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Schleswiger Nachrichten

01. Oktober 2016 | 03:30 Uhr

Schleswig : Kastanien-Sterben geht weiter

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Experten rechnen damit, dass die Rosskastanie ganz aus dem Schleswiger Stadtbild verschwindet.

Es ist ein brutaler Baumtod, den viele Kastanien im ganzen Land sterben. Zuerst fängt es in der Rinde an zu bluten, dann befallen Pilze die Wunden, und schließlich verfault der ganze Stamm von innen her. Der Baum kann nur noch gefällt werden. „Behandlungsmöglichkeiten gibt es nicht, wir können nichts gegen den Pilzbefall unternehmen“, erklärt Arne Kähler von den Umweltdiensten der Stadtwerke. Worauf man sich auch in Schleswig wohl einstellen muss, sagt Umweltdienste-Leiter Mathias Frahm: „Die Kastanien werden bald gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden sein.“

Schuld daran ist ein aggressives Bakterium, das sogenannte Pseudomonas-Bakterium, das erstmals 2007 in Deutschland nachgewiesen wurde. Es infiziert die Kastanienbäume und bereitet damit den Weg für den Befall mit verschiedenen Holz-zersetzenden Pilzen. Diese Pilze sind es, die dann das dramatische Ende der Kastanie herbeiführen – dieser beliebten Baumart, die seit Jahrhunderten Stadtparks und Landschaften prägt, und deren Früchte gern im Herbst gesammelt werden.


Wieder kranke Bäume


Noch hat Schleswig nach Angaben von Stadt-Sprecherin Antje Wendt 120 Kastanien auf seinen öffentlichen Flächen – davon 56 in der Schlossallee Richtung Neuwerk. Doch gerade in dieser Allee, wo die Kastanien in Reih und Glied stehen, sind sie besonders gefährdet. Aktuell stellte sich auch diese Woche beim SN-Termin mit den Baum-Experten Frahm und Kähler heraus: Wieder sind zwei weitere Kastanien von der Pilz-Pest betroffen. Man erkennt es mit bloßem Auge. Der Stamm sieht so aus, als würden – laienhaft gesprochen – dunkle Tränen aus seiner schorfigen Rindehaut hervortreten. „Ja, es hilft nichts – die Bäume müssen bald weg, bevor das morsch werdende Geäst zur Gefahr für Passanten wird“, sagen sie. Wie bei allen grünen Themen kooperieren Grünplaner des Stadtbauamtes und der Umweltdienste der Stadtwerke eng miteinander. „Wir gehen bei der Kastanienproblematik äußerst sensibel vor, kein Baum auf öffentlichen Plätzen wird vorschnell gefällt“, betont Wendt. Schleswig sei eine grüne Stadt und solle es auch bleiben.


Was wird aus der Schlossallee?


Schon im vergangenen Jahr waren Lücken in die Schlossallee gerissen worden, weil einige der dort 80 bis 100 Jahre alten Kastanien gefällt werden mussten. Jetzt kommen wieder mindestens zwei hinzu – so kann natürlich der Charakter der Schlossallee auf Gottorf nicht beibehalten werden. Dass sie unter Denkmalschutz steht, ändert daran nichts, denn das gefährlich-gefräßige Pseudonomas-Bakterium hält nichts davon ab, Bäume krank zu machen.

Was aber wollen die Denkmalschutz-Behörden nun unternehmen, um historische Baum-Alleen zu erhalten? Dazu auf SN-Nachfrage Cristina Vesperinas vom Unteren Denkmalschutz des Kreises: Wegen des anhaltenden Kastaniensterbens müssten wohl alle Bäume in der Schlossallee nach und nach gefällt werden. „Und nachgepflanzt werden nach bisherigem Kenntnisstand keine jungen Kastanien mehr, da auch diese bald vom Pilzbefall betroffen wären“, sagt sie. Dennoch: Die Schlossallee sei Bestandteil des Denkmalschutzes auf Gottorf und daher zu erhalten, zumal auch die Bäume in eine Gesamtkartierung des Baumbestandes von Gottorf aufgenommen worden seien. Soll die Allee später mit einer anderen Baumart bestückt werden? „Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen – an einem neuen Konzept wird noch gearbeitet“, erklärt die Denkmalschützerin. Sie verweist zudem darauf, dass in der Schlossallee zu früheren Zeiten Ulmen gestanden hätten.


Linden bleiben standhaft


Die Umweltdienste der Stadtwerke bereiten derzeit einen Bericht zum Gesundheitszustand der Kastanien in der Schlossallee, die im Zuständigkeitsbereich der Stadt liegt, vor. Auch die Stiftung Schloss Gottorf wertet ein Gutachten über die Bäume auf der Schlossinsel aus. Denn dort gab es 40 Kastanien, die sich ebenfalls nach und nach als vom Pilz befallen erweisen. Gerade erst mussten drei Bäume abgeholzt werden, davon zwei vor der Torausfahrt Richtung Barockgarten.

Wie steht es um die Allee vom Gottorfer Damm zur Schlossinsel? Die ist nach Aussage der Baum-Experten nicht betroffen, da es sich hier ausnahmslos um Linden handelt – auch wenn zwei dickstämmige Bäume dort wie geköpft dastehen: „Das war vom Sturm Christian“, erläutert Frahm. Auch in der Michaelisallee lauert derzeit keine Gefahr, weil sie ebenfalls mit Linden gesäumt ist. Im Stadtgebiet mussten im vergangenen Jahr 15 Kastanienbäume gefällt werden – unter anderen im Timm-Kröger-Weg. Wie viele es 2016 werden, ist noch nicht absehbar. Dass Kastanien ganz und gar aussterben werden, glaubt Arne Kähler nicht („die Natur ist stärker und hilft sich selbst“). Und wie bei den Ulmen werde derzeit intensiv daran gearbeitet, resistente Kastanien zu züchten. Nur, bis sie die toten Bäume ersetzen können – das wird dauern. Vielleicht sogar Generationen.

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erstellt am 20.Feb.2016 | 07:23 Uhr

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