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Schleswiger Nachrichten

26. März 2017 | 07:28 Uhr

Traditionsgeschäft im Lollfuß weicht Neubau : Nach fast 100 Jahren ist bald Schluss

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Eisenwarenhändler Mackrott schließt zum 30. September.

„Hier geht Schleswig eine echte Institution flöten. Das ist einfach nur schade.“ Treffender als Stammkunde Hans-Jürgen Neubert kann man es wohl kaum ausdrücken, dass im Herbst das Eisenwaren-Fachgeschäft Mackrott im Lollfuß schließt. Denn: „Solche Läden gibt es doch kaum noch. Erst hat Julius zugemacht, jetzt folgt Mackrott. Dabei schätzen es viele Leute doch auch heutzutage noch, wenn da jemand hinter dem Tresen steht, ‚Moin‘ sagt und einen persönlich berät“, sagt Neubert.

Seit 1977 ist Hans-Willi Clausen derjenige, der bei Mackrott „Moin“ sagt und dann den Kunden das anbietet, was sie suchen. Dass er nach 40 Jahren im Herbst nun „Tschüß“ sagen muss, gefällt ihm nicht wirklich. „Aber ich habe mich damit abgefunden. Vielleicht hätte ich noch ein paar Jahre länger gemacht, aber die Entscheidung wurde mir abgenommen“, sagt Clausen, der als Auszubildender bei Mackrott angefangen hat, dann Angestellter war und seit 1990 Inhaber ist.

Am 30. September läuft nun aber der Mietvertrag für seinen Laden aus. Dann wird das Haus im Lollfuß 81A leergeräumt und voraussichtlich noch bis Ende des Jahres abgerissen. So plant es zumindest Arne Hansen. Der Landwirt, Unternehmer und Inhaber der Klappschau-Einrichtung hatte das Gebäude gemeinsam mit dem benachbarten Haus (Nummer 81) bereits im Herbst 2015 von Rolf Mackrott gekauft. Ursprünglich sollte der gesamte Baukomplex dann Mitte 2016 abgerissen werden, direkt danach wollte Hansen mit dem Bau von zwei neuen Häusern beginnen. Daraus jedoch wurde nichts. Die Denkmalschutzbehörde machte dem Investor, der bis zum Sommer noch von seinem Kaufvertrag zurücktreten kann, einen Strich durch die Rechnung. Unter anderem sollte das Haus im Lollfuß 81 unter Schutz gestellt werden. „Das ist inzwischen aber vom Tisch“, sagt Hansen. Denn die Fundamente des betagten und windschiefen Gebäudes hätten so aufwändig gesichert werden müssen, dass dies selbst aus Sicht der Behörde zu teuer geworden wäre. Nun also, so hofft Hansen, steht seinem Bauprojekt nichts mehr im Wege. Eine Bauvoranfrage sei von der Stadt bereits positiv beantwortet worden, die Abrissgenehmigung wurde ebenfalls eingereicht. Wenn alles glatt läuft, könnten an selber Stelle also Mitte/Ende 2019 zwei neue Häuser bezogen werden.

Das zum Lollfuß ausgerichtete fünfstöckige Gebäude soll im Erdgeschoss ein oder zwei Läden beherbergen, darüber entstehen Eigentumswohnungen. Weitere Wohnungen, zum Teil barrierefrei, sind im hinteren, zur Schlei ausgerichteten Haus geplant. Architektonisch soll sich das Wohn- und Geschäftshaus dem oft im Lollfuß anzutreffenden Baustil der 1920er-Jahre anpassen. Für das hintere Haus hat Architekt Werner Schmidt aus Bordesholm eine Fassade in Anlehnung an die Bäderarchitektur entworfen. Entsprechende Pläne hatten er und Hansen bereits im Oktober 2015 dem Bauausschuss vorgestellt und dabei fast ausschließlich positive Resonanz geerntet.

Das jedoch dürfte Hans-Willi Clausen relativ egal sein. Für ihn steht allein das Aus für seinen Laden im Vordergrund – auch wenn er nicht gerne darüber spricht. „Es ist ja nun mal, wie es ist“ , sagt er bloß. Hauptsache, seine vielen Stammkunden wüssten, dass sie – bis er Ende September sein Geschäft schließen wird – weiterhin von ihm so bedient werden, wie er es in den vergangenen vier Jahrzehnten immer getan hat. Das gelte auch für seinen Angestellten Wilfried Hansen, der bereits seit 52 Jahren in dem Laden arbeitet, zurzeit aber erkrankt ist. „Es ist weiterhin alles da, was die Kunden wünschen. Erst ab Sommer beginnt der Ausverkauf“, sagt Clausen. Bis dahin heißt es „Business as usual“.

So wie gestern Nachmittag, als ein Kunde nach dem anderen in den Laden kommt. Der eine sucht nach einer bestimmten Schraube, der andere will einen Schlüssel nachmachen lassen, der nächste braucht eine kleine Stahlkette, aber bitte nur einen Meter davon. Individuelle Wünsche, die Clausen sofort und ganz unaufgeregt erfüllt. Meistens reicht dafür ein gezielter Griff in eine der unzähligen Holzschubladen, die in einem riesigen Regal hinter dem Verkaufstresen stecken. Ein Ensemble, das wohl am ehesten symbolisch für den Charme steht, den die Kunden an dem Laden so sehr schätzen: irgendwie aus der Zeit gefallen. Und wenn all das in wenigen Monaten nun Vergangenheit ist – wie geht es dann weiter für Hans-Willi Clausen? Das weiß der 57-jährige Owschlager selbst noch nicht so genau. „Ich werde mir wohl einen Job suchen. Mal sehen. So weit bin ich aber noch nicht.“

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erstellt am 17.Feb.2017 | 06:26 Uhr

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