zur Navigation springen

Schleswiger Nachrichten

27. August 2016 | 13:37 Uhr

Rollender Kaufmann Norman Stehr : Mit dem Supermarkt von Tür zu Tür

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Seit einem Jahr fährt Norman Stehr mit seinem Tante-Emma-Laden durch die Dörfer. Seine Zwischenbilanz fällt positiv aus.

„Heute lässt er sich aber Zeit“, meint Margarethe Bartsch, während sie in ihrer gemütlichen Wohnstube mit ihrem kecken Wellensittich schäkert. Gemeint ist nicht ihr blau gefiederter Mitbewohner, vielmehr fällt ihr Blick aus dem Fenster auf Norman Stehrs rollenden Tante-Emma-Laden vor dem Haus. Mit 95 Jahren ist die Selkerin die zweitälteste Kundin des Kaufmanns, den sie heute ihren Einkauf erledigen lässt – es liegt Schnee und da möchte sie mit ihrem Rollator, bei dem eh schon ein Vorderrad streikt, ungern vor die Tür.

Selk ist eine der 21 Gemeinden, in denen der Kaufmann zentrale Haltestellen anfährt und Hausbesuche macht – 70 jede Woche. Dabei legt er eine Strecke von fast 500 Kilometern zurück. Nach einem Jahr „auf der Straße“ ist Norman Stehr zufrieden: „Das Geschäft trägt sich.“ Die Kunden würden mehr kaufen als zu Beginn, „der durchschnittliche Kassenbon hat sich verdoppelt“. Allerdings gibt es Dörfer, „da läuft es gar nicht“, da vermisse er „eine natürliche Neugierde“ gegenüber Neuem. Und: „Einen zentralen Treffpunkt kann man vergessen. Hausbesuche sind wichtiger“.

Mit 95 Jahren ist Margarethe Bartsch die zweitälteste Kundin des rollenden Kaufmanns.
Mit 95 Jahren ist Margarethe Bartsch die zweitälteste Kundin des rollenden Kaufmanns. Foto: kra
 

Wer ihn morgens an der Bushaltestelle der 235-Einwohner-Gemeinde Lottorf sieht, versteht, was er meint. Nachdem er eine blaue Palette als Einstiegshilfe vor den Wagen legt, beginnt das Warten auf Kunden. Zwei, drei ältere Damen mit Einkaufskorb kommen rein – den Rest der Zeit versucht Stehr der Kälte zu trotzen. „Auf den kurzen Touren von Dorf zu Dorf wird es nicht warm“, sagt er. So würde er zumindest Strom für die Kühlung sparen, meint ein Kunde. Der Kaufmann lächelt flüchtig – die Minusgrade seien tatsächlich gut für die Frischware, „nur die Bananen mögen sie nicht“. Ebenso wenig seine Finger, die nach getaner Arbeit an der Kasse rasch wieder in den Handschuhen verschwinden. Dann packt er die blaue Palette ein, schließt die Tür und fährt zum nächsten Hausbesuch.

Bis zur Tür vorzufahren hält Michael Stühmer vom Regionalmarketing Kropp/ Stapelholm, der das Projekt betreut, für richtig: „So erreicht man genau diejenigen, die nicht mehr mobil sind.“ Stehr befürchtet aber, zu sehr auf Senioren zu setzen, die 95 Prozent seiner Kundschaft ausmachen. „Dadurch“, meint er, „könnten junge Leute denken, ich hätte nur Corega Tabs. Dabei findet man bei mir bis auf Frischfleisch alles.“

Bedenken gibt es auch in den 14 Gemeinden, die sich mit bis zu 2000 Euro jährlich an der Finanzierung beteiligen. Stehr müsse zuverlässig sein und veränderte Abfahrtszeiten mitteilen, erklärt Edgar Petersen, Bürgermeister von Idstedt, wo der rollende Kaufmann „gut angenommen wird“. Einige Bürgermeister unterstützen ihn, indem sie Kaufmann-Gutscheine statt Blumen verschenken. Andere erwarten, dass Stehr aktiver um Kunden wirbt. Doch dieser will nicht „von Tür zu Tür gehen und aufdringlich sein“, sondern betont vielmehr: „Mund-zu-Mund-Propaganda ist die beste Werbung.“

Julica Kolberg ist das beste Beispiel dafür, dass das funktioniert. „Patienten haben mir vom rollenden Kaufmann erzählt“, erzählt die 49-jährige Physiotherapeutin. Nun wartet sie mit ihrer 82-jährigen Mutter Elke und einem leeren Weidenkorb an der Haustür, als Norman Stehr pünktlich um 9.30 Uhr mit seinem Laster auf der Zufahrt hält. Seit Oktober kommt er regelmäßig. „Das ist eine super Idee“, sagt sie, so bleibe ihre Mutter selbstständig, „hier kann sie gucken und trifft mal jemand anderen“. Am Ende füllen sie den Korb gemeinsam – vor allem mit Milch. „Ich habe drei Kinder“, sagt Kolberg und freut sich, dass sie es nicht weit bis zum Kühlschrank hat.

Er gewinne immer noch neue Kunden hinzu, sagt Norman Stehr. Diese wohnen allerdings auch in Gemeinden, die sich nicht an der Finanzierung beteiligen. Zum Beispiel Börm. „Da fahre ich sowieso durch und wenn jemand an der Straße steht und winkt, halte ich natürlich.“ Mittlerweile habe er dort zwölf Stammkunden – ganz ohne Werbung. Doch das sei ein „Politikum“, weiß er. „Nun sind die Gemeinden, die das Projekt angestoßen haben, natürlich sauer“, zeigt er Verständnis und wünscht sich eine Beteiligung aller Gemeinden, die er anfährt, „und wenn es ein Solidaritätsbeitrag wäre“. Diese Orte links liegen zu lassen, „kann ich mir nicht leisten“. Wenn er nur in den Gemeinden halten würde, die bezahlen, würde sich das Geschäft nicht tragen, erklärt er sein Dilemma.

Edgar Petersen aus Idstedt sagt stellvertretend für seine 13 Amtskollegen, die den Kaufmann unterstützen, sie seien über die „Trittbrettfahrer“ nicht glücklich. Und Michael Stühmer betont, dass das ganze Projekt auf Solidarität aufgebaut ist und man Gespräche mit den betroffenen Gemeinden führen wolle. Ob das etwas ändern wird, bleibt offen. Börms Bürgermeister Hans-Peter von Lanken etwa meint, dass man den rollenden Kaufmann durchaus begrüße. Aber: „Wir haben einen Bäcker im Ort, der von der Gemeinde einen Laden gepachtet hat, wo er ein kleines Sortiment anbietet. Wir können ihm nicht Geld abverlangen und auf der anderen Seite den rollenden Kaufmann bezuschussen.“ Und in Hüsby sieht man aufgrund der nahen Einkaufsmöglichkeiten in Schuby und Schleswig keinen Bedarf für den Kaufmann – dennoch wirbt man für ihn. Finanziell beteiligen wolle sich die Gemeinde nicht, so Bürgermeister-Kollege Wolfgang Labs: „Dann verzichten wir lieber darauf.“

Für Margarethe Bartsch aus Selk dagegen sei der rollende Kaufmann „eine Bereicherung“. Nett und aufmerksam sei er, seine Ware sehr frisch, sagt sie, während sie klassischer Musik lauscht und die Vögel im Garten beobachtet. Dann klingelt es an der Tür: Norman Stehr bringt ihre Einkäufe.

 

zur Startseite

von
erstellt am 24.Jan.2016 | 14:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen