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Schleswiger Nachrichten

05. Dezember 2016 | 17:44 Uhr

FKKZ in Schleswig : Neuanfang in der alten Spritfabrik

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Das freie Kulturzentrum in seiner etablierten Form gibt es nicht mehr. Im Gewerbegebiet St. Jürgen geht es in kleinem Rahmen weiter.

Es ist heiß. Im Bürotrakt der alten Spritfabrik in St. Jürgen läuft die Heizung auch im Sommer fast unentwegt. Abwärme aus dem Bio-Heizkraftwerk, das sich hinten auf dem Gelände befindet. Noch bis vor wenigen Wochen stand im größten der vier Räume der mächtige Eichen-Schreibtisch, von dem aus einst der legendäre Direktor Stoltenberg seine Kartoffelverwertungsgesellschaft regierte. Damals war der Betrieb, in dem täglich 200 Tonnen Kartoffeln zu Alkohol verarbeitet wurden, der größte seiner Art in der alten Bundesrepublik.

Vor vier Jahren gingen hier endgültig die Lichter aus. Jetzt ist neues Leben eingezogen. Das Freie Kultur- und Kommunikationszentrum (FKKZ) hat hier eine neue Heimat gefunden, nachdem es seine Räume auf der Freiheit verlassen musste. Aber Geschäftsführer Jan-Friedrich Dünne und Arne Jöhnk, der Vorsitzende des Trägervereins, machen keinen Hehl daraus: Mit dem alten FKKZ und seinem vielfältigen Kulturangebot hat das, was in der ehemaligen Schnapsfabrik geschieht, nicht mehr viel zu tun. „Das Projekt neigt sich dem Ende zu“, sagt Jöhnk.

In einem der alten Kasernenblocks auf der Freiheit hatten 50 Musikgruppen Probenräume angemietet. Die meisten von ihnen waren Feierabend-Bands aus Schleswig und Umgebung. Aber auch echte Profis wie die Punkband „Turbostaat“ waren darunter. Sie alle mussten sich in den vergangenen Monaten nach Alternativen umsehen. Viele sind nach wie vor auf der Suche – darunter auch die Jungs von „Turbostaat“, die sich derzeit auf einer Festival-Tournee quer durch Deutschland befinden.

Nur drei Bands haben jetzt Platz in der Spritfabrik gefunden. Ein weiterer Raum soll noch vergeben werden. „Wir haben gezielt Gruppen ausgewählt, die gut zu uns passen“, sagt Dünne. „Wir wollen, dass es wirklich ein Ort für Musiker wird und keine Bierhalle.“ Auch mit seiner eigenen Band „Alias Caylon“ probt Dünne nun in der alten Spritfabrik. Einen Saal für Konzerte oder gar Platz für Open-Air-Veranstaltungen gibt es im neuen FKKZ nicht mehr. „Wir arbeiten auf Sparflamme weiter und haben noch viel mit der Abwicklung zu tun“, sagt Arne Jöhnk. So müssen zum Beispiel noch Jahresabschlüsse gemacht werden.

Familienvater Jöhnk ist einerseits erleichtert, dass die zeitraubende ehrenamtliche Arbeit für das FKKZ nun endlich weniger wird. Aber wenn er von den vergangenen fast zehn Jahren erzählt, ist in seiner Stimme auch viel Wehmut zu hören. Es fing damit an, dass er nach Unterkünften suchte für ein internationales Jugendlager des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Fündig wurde er auf dem ehemaligen Kasernengelände auf der Freiheit. Die Entwicklungsgesellschaft Team Vivendi hatte gerade mit der Vermarktung begonnen, und es war absehbar, dass noch einige Zeit verstreichen würde, bis mit den Blocks am äußersten östlichen Ende irgendetwas geschieht. Man wurde sich relativ schnell einig: Team Vivendi überließ dem FKKZ die Gebäude mietfrei und stellte nur die Nebenkosten in Rechnung. Im Gegenzug bewahrte der Verein die Immobilien vor dem Verfall.

Die ersten Gäste suchten sich Möbel zusammen, die die Bundeswehr in ihren verschiedenen Gebäuden zurückgelassen hatte. „Das sah schon lustig aus“, erinnert sich Jöhnk. „Von jedem etwas – Farbe egal – Hauptsache, wir konnten drauf sitzen.“ Den Charme des Improvisierten behielt das FKKZ bis zum Schluss, auch wenn es sich zwischenzeitlich immer mehr professionalisierte – spätestens seitdem das Bundesbauministerium das Projekt mit 120  000 Euro aus dem Programm „Jugend belebt Leerstand“ förderte. Zeitweise zählten fünf verschiedene Kasernenblocks zum FKKZ. Außer den Musikern im Bandhaus zogen Künstler ein, die hier ihre Ateliers hatten. Firmen mieteten sich ein. Sport Tiedje ließ hier zum Beispiel die Produktfotos für seinen Onlineshop aufnehmen. Eine Reihe von Konzerten bis hin zu kleinen Open-Air-Festivals fand hier statt. Zwischen 2013 und 2015 lebten 17 Asylbewerber in einem der Häuser. Die Flüchtlingshilfe hatte hier ihr erstes Büro.

Von Anfang an war verabredet, dass das FKKZ nur für einen begrenzten Zeitraum in den Räumen auf der Freiheit bleibt. Dennoch verlief der Abschied in den vergangenen Monaten nicht schmerzfrei. Obwohl es noch keine neue Verwendung für das Areal gibt, war an eine Verlängerung des Nutzungsvertrags mit Team Vivendi nicht mehr zu denken. Im Streit um die Nebenkosten hatte es in diesem Winter sogar Gerichtstermine gegeben. Der Auszug verlief dann aber ohne neuen Streit. „Zum Ende haben wir doch wieder sachlich und freundlich miteinander kommuniziert“, sagt Jöhnk und fügt hinzu: „Dem Team Vivendi gebührt Dank für die Bereitstellung der Gebäude.“

Wie lange das FKKZ nun in der alten Spritfabrik bleiben wird, ist offen. Zunächst hat man mit dem Eigentümer Arne Hansen einen Vertrag über ein Jahr geschlossen.

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erstellt am 16.Aug.2016 | 07:52 Uhr

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