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Schleswiger Nachrichten

04. Dezember 2016 | 04:54 Uhr

Schleswig : Kurzprosa in herzoglichem Ambiente

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Star-Autorin Judith Hermann las im Schloss aus ihrem Buch „Lettipark“.

Wenn das keine Verbeugung vor einer Literatin und ihrem Werk ist: Erstmals in der inzwischen 14 Jahre währenden Lesereihe „Justiz und Kultur“, die traditionell im Plenarsaal des Oberlandesgerichts (OLG) der interessierten Öffentlichkeit hochklassige Literatur bietet, wurde der Veranstaltungsort gewechselt, um eine Lücke im engen Terminplan der Erfolgsautorin Judith Hermann zu nutzen. So war es möglich, die hochgelobte und mehrfach preisgekrönte Meisterin der Erzählkunst doch noch nach Schleswig zu holen, obwohl der OLG-Saal diesmal nicht zur Verfügung stand. Im altehrwürdigen Hirschsaal, dem original erhaltenen Prunkraum im Hauptgeschoss des Nordflügels von Schloss Gottorf, stellte sie am Montagabend ihr neuestes Buch „Lettipark“ vor: Literatur, in diesem Falle moderne „Shortstorys“, in herzoglichem Ambiente.

Die im Hirschsaal aufgebauten Stuhlreihen waren fast bis auf den letzten Platz besetzt. Über 180 Literaturfreunde waren gekommen, um die 46-jährige Autorin aus Berlin zu erleben, darunter als prominente Gäste Kulturministerin Anke Spoorendonk und ihr Staatssekretär Eberhard Schmidt-Elsaeßer. Konstanze Görres-Ohde, die Vorsitzende der Schleswiger Gesellschaft Justiz und Kultur, die seit dem Jahr 2002 mit großem Erfolg die Lesungen organisiert, freute sich über die Besucherresonanz.

Die Literaturkennerin Görres-Ohde stellte dem Publikum die Schriftstellerin Judith Hermann vor, die während eines Amerika-Aufenthalts kurze Erzählungen als liebstes Genre entdeckt hatte. Und mit ihrem Debüt, dem Erzählband „Sommerhaus, später“ (1998), begeisterte sie Leser und Kritiker; er wurde inzwischen in 20 Sprachen übersetzt. Es folgten zwei weitere Erzählbände und der Roman „Aller Liebe Anfang“. Mit ihrem jüngsten Werk kehrte sie zu ihrer literarischen Lieblingsgattung, der Kurzprosa, zurück.


Der Knirps und die Kohlen


Der in diesem Jahr bei S. Fischer in Frankfurt am Main erschienene, 189 Seiten umfassende Band versammelt 17 Erzählungen. Der Lettipark („Ein gewöhnlicher, trostloser Park am Stadtrand, eine Brache, und es gab gar nichts zu sehen, verschneite Wege, ein verlassenes Rondell, Bänke und eine leere Wiese“) gab dem Buch seinen Namen. Judith Hermann trug daraus drei Kurzgeschichten vor, darunter auch den schlicht mit „Kohlen“ überschriebenen Text, mit dem sie die Sammlung einleitet. Darin schildert sie anrührend und voller Empathie, wie ein von der Familie alleingelassener vierjähriger Knirps voller erstaunlicher Lebensfreunde in der Nachbarschaft beim Verstauen einer Kohlenladung zupackt und dabei mithilft, die Briketts in den Schuppen zu verfrachten – „und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien“.

In den Pausen zwischen den einzelnen Kurzgeschichten entwickelte sich ein feiner Dialog mit den Zuhörern. Dabei gab Judith Hermann interessante Einblicke in ihren Arbeitsstil und ihre Motivwahl („Ich kann nur über Figuren scheiben, die ich mag“), überließ die Interpretation ihrer Texte letztlich aber dem Publikum. Im Lapidarium, in dem Originalteile des Gottorfer Herkules und andere Gartenskulpturen gezeigt werden, ging der Literaturabend wie üblich bei Wasser, Wein und Paragrafenbrezeln zu Ende. Die Besucher diskutierten angeregt über die Lesung, während die Autorin fleißig ihre Bücher signierte und geduldig auf einzelne Nachfragen einging.

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