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Schleswiger Nachrichten

28. September 2016 | 20:45 Uhr

Überfälle auf Juweliere : Pfandleihe-Prozess: Ein Ende ist nicht absehbar

vom

Ein Ende des Schleswiger Mammutprozesses gegen mutmaßliche Juwelenräuber ist auch nach 18 Verhandlungstagen nicht in Sicht. Der Fall gehört zu den aufwendigsten der Landesgeschichte.

Schleswig | Der Aufwand ist enorm: Zweimal pro Woche fahren Richter, Staatsanwälte, Schreibkräfte, Wachtmeister des Landgerichts Kiel nach Schleswig, wo aus Platzgründen das Verfahren gegen eine mutmaßliche litauische Räuberbande verhandelt wird. Hinzu kommen mehr als zwei Dutzend Strafverteidiger, die zum Teil aus Berlin, Osnabrück oder Mainz anreisen müssen, Gutachter und etliche Dolmetscher. Für die Angeklagten sind im Innenhof des Schleswiger Gebäudekomplexes extra Container aufgestellt, damit sie während der Prozesspausen nicht miteinander sprechen.

Seit dem 3. November verhandelt die siebte Große Strafkammer des Landgerichts gegen zwölf Männer. Sie sollen 2014 in wechselnder Zusammensetzung und Verantwortung brutale Überfälle auf einen Juwelier in Düsseldorf und ein Pfandleihhaus in Kiel begangen haben. Sie erbeuteten dabei Schmuck, Uhren und Bargeld im Wert von gut einer halben Million Euro. Auch in München wollten sie mutmaßlich zuschlagen, sie wurden jedoch kurz vorher festgenommen. Koordiniert und geplant wurden die Taten laut Anklage von Berlin aus. Auch hier gab es am selben Tag wie in München Festnahmen.

Der Prozess gehört zu den bisher aufwendigsten Verfahren in Schleswig-Holstein. Nicht wegen der Verfahrensdauer (die Kammer hat voraussichtlich Termine bis in den September geblockt). Diese ist bisher in keiner Weise auffällig oder besonders, wie die Gerichtssprecherin sagt. Gerade mit Blick auf die Zahl der Angeklagten sei das durchaus im Rahmen. Sie erinnert an andere Verfahren, die auch mehrere Monate oder gar Jahre verhandelt wurden.

Aber durch die Vielzahl der Beteiligten, den Verhandlungsort und die hohen Kosten sei dieser Prozess schon etwas besonderes. Zu den laufenden Fixkosten beispielsweise für das Gehalt der Richter, Staatsanwälte und Justizbeamten kommen pro Prozesstag noch etwa 20.000 Euro extra. Dazu gehören Fahrtkosten des Kieler Personals, Anwaltsspesen, Dolmetscher. „Das summiert sich“, sagt Witt.

Von den zwölf Angeklagten schweigen die meisten bisher. Die umfassendste Aussage hat ein seit seiner Vernehmung bei der Polizei als Kronzeuge gehandelter Angeklagter gemacht, der bei dem Überfall auf den Düsseldorfer Juwelier dabei gewesen sein soll. Er ist im Zeugenschutzprogramm.

Ein weiterer Angeklagter, dem unter anderem vorgeworfen wird, den Kieler Pfandhaus-Mitarbeiter überwältigt zu haben, hat sich bei seinem Opfer entschuldigt. Auch bei dem Düsseldorfer Juwelier habe er um Entschuldigung gebeten, sagte die Gerichtssprecherin. Dieser habe das jedoch zurückgewiesen. Darüber hinaus habe es bisher keine weiteren Erklärungen der Angeklagten gegeben.

Neben dem äußeren Aufwand ist aber auch die Gestaltung der einzelnen Verhandlungstage eine Herausforderung. „Jeder Prozesstag muss mit Leben erfüllt werden. Mit Zeugen, die aufeinander aufbauen“, sagt die Gerichtssprecherin. Und manchmal kommt der mühevoll aufgebauter Terminplan ins Wanken, beispielsweise, weil die Verteidiger Anträge stellen, deren Beratung viel Zeit in Anspruch nimmt.

Der Prozess drohte beispielsweise Mitte Januar zu platzen, weil auf Antrag geklärt werden musste, ob die Öffentlichkeit überhaupt hergestellt war. Der Grund: Vor dem Saal im Landgerichtsgebäude, in dem die Kammer üblicherweise tagt, war eine Zeit lang kein Hinweiszettel auf den Verhandlungsort in Schleswig angebracht.

Die Kammer entschloss sich, weiter zu verhandeln und auch einzelne Verhandlungstage nicht zu wiederholen. Der Vorsitzende Richter Carsten Tepp sagte in seiner Begründung unter anderem, es sei nur in einem sehr eingeschränkten Umfang damit zu rechen gewesen, dass interessierte Menschen den Verhandlungsort nicht kennten. Auch weil bereits im Vorfeld der Hauptverhandlung gerade wegen der Verlegung nach Schleswig viel über den Prozess berichtet worden sei.

Die jetzt laufende Verhandlung ist übrigens bereits der zweite Anlauf. Der erste, der Anfang Oktober 2015 gestartet wurde, war nach zwei Sitzungstagen schon vorbei. Der Grund: Eine erfolgreiche Besetzungsrüge gegen das Gericht. Bei der Besetzung der Schöffen war ein Formfehler unterlaufen.

 

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erstellt am 01.Feb.2016 | 07:23 Uhr

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