zur Navigation springen

Mustafa Kayar aus Schleswig-Friedrichsberg : „Ich stimme für Erdogans Reform“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Mustafa Kayar lebt seit vielen Jahren in Schleswig. Er hat viel Verständnis für das Vorgehen des türkischen Präsidenten.

Die Stimmung vor dem Verfassungsreferendum in der Türkei wird von Tag zu Tag aufgeheizter. Wir wollten wissen, wie die in Schleswig lebenden Türken zu den provozierenden Aussagen von Präsident Erdogan stehen. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Alf Clasen gibt Mustafa Kayar, Vorstandsmitglied des türkisch-islamischen Kulturvereins, Antworten. Dabei legt er Wert auf die Feststellung, dass er als Privatperson und nicht im Namen des Vereins spricht.

 

Herr Kayar, werden Sie beim Verfassungsreferendum mit abstimmen?

Ja.

 

Und werden Sie für die von Präsident Erdogan gewünschte Einführung eines Präsidialsystems stimmen?

Ja.

 

Haben Sie keine Angst, dass Erdogan im Falle eines Wahlsieges seine Machtfülle ausnutzen und die Türkei in eine Diktatur führen könnte?

Erdogan wird ja schon seit Jahren als Herrscher oder sogar Diktator bezeichnet. Ich frage mich: Wenn er ein Diktator wäre, der sein Volk unterdrückt – wie kann es denn da angehen, dass er immer wieder mit absoluter Mehrheit gewählt wird? Dann müssten die Wähler doch dumm sein. Es gibt ein Mehrparteiensystem und freie Wahlen. Die Europäer bezeichnen Erdogan als Diktator. Für mich ist er das überhaupt nicht.

 

Wie bewerten Sie denn das, was derzeit in der Türkei passiert? Richter und Beamte werden massenhaft entlassen, die Pressefreiheit immer weiter eingeschränkt. Ist das mit einer Demokratie vereinbar?

Es gibt Medien, die nur darauf aus sind, Erdogan in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Sie sind doch auch von der Presse. Sie dürfen recherchieren, und Sie dürfen auch kritisieren. Aber Sie dürfen niemanden verleumden oder Fake-Nachrichten verbreiten.

 

Ich würde dafür nicht eingesperrt werden.

Wenn wenige Monate vorher in Deutschland ein Putschversuch stattgefunden hätte, dann würden Sie mit Sicherheit auch eingesperrt werden, wenn Sie falsche Nachrichten verbreiten. Und die Richter. Meinen Sie denn, dass die alle sauber sind? Der Putschversuch im vergangenen Jahr hat doch nicht nur mit zwei, drei Mann stattgefunden. Wer nichts auf dem Kerbholz hat, dem passiert auch nichts.

 

Erdogan beschimpft im Wahlkampf Deutsche und Niederländer, holt sogar die Nazi-Keule raus. Ist das für Sie in Ordnung?

Eine Aktion erzeugt immer eine Reaktion. Wenn jemand jahrelang immer als Diktator bezeichnet wird  ...

... kein deutsches Regierungsmitglied hat Erdogan als Diktator bezeichnet.

Wenn ich höre, was ein Özdemir, ein Seehofer oder die Leute von der AfD gesagt haben  ...

 

...  alles keine Mitglieder der Bundesregierung. Finden Sie es also angebracht, dass Erdogan Frau Merkel des Staatsterrorismus bezichtigt?

Vieles hat sich in den letzten zwei Wochen hochgeschaukelt. Ich würde auch sagen, dass nicht jede Äußerung richtig gewesen ist. Aber ich kann nachvollziehen, dass Erdogan sich irgendwann gesagt hat: „Jetzt habe ich die Schnauze voll.“ Ich frage mich, warum er nicht die Chance bekommen soll, hier aufzutreten und mir als türkischem Staatsbürger zu erklären, was es mit dem Präsidialsystem auf sich hat. Was ist denn daran so schlimm? Warum hat man das verboten? Es mischt sich doch niemand in die deutsche Politik ein.

 

Es geht doch darum, dass keine innertürkischen Konflikte in Deutschland ausgetragen werden sollen. Was würden Sie denn sagen, wenn deutsche Politiker in der Türkei Wahlkampf machen würden?

Wenn umgekehrt anderthalb Millionen wahlberechtigte Deutsche in der Türkei leben würden – warum sollten denn nicht auch deutsche Politiker in der Türkei Wahlkampf machen? Da spräche nichts dagegen.

 

Die große Mehrheit in Deutschland ist verärgert über die Beschimpfungen aus der Türkei und lehnt Auftritte türkischer Politiker hierzulande ab. Belastet dieser Konflikt das Zusammenleben von Deutschen und Türken hier in Schleswig?

Ja, die Stimmung ist angespannt. Und wenn ich jetzt sage, dass ich beim Referendum mit „Ja“ stimme, dann bin ich für viele genauso ein Arsch wie Erdogan. Es regt mich auf, dass Leute, die mit Politik eigentlich nichts am Hut haben, immer wieder von „Diktator“ reden.

 

Glauben Sie, dass die Mehrheit der türkischstämmigen Bevölkerung in Schleswig Anhänger von Erdogan ist?

Ja. Bestimmt 80 bis 90 Prozent stehen hinter ihm. Das ist deutschlandweit so.

 

Warum ist Erdogan bei Ihnen so beliebt?

Gucken Sie sich die Entwicklung der letzten 14 Jahre unter Erdogan an. Egal ob Gesundheitssystem, Infrastruktur, oder der Anstieg des Bruttoeinkommens: Der Wohlstand in der Türkei ist unheimlich gestiegen. Was will ich als Bürger denn mehr?

 

Sie leben lange in Deutschland. Würden Sie sagen, dass die Türkei genauso ein Rechtsstaat ist wie Deutschland?

Was man nicht vergessen darf: Deutschland liegt mitten in Europa und ist von allen Gefahren meilenweit entfernt. Die Türkei aber steckt mitten in einem Pulverfass. Syrien, Irak, Iran – rundherum überall Krieg und Terror. Das ist eine völlig andere Situation.

 

Das heißt also, man darf gar nicht so viel Freiheit wie in Deutschland zulassen?

Doch, natürlich. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind.

 

Herr Kayar, wir beide sind ganz offenkundig unterschiedlicher Auffassung, was Demokratie und Meinungsfreiheit bedeuten. Ist das auch Ausdruck dessen, dass die Integration der Türken nicht wie erhofft funktioniert hat?

Ja, die Integration hat nicht geklappt. Ich lebe seit gut 45 Jahren in Deutschland. Aber ich darf noch nicht mal meinen Bürgermeister wählen. Wissen Sie, wie traurig das ist? Hätte man da keine Lösung finden können? Oder nehmen Sie meine Tochter. Die ist hier in Deutschland geboren und mit Deutschen aufgewachsen. Aber als sie 16 Jahre alt wurde, brauchte sie plötzlich eine Duldungserlaubnis. Sie wusste gar nicht, was los war.

 

Hätten Sie sich nicht einbürgern lassen können?

Doch. Aber warum gewährt man mir nicht die doppelte Staatsbürgerschaft? Entweder oder – das ist doch auch nicht demokratisch.

 

Bedauern Sie denn, all die Jahre hier in Schleswig zu leben?

Nein, absolut nicht. Wir haben wunderbare Freunde hier. Ich bin mit Deutschen groß geworden. Nur, in den letzten Wochen ist eben eine gewisse Anspannung entstanden.

 

Wird sich das Verhältnis nach dem Referendum wieder normalisieren?

Es wird sicherlich einige Zeit brauchen. Aber jedes Land hat seine eigene Kultur – und die muss man auch ein bisschen wertschätzen.

zur Startseite

von
erstellt am 17.Mär.2017 | 07:52 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen