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Schleswiger Nachrichten

07. Dezember 2016 | 13:40 Uhr

Damaliges Landeskrankenhaus in Schleswig : Medikamenten-Tests an Kindern: „Ich wurde ans Bett gefesselt, dann wurde es mir eingeflößt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In den 1960er Jahren wurden Medikamente an Kindern getestet – möglicherweise mit Langzeitfolgen für die Betroffenen.

Schleswig | Haloperidol. Alfred Koltermann weiß den Namen des Medikaments noch genau. Der heute 64-Jährige hat fast seine gesamte Kindheit im psychiatrischen Landeskrankenhaus auf dem Schleswiger Hesterberg verbracht. Immer wieder musste er Haloperidol schlucken, ein starkes Mittel gegen Halluzinationen und Psychosen.

Unter den Nebenwirkungen, glaubt Koltermann, leidet er noch heute. Er zählt zu einer Handvoll ehemaliger Bewohner des Hesterbergs, die in den vergangenen Jahren angefangen haben, öffentlich über das Unrecht zu sprechen, das ihnen damals widerfuhr. Es ging um Schläge von brutalen und offenbar völlig überforderten Pflegern, es ging um sexuelle Übergriffe älterer Patienten auf wehrlose Kinder in ihren Schlafsälen und es ging darum, dass manche Kinder über Jahre im Krankenhaus eingesperrt waren, obwohl sie gesund waren.

Alfred Koltermann arbeitet seit vielen Jahren im Gartenbau – und hat nur geringe Rentenansprüche.
Alfred Koltermann arbeitet seit vielen Jahren im Gartenbau – und hat nur geringe Rentenansprüche. Foto: Ove Jensen
 

Haloperidol, so schien es bislang, war einfach ein Mittel, dass das Krankenhaus-Personal einsetzte, um die jungen Patienten ruhigzustellen. Jetzt wird klar: Die Kinder waren Versuchskaninchen. Der zuständige Arzt hat das Mittel wohl gezielt eingesetzt, um die Wirkung auf seine Patienten zu untersuchen.

Herausgefunden hat das Sylvia Wagner, eine 52-jährige Apothekerin aus Krefeld. Sie wusste aus ihrem eigenen privaten Umfeld, dass insbesondere in den 1960er Jahren in den Kinder- und Jugendpsychiatrien der alten Bundesrepublik Medikamente verabreicht wurden, die ihr seltsam vorkamen. Sie begann, bundesweit nachzuforschen. Aus den Krankenhäusern hörte sie dieselbe Antwort, die auch Koltermann und seine Leidensgenossen immer wieder bekamen: Die Patientenakten aus der damaligen Zeit seien längst vernichtet.

Sylvia Wagner aber stieß auf andere Quellen. Auf öffentlich zugängliche. Die Ärzte aus Schleswig und aus rund 50 anderen deutschen Kliniken hatten – so scheint es – weder Unrechtsbewusstsein noch ein schlechtes Gewissen. Sie veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Patientenversuche in anerkannten Fachzeitschriften. In zahlreichen Universitätsbibliotheken sind ihre Artikel bis heute nachzulesen. „Erfahrungen mit Haloperidol in der pädopsychiatrischen Anstaltspraxis“ heißt ein Aufsatz aus dem Jahr 1966, der auf vier Seiten die beschreibt, was das Medikament mit den Patienten angerichtet hat.

Alfred Koltermann kann die Wirkung genau beschreiben: „Wenn ich das Zeug bekommen hatte, wusste ich hinterher nicht mehr, wer ich war.“ Er habe andere Kinder beobachtet, wie sie scheinbar teilnahmslos an die Decke starrten – wenn sie nicht einfach gleich vom Stuhl sackten. Er selbst habe sich irgendwann geweigert, Haloperidol zu schlucken. „Ich wurde in eine Zwangsjacke gesteckt, ans Bett gefesselt und dann wurde es mir eingeflößt.“ Es gab Versuche auch mit anderen Medikamenten. Koltermann erinnert sich nicht mehr an alle Namen. Im Archiv des Pharmakonzerns Merck fand Sylvia Wagner Dokumente über Versuche mit dem Wirkstoff Pyrithioxin, das heute verwendet wird, um Demenz zu behandeln.

Koltermann ist überzeugt, dass er nicht nur damals unter den Wirkungen der Medikamente gelitten hat, sondern dass er bis heute die Langzeitfolgen spürt, die sie auf sein Hirn gehabt haben. „Ich habe nie richtig Lesen und Schreiben gelernt. Für den Führerschein habe ich ein Jahr gebraucht.“ Er erzählt auch von Kindern, die gestorben sind. Ob das wirklich an den Medikamentenversuchen lag, ist unbekannt.

Viele Kinder, die in den 1960er Jahren auf dem Hesterberg lebten, waren dort gelandet, weil sie aus schwierigen Verhältnissen kamen. Manche wurden ihren Müttern direkt nach der Geburt weggenommen, kamen erst in ein Säuglingsheim und dann direkt in die Psychiatrie. Viele Kinder waren tatsächlich geistig behindert, andere kerngesund. Jedenfalls hatten die Kinder eines gemeinsam: Es gab keine Eltern, die dem Treiben des Klinikpersonals hätten Einhalt gebieten können.

Welchen Anteil die Medikamente an Alfred Koltermanns Lernbehinderung haben, ist heute schwer nachzuweisen. Nach der Einschätzung von Sylvia Wagner scheint ein Zusammenhang gut möglich. Als Langzeitfolgen nennt sie Stoffwechselstörungen, Diabetes, Herzinfarkte, aber auch eine gestörte Hirnentwicklung.

Die frühere Landespastorin Petra Thobaben hat bereits vor anderthalb Jahren begonnen, im Auftrag der Landesregierung das Unrecht auf dem Hesterberg aufzuarbeiten. Sie hat mit Koltermann und über einem Dutzend weiterer Betroffener gesprochen. Dabei kamen auch die Medikamente, mit denen die Kinder ruhiggestellt wurden, immer wieder zur Sprache. Dass dahinter systematische Versuchsreihen steckten, das war auch für sie eine neue Erkenntnis. Thobaben appelliert nun an die Landesregierung, eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschehnisse zu finanzieren, die weit über das hinausgeht, was sie als Pastorin im Ruhestand leisten kann.

Gut möglich, dass Sylvia Wagner in den nächsten Jahren noch weitere Erkenntnisse beisteuern kann. Ihre ersten Ergebnisse hat sich auf dem Internetportal „Sozialgeschichte Online“ veröffentlicht. Sie plant nun, eine Dissertation über das Thema zu schreiben. Der Hesterberg wird dabei nur eine von vielen Kliniken sein, die sie unter die Lupe nimmt.

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erstellt am 11.Okt.2016 | 18:39 Uhr

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