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Schleswiger Nachrichten

05. Dezember 2016 | 11:39 Uhr

Schleswiger Obdachlosen-Unterkunft : Letzte Zuflucht Ansgarweg

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

In der städtischen Obdachlosen-Unterkunft leben Bewohner wie Regina Roth ohne Möbel und ohne Warmwasser.

Sie ist die letzte Zuflucht für Menschen, die nichts mehr haben außer der Kleidung am Körper und vielleicht eine Reisetasche: Die Obdachlosenunterkunft, die die Stadt Schleswig im Friedrichsberg unterhält. Auf den ersten Blick könnte man die Gebäude am Ende des schmalen Ansgarweges für ganz normale Einfamilienhäuser halten. Doch wer sie betritt, spürt schnell: Hier ist nichts normal. Schon im Flur strömt ein scharfer Geruch in die Nase. Er kommt aus dem Toilettenraum. Dort scheint lange niemand mehr sauber gemacht zu haben. Von den Bewohnern scheint niemand die Energie zu haben, sich um so etwas zu kümmern.

Ob Regina Roth (Name geändert) die Energie haben wird? Die 53-Jährige ist vor zwei Tagen im Ansgarweg gestrandet. Und war so schockiert von den Zuständen, dass sie sich in der SN-Redaktion meldete, um einem Reporter ihr neues Zuhause zu zeigen. Ein Zimmer mit kahlen Wänden – ohne Möbel, ohne Vorhänge, ohne Licht. Statt eines Heizkörpers gibt es einen schwarzen Ofen, in dem sie Holz verfeuern kann. Gegenüber dem Besucher bleibt sie auf Abstand, gibt ihm nicht die Hand. „Ich bin erkältet und möchte Sie nicht anstecken“, sagt sie. Auf dem Boden hat sie eine Wolldecke ausgebreitet. Dort schläft sie. Am Fenster lehnen ihr Fahrrad und ihre Gitarre. Neben der Decke eine Kerze, ein paar Bücher, Knäckebrot – und eine Packung Pfefferminztee gegen die Erkältung.

Ein Kachelofen und ein Waschbecken – das ist die ganze Einrichtung im Zimmer von Regina Roth. Sie schläft auf dem Fußboden.
Ein Kachelofen und ein Waschbecken – das ist die ganze Einrichtung im Zimmer von Regina Roth. Sie schläft auf dem Fußboden.
 

Sie hat davon noch nichts getrunken. Ohne Heißwasser kann sie den Tee nicht zubereiten. Aus dem Wasserhahn am Waschbecken in ihrem Zimmer kommt nur kaltes Wasser. Sie hat sich seit Tagen nicht gewaschen. Duschen gibt es nicht in der Obdachlosenunterkunft. „So hausen nicht mal Ratten“, meint Regina Roth.

Im Sommer, erzählt sie, sei ihr die Wohnung in Bremen gekündigt worden. In der Stadt wollte sie nicht bleiben. Zu viele schlechte Erinnerungen. Seither fährt sie mit ihrem Fahrrad durch Norddeutschland. Zuletzt war sie in Helmstedt bei Braunschweig gelandet. Auch dort lebte sie in einer Obdachlosen-Unterkunft – nicht viel besser als im Ansgarweg.

Regina Roth ist eine gebildete Frau. Vor langer Zeit hat sie eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin gemacht. Doch danach geriet ihr Leben aus den Fugen. Sie wurde alkohol- und tablettenabhängig. Das habe sie überwunden, sagt sie. Jetzt will die gebürtige Eutinerin in ihrer schleswig-holsteinischen Heimat ein neues Leben anfangen. Oder vielleicht nach Dänemark auswandern? So genau weiß sie das nicht. „Ich hab überlegt, ob ich mich einfach einweisen lassen soll“, sagt sie. In der psychiatrischen Klinik, meint sie, wäre das Leben sicher angenehmer als im Ansgarweg. Aber nur wenige Minuten später will sie von diesem Gedanken nichts mehr wissen.

In der Obdachlosen-Unterkunft sind die Bewohner auf sich allein gestellt. Mitarbeiter des Ordnungsamtes und des Diakonischen Werks schauen allerdings vorbei und helfen auch, das Allernötigste zu besorgen. Zum Beispiel eine Herdplatte für Regina Roth, damit sie sich endlich ihren Tee kochen kann. Aber dazu bräuchte sie erst einmal Strom. Dafür müsste sie sich bei einem Energieversorger anmelden, wie jeder Mieter einer normalen Wohnung auch. Die 22 Zimmer im Ansgarweg sind darauf ausgelegt, dass ihre Bewohner schnell wieder ausziehen, sobald sie eine richtige Wohnung gefunden haben. Oder wie im Fall von Regina Roth weiterziehen in die nächste Obdachlosenunterkunft in der nächsten Stadt. Manche Bewohner bleiben aber auch über Monate oder Jahre und richten ihre Zimmer nach und nach mit den nötigsten Möbeln ein. Zur spärliche Ausstattung heißt es im Rathaus: „Mit den vorhandenen Gegebenheiten kommt die Stadt Schleswig ihren gesetzlichen Verpflichtungen für die Unterbringung von Obdachlosen nach.“

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erstellt am 19.Okt.2016 | 12:54 Uhr

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