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Schleswiger Nachrichten

11. Dezember 2016 | 03:20 Uhr

Ex-Intendant Mesalla zur Schleswiger Theater-Debatte : Im Stile von Baron Münchhausen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Absichtlich oder fahrlässig hat die Stadt sich unter falschen Annahmen für den Kauf der „Heimat“ entschieden. Ein Gastbeitrag von Horst Mesalla.

In seinem Freitagsinterview am 5. August offenbart Stephan Dose, der SPD-Ratsfraktionschef, in dieser Zeitung der überraschten Öffentlichkeit, dass nach dem Kauf und dem Umbau der „Heimat“ dort „nur Schauspiel angeboten werden kann“. Damit wird vollends die Glaubwürdigkeit von Bürgermeister Dr. Arthur Christiansen zerstört, der vor dem Kauf immer wieder stock und steif versichert hatte, dass nach dem Umbau „dort alles möglich ist    ... bis zur Oper“. Er und Geschäftsführer Wolfgang Schoofs von den Stadtwerken widersprachen unbeirrbar und lächelnd Generalintendant Peter Grisebach, dem einzigen Theaterfachmann in der Runde, der erkannt hatte, dass auch nach dem geplanten Umbau auf der Freiheit dort keine Opern, Operetten oder Musicals aufgeführt werden könnten. Stattdessen versicherten beide Herren unisono, dass dort „alles möglich ist“ – von der „Comedy bis zur Oper“. So nachzulesen in den Schleswiger Nachrichten vom 26. November 2015.

Für sein propagiertes „Theaterviertel am Lollfuß“ hatte der Bürgermeister überflüssigerweise voreilig intakte Gebäude des Theaters abreißen lassen. Nachdem alles wie ein Kartenhaus zusammengefallen war, wollte ich nicht, dass er mit dem millionenschweren Erwerb der „Heimat“ die gleiche Blamage erlebt. Ich habe als ehemaliger Generalintendant im Dezember 2015 dem Bürgermeister und einigen anderen Entscheidungsträgern in der Ratsversammlung mit aussagekräftigen Fakten meine fachliche kritische Meinung zu den geplanten Umbaumaßnahmen in der „Heimat“ mitgeteilt und abschließend den Umbau zur einer Spielstätte für Theater mit einem Krankenhausbau ohne Chirurgie verglichen. Deutlicher als Grisebach und ich konnten zwei Theatersachverständige ihre Beurteilung der geplanten Baumaßnahme nicht kundtun.

Trotzdem fällt offenbar keinem aus den Ratsfraktionen vor dem Kauf der Immobilie auf, dass es sich hierbei um ein Wolkenkuckucksheim handelt – ohne eine vorherige genaue Bestandsaufnahme und Feststellung der Bedürfnisse der späteren Mieter. Sie merken auch nicht, dass es hierbei für Herrn Schoofs ausschließlich um die drängende Sicherung einer Spielstätte für das Varietétheater der „Heimat“ geht und das Landestheater nur einbezogen wird, um an kommunale und andere Gelder heranzukommen. Wie wären sonst die Wolfgang Schoofs zitierten Baufachleute auf die lächerliche Schätzung von nur drei Millionen Euro für den Umbau gekommen – in eine Spielstätte, in der „alles möglich“ sein soll, bis hin zur Oper?

Was mögen wohl vor der Abstimmung über den Kauf der „Heimat“ den Ratsmitgliedern nicht alles für Luftschlösser im Stile von Baron Münchhausen oder Goethes „Reinecke Fuchs“ aufgetischt worden sein, dass keiner auf die Idee kam, es handle sich nur um Spielstätte für Schauspielvorstellungen, sondern folgende Feststellungen trafen:

SPD-Fraktionsvorsitzender Stephan Dose war nach den Berichten in dieser Zeitung vom 15. Dezember 2015 der Meinung, dass mit dem Kauf der „Heimat“ ein deutliches Signal in Richtung Landestheater gesetzt werde, dass die Stadt „Bühnenstandort“ bleiben wolle. Die grüne Ratsfrau Babette Tewes äußerte, man habe nun „die reelle Chance, dem Landestheater eine Spielstätte bieten zu können“. FDP-Ratsherr Jürgen Wenzel zeigte sich zuversichtlich, dass der städtische Anteil an einem Theaterbau von fünf Millionen Euro eingehalten werden könne und CDU-Fraktionschef Holger Ley sprach von einem erschwinglichen Preis.

Wenn jetzt tatsächlich nach dem Umbau der „Heimat“ dort nur Schauspielaufführungen möglich sein sollten, so wäre eigentlich der Kauf unter falschen Voraussetzungen zustandegekommen. Wahrlich kein Ruhmesblatt für die Entscheidungsträger der Stadt!

Entweder haben sich hier Laien an den Kauf einer Immobilie herangemacht, die nicht wussten, dass zu Opernaufführungen ein Orchestergraben gehört – oder es waren Zungendrescher, die einerseits Opernaufführungen versprachen, andererseits aber bewusst die Kosten für einen Orchestergraben unterschlugen, um die „Heimat“ für eine Million Euro kaufen zu können und dann innerhalb des Kostenrahmens von fünf Millionen Euro auch noch zu Lasten der Theater-Einrichtungen wie dem Orchestergraben die Spielstätte für das „Heimat“-Varieté herrichten zu können.

Erschreckend ist auch die Bemerkung von Herrn Dose, wenn es scheitern sollte, die „Heimat“ zu einem Kulturhaus umzubauen, „kann man es wieder veräußern, da besteht kein Risiko“. Wie bitte? Was geschieht dann mit dem Kulturangebot des Landestheaters und der „Heimat“? Soll das dann einfach gestrichen werden, oder soll dann das Gebäude auf die gleiche skandalöse Art wie die Bücherei von der Stadt an Externe verscherbelt werden? Wissen wir doch, dass die Bücherei-Etage in der Moltkestraße für 100  000 Euro verkauft wurde, obwohl sie laut Landesrechnungshof 200  000 Euro wert war. Anschließend hat die Stadt die Etage vom Käufer angemietet und zahlt bis zum Ende der verabredeten Mietzeit 2018 rund 600  000 Euro. Was war das wohl für eine Dilettantentruppe, die das zu Stande gebracht hat? Soll die „Heimat“ auch so abgewickelt werden?

 

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erstellt am 15.Aug.2016 | 07:38 Uhr

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