelt an einem schlüssigen wirtschaftlichen Konzept. Aber vielleicht wird ja gar nicht erst danach gesucht. Vielleicht genügt es ja, sich im Mehltau kuschelig eingerichtet zu haben.

Schleswig hat Potenzial

Ich weiß, dies alles mag sich anhören wie die arrogante Schmähkritik eines Zugezogenen. Mir aber liegt viel an meiner neuen Bleibe. Ich bin überzeugt vom Potenzial der Stadt. Ich weiß, dass es Ideen gibt, die Zukunft offensiv zu gestalten. Einige davon sollen in ir-gendwelchen Schubladen liegen. Offenbar fehlt der Wille, die Ideen zu einem Masterplan zu bündeln und kraftvoll durchzusetzen. We-nigstens sollte darüber offen diskutiert werden. Kommunikation ist der Anfang von allem.

Als wir uns für Schleswig als neue Heimstatt entschlossen, hatte ich die wirtschaftliche Zukunft Schleswigs so verstanden, dass hier ein Ort für Wellness-Tourismus die Silverager geschaffen werden sollte. Ein Ort für Menschen reiferer Jahrgänge, die ihren Urlaub unter das Motto Entschleunigung stellen oder ihren Lebensabend in einer kreativen Stadt und sanfter Natur genießen wollen. Wir fühlten uns ja auch in entsprechender Umgebung. Unsere Nachbarn kommen aus Köln, Münster, Hamburg. Enttäuscht bin nicht nur ich. Und so mancher überlegt sich, ob es nicht besser ist, nach einem neuen inspirierenden Ort zu suchen.

Bürgerstolz entsteht nicht von allein

Ja, es gibt viele Probleme. Das unterscheidet die Stadt an der Schlei nicht von Tausenden anderer kleiner Kommunen in Deutschland. Das aber darf kein Alibi für mangelnden Zukunftsmut sein. Ist die über tausendjährige Geschichte Schleswigs nicht etwas ganz Besonderes? War Schleswig nicht Herz und Hirn einer ganzen Region? Ich sehe es so: Je tiefer die geschichtlichen Wurzeln reichen, desto höher der Maßstab für die Gestaltung der Zukunft. Es gibt so viel auf das die Bürger der Stadt stolz sein können. Aber Bürgerstolz entsteht nicht von allein, er muss geweckt werden.

Doch spürbar ist vor allem Frust und Resignation. Ich rede viel über meine Enttäuschung in Schleswig. Widerspruch bekomme ich selten. Mutlos, kraftlos, ideenresistent. Es scheint, als habe man sich eingerichtet in einer melancholischen Bedeutungslosigkeit, verirrt zwischen schleichendem Niedergang und zukunftsträchtigen Ideen. Es fehlt an Bürgerstolz, politischem Mut und gestalterischer Kraft.

Mir geht es auch um Schleswig, natürlich. Vor allem aber stelle ich mir die Frage, wie eine Stadt und ihre Bürger Zukunft gestalten.

Wo will Schleswig in fünf Jahren stehen, wo in zehn Jahren und was ist die Vision, der Masterplan für die Zukunft, der die ganze Stadt umfasst – alle Quartiere von der Nicola-Mühle entlang der Schlei bis Haithabu?

Politische Selbstblockade

Für Visionen sei man nicht zuständig, heißt es in der Stadtverwaltung. Die Probleme der Stadt seien zu groß, um von einer großen Zukunft zu träumen, höre ich auf Nachfrage von Kommunalpolitikern. Dem kann ich nur entgegnen: Sage nicht, weshalb eine Idee nicht funktioniert – suche nach Lösungen, wie das Ziel erreicht werden kann.

Da aber liegt das Problem: Wenn es um größere Ideen geht, blockiert sich die Politik oft selbst – sie wird ideenresistent: Und das Argument ist fast immer dasselbe: Dafür haben wir kein Geld, basta. Politische Leidenschaft und Durchsetzungskraft sehen anders aus.

Unlängst fand im Rathaus eine „Bürgerwerkstatt“ zur Innenstadtsanierung statt. Vier Planungsbüros, die schon lange für die Stadt arbeiten, stellten ihre uninspirierten Pläne vor. So nach dem Motto: Sollen doch die Bürger sagen, wie sie’s gern hätten. So aber funktioniert das nicht. Das Ergebnis war eine Flut unterschiedlichster Vorschläge. Bei dieser Taktik drängt sich der Verdacht einer Alibifunktion auf: Wir haben die Bürger ja gefragt.

So wichtig die Einbeziehung der Bürger ist – Lösungskompetenz lässt sich nicht nach unten delegieren. Es ist nicht die Suche, es sind die Ergebnisse, die demokratisch legitimiert werden sollen.

Wo ist der Masterplan?

Ich bin kein Kommunalpolitiker, auch Teil der kommunalen Wirtschaft. Ich trage keine Verantwortung. Vielleicht würde ich dann ähnlich denken und handeln. Ich rede mir nur meinen Frust von der Seele über eine Stadt, in der wir unser weiteres Leben verbringen wollen.

Die zukunftsfähige Gestaltung einer Stadt kann nur mit klaren Zielen erfolgreich sein. Und ein gestalterisches Ziel braucht einen Plan und den Willen, ihn durchzusetzen. Wie soll die Stadt in fünf Jahren aussehen, wie in zehn Jahren? Was ist die Vision und der Masterplan für ein prosperierendes, ein wachsendes Gemeinwesen? So etwas wie eine „Agenda Schleswig 2040“. Es schien doch so, im Sommer 2014, als wir die Freiheit sahen.

Ich spreche eher zufällig über Schleswig, weil ich dort lebe und weiter leben will. Vielleicht tut es mir im Nachhinein sogar leid, hier darüber gesprochen zu haben. Denn sicher ist Schleswig kein Ein-zelschicksal. In Kiel, in der Hauptstadt dieses schönen und zukunftsfähigen Landes sollte man sich kritisch fragen, wie viel Schleswig in Schleswig-Holstein steckt.

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