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Schleswiger Nachrichten

10. Dezember 2016 | 19:38 Uhr

Sollerup : Hebamme im Rollstuhl: „Ich höre nie auf zu arbeiten“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sandra Luth-Pischel ist Hebamme aus Leidenschaft: Weil sie im Rollstuhl sitzt, fährt ihr Mann sie zu den Einsatzorten.

Sollerup | Sandra Luth-Pischel ist ein Energiebündel. Die freiberufliche Hebamme aus Sollerup ist eigentlich immer in Bewegung, unterwegs zu werdenden oder gerade niedergekommenen Müttern, denen sie bei der Geburtsvorbereitung oder bei den ersten Schritten mit dem Nachwuchs hilft. Seit 25 Jahren versieht Luth-Pischel ihren Dienst mit großer Leidenschaft, seit zwölf Jahren vom Rollstuhl aus. Immer dabei ist ihr Ehemann Bernd Pischel, der seinen Beruf aufgab, damit sie ihren ausüben kann.

Für Luth-Pischel stand schon immer fest, dass sie Hebamme wird – bereits als Kind. „Das ist mein Traumberuf“, sagt die 49-Jährige. Auf die Ausbildung in der Hebammenschule in Kiel folgte eine Festanstellung am damaligen Kreiskrankenhaus in Husum. 1992 wurde ihre erste Tochter geboren. Acht Wochen nach der Geburt ging sie wieder arbeiten. Mit der Geburt ihrer zweiten Tochter 1999 ging sie in Erziehungsurlaub, danach – der öffentliche Dienst macht es möglich – ließ sie sich für die Kindererziehung beurlauben, arbeitete aber freiberuflich weiter.

Ein eingespieltes Team: Hebamme Sandra Luth-Pischel wird von ihrem Ehemann Bernd bei der Ausübung ihres Berufes unterstützt.
Ein eingespieltes Team: Hebamme Sandra Luth-Pischel wird von ihrem Ehemann Bernd bei der Ausübung ihres Berufes unterstützt. Foto: Engelbert

2004 dann der Einschnitt: Durch einen Unfall landete sie mit einer Querschnittslähmung im Rollstuhl. Sich davon unterkriegen zu lassen, kam für die ehemalige Leistungssportlerin überhaupt nicht in Frage. Sie organisierte ihr Leben neu. Eines stand für sie von vornherein fest: „Ich höre nie auf zu arbeiten.“ Sie ließ ihr Auto mit Handgashebel und drehbarem Sitz ausstatten und besuchte weiterhin werdende Mütter. Doch die Einsätze waren beschwerlich und sie brauchte vor allem für das Ein- und Aussteigen in ihr Auto sehr viel Zeit. „Das hätte ich so nicht ewig weiter machen können. Da hätte ich mich in kurzer Zeit verschlissen“, sagt sie.

Das wollte ihr Mann Bernd Pischel nicht mit ansehen. Der heute 48-jährige Kaufmann gab vor fünf Jahren seinen Job auf, um seiner Frau zur Hand zu gehen und sie zu ihren Einsätzen von Enge-Sande in Nordfriesland bis nach Kappeln zu fahren. Dass er, während seine Frau arbeitet, im Auto auf sie warten muss, macht ihm nicht viel aus: „Ich war acht Jahre bei der Bundeswehr. Da musste man auch viel rumsitzen.“ Sie bedankt sich: „Wir können nicht mehr ohne einander. Ohne ihn könnte ich nicht alles machen. Er hat so viel Geduld.“

Ihre Behinderung hält Sandra Luth-Pischel auch nicht davon ab, wie früher regelmäßig angehende und junge Mütter auf den Inseln Pellworm, Nordstrand und Sylt zu besuchen. Und als es erforderlich wurde, ist sie bis nach Holland gefahren, um einer werdenden Mutter beizustehen. Ungeachtet der Querschnittslähmung trieb sie weiter Sport. War es vorher Leichtathletik, so spielte sie nach dem Unfall zunächst Basketball, tanzte und feierte Erfolge auf Landesebene im Tischtennis. Dann ging ihr die Zeit aus, weil sie immer mehr arbeitete. Heute fährt sie Handfahrrad, genießt die Wochenenden auf ihrem Campingplatz und fährt ein eigens umgebautes Kart – wenn es der Job zulässt. Zweimal ist sie Fallschirm gesprungen. Jetzt spart sie auf eine Ballonfahrt.

Als sie vor drei Jahren ihre Arbeit an der Klinik in Husum wieder aufnehmen wollte – sie war immer noch für die Kindererziehung beurlaubt – erhielt sie eine kalte Dusche. „Es hieß, ich sei im Kinderzimmer und im Kreißsaal eine Gefahr“, sagt sie. Dieser Satz sei eine Frechheit. „Das verletzt mich, wenn man so etwas sagt“, sagt Luth-Pischel. Schließlich habe sie in der Zwischenzeit als Hebamme gearbeitet. „Ich hatte alles gemacht. Vorsorgebetreuung und Nachsorgebetreuung, habe Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gegeben.“

Doch auch von diesem Rückschlag ließ sich das eingespielte Team nicht entmutigen und entschied, Sandras Hebammentätigkeit als Familieneinkommen gemeinsam auszubauen. Aktuell werden 38 Mütter betreut.

Dass ihre Art und ihre Kompetenz von den werdenden Müttern sehr geschätzt wird, davon zeugen unzählige, mit Fotos der glücklichen Familien bedruckte Puzzles, Stofftiere, Dankschreiben und sogar ein Pokal. Weil es irgendwann zu viele für ihren Behandlungsraum waren, zieren die Geschenke nun auch schon den angrenzenden Flur.

Manchmal hadert sie mit langen Genehmigungsverfahren für ihre Hilfsmittel. Es habe ein Jahr gedauert, bis das Handgas für ihr Auto genehmigt worden sei. Die abschlägige Entscheidung für einen Zuschuss für einen Bus mit Schlafplatz habe fünf Jahre gedauert. Es seien auch nicht die abschlägigen Entscheidungen selbst, die ihr sauer aufstießen, sondern die häufig nicht nachvollziehbaren Begründungen. „Egal was ich brauche, es wird immer teurer. Und ich brauche alles größer.“

Doch auch damit hält sich die Hebamme nicht lange auf. „Ich will leben. Ich lebe jetzt“, sagt sie. Und trotz 100-prozentiger Schwerbehinderung wolle sie nur in Ruhe arbeiten. „Meine Strafe ist offenbar, ausgebremst zu werden“, sagt sie.

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erstellt am 27.Okt.2016 | 12:50 Uhr

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