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Verspielen im Selbstversuch : „Hast du denn schon mal gewartet?“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Verspielen ist nicht so einfach wie gedacht: Zwei Laien aus der Redaktion haben sich in Kropp unter die Spezialisten gemischt.

Verspielen – eine öde Abendveranstaltung für ältere Menschen, die Plättchen auf eine Karte legen und sich anschließend bepackt mit dicken Fleischpaketen wieder auf den Heimweg machen? Unsere Redaktionsmitglieder Alf Clasen und Gero Trittmaack wollten es genau wissen und meldeten sich zu einer Veranstaltung der Schützengilde Neubörm an, die im Kropper Gasthof Bandholz stattfand. Sie mussten erfahren, dass die Sache mit dem Verspielen längst nicht so einfach ist, wie sie dachten.

Die Karten gibt es bei Volker Ketelsen, dem Vorsitzenden der Schützengilde. Er reicht uns zwei Blätter mit jeweils sechs ausgedruckten Karten. „Das ist Standard“, sagt er, „andere spielen 12 oder sogar 18 Karten gleichzeitig.“ Da wollen wir natürlich nicht zurückstehen, beschränken uns dafür aber auf ein Sonderspiel. Schließlich kostet das Paket auch so schon 23 Euro pro Person.

Mitten im Saal sind noch einige Plätze frei. Um uns herum fast nur Damen. Sie würfeln, um sich die Zeit bis zum Beginn zu vertreiben und haben diverse Glücksbringer mitgebracht. Außerdem Haribo, Pralinen oder After Eight – Nervennahrung. Dann übernimmt Maren Bandholz die Regie. Sie begrüßt die gut 100 Spieler, die meisten sind alte Bekannte, und stellt uns als Presse-Vertreter vor. Das kommt nicht überall gut an. Zwischenruf: „Aber uns nicht die Preise wegschnappen!“ Ich antworte lieber nicht. Ich will nämlich durchaus gewinnen. Auch der Kollege Clasen ringt sich nur ein leises Lächeln ab.

Volle Konzentration: Unsere Redaktionsmitglieder Alf Clasen (li.) und Gero Trittmaack geben alles – und gehen dennoch leer aus.
Volle Konzentration: Unsere Redaktionsmitglieder Alf Clasen (li.) und Gero Trittmaack geben alles – und gehen dennoch leer aus.
 

Dann geht es los. „Ich bin jetzt drei Stunden nicht ansprechbar“, sagt eine Sitznachbarin. 17, 32, 67, 2, 35 ... In mir steigt Hektik auf. Stress. Es geht zu schnell. Die ersten beiden Zahlen habe ich gleich ent- und abgedeckt, mit jeder weiteren gerate ich in Rückstand. Im Zehntelsekundentakt, bis es zu spät ist. Die 72 wird gezogen, dann die 11 – und ich versuche immer noch, die 35 zu finden. Wenig später, ich starre inzwischen nur noch verzweifelt auf meine Karten, kommt das erste „Pott“. Eine ältere Dame hat als erste eine Reihe voll und kassiert als Preis ein Pfund Kaffee und zwei Stücke Butter.

Während ihre Zahlen kontrolliert werden, gibt es einige Sekunden Pause. „Tja, Übung macht den Meister“, sagt Petra Wilmers (46), die mir gegenüber sitzt und meine Nöte beobachtet hat. Sie hat gut reden, seit mehr als 20 Jahren kommt sie regelmäßig aus Büdelsdorf zum Verspielen nach Kropp. Meistens mit ihrer Schwester aus Kiel, aber die kann heute nicht. Und sie spielt immer die selben Karten und weiß im Schlaf, wo ihre Zahlen zu finden sind. Ich weiß inzwischen immerhin, dass meine 88 ganz unten rechts liegt. Aber sonst?

Nach vier Runden übernimmt Monika Naeve das Mikrofon. Sie haut die Zahlen etwas langsamer raus und verschafft mir wertvolle Sekundenbruchteile. Ich komme jetzt besser mit. Zwar flutscht mir immer wieder mal eine Zahl durch, aber seltener. Gewinne aber gibt’s trotzdem nicht. „Alles Glückssache“, tröstet mich Petra Wilmers.

Das aber stimmt nur bedingt. Ich bekomme jetzt fast alle Zahlen mit, bemerke aber in einer Pott-Pause, dass ich so auf das Zahlensuchen und Abdecken fixiert bin, dass ich den Blick für etwas Wesentliches verloren habe: Auch auf einer meiner Karten liegt eine volle Reihe. Und ich habe es nicht bemerkt. Mir rutscht ein harmloser Fluch raus. Die Antwort kommt prompt von der Seite: „Wenn man sich ärgert, ist man dahinter gekommen.“ Nett gemeint, aber so weit bin ich noch lange nicht. Ich hätte nie gedacht, dass mich dieses einfache Spiel derart fordern und sogar überfordern könnte.

Die Regeln

Mitspieler kaufen mindestens eine Karte, auf der in drei horizontalen Zeilen jeweils fünf Zahlen zwischen  1 und 90 zu sehen sind. Der  Spielleiter zieht aus einem Beutel Spielsteine mit Zahlen, die Spieler decken die aufgerufenen  Zahlen auf ihrer Karte ab. Der erste Spieler, der alle Zahlen einer Zeile abgedeckt hat, ruft laut „Pott“ und hat gewonnen.   Das Spiel wird fortgesetzt, weitere Gewinne gibt es für zwei volle Reihen und schließlich für die vollständige Karte. Die Spieler dürfen mit mehreren Karten gleichzeitig spielen.

 

Nach 16 Runden ist Pause. Endlich. Zeit zum Durchschnaufen. Mir ist es keinen Deut besser ergangen als dem Kollegen Trittmaack. Und jetzt wabert auch noch der Duft von Fritten-Fett durch den Saal. Warum tun sich all die Menschen hier das nur an? „Wenn ich mich auf die Zahlen konzentriere, kann ich ganz abschalten“, erklärt Gabriele Nitsche (55) vom Nachbartisch. Sie sitzt sonst im Supermarkt an der Kasse. „Ein sehr stressiger Job.“ Mit ihrer Freundin Andrea Frybe (49) ist sie heute Abend aus Kappeln nach Kropp gekommen. Ein bis zwei Mal in der Woche schalten die beiden ab, indem sie dem Glück nachjagen. Meistens in Süderbrarup oder Schleswig. „Da darf man noch rauchen“, sagt Gabriele Nitsche.

Weiter geht’s. Es klappt schon viel besser mit dem Abdecken. Nur meine Zahlen wollen immer noch nicht so wie ich. „Hast Du denn schon mal gewartet?“, will eine weißhaarige Dame wissen. Ich schüttele den Kopf. Nein, dass mir nur eine Zahl fehlte – das hatte ich immer noch nicht. Aber Mitleid kann ich nun wirklich nicht auch noch gebrauchen.

Aber noch bleibt ja Zeit. Ich erinnere mich an früher. Als Jugendlicher habe ich mal beim Verspielen was gewonnen: zwei Pakete Waschpulver plus Weichspüler. Konnte man da eigentlich von Glück sprechen? Jetzt geht es im wahrsten Sinne um die Wurst. Und die große Chance, sie kommt tatsächlich. Zwei Reihen auf einer Karte sind fast voll, nur die 29 fehlt noch. Die Hände werden feucht. 13, 28, 71 und „das jüngste Kind, die 1“. Ich spüre meinen Puls rasen. 83, 64, neunund  ... Jetzt aber! ...  dreißig. „Pott“ krächzt eine Dame aus der hintersten Ecke des Saals. „Das gibt’s doch gar nicht“, stimme ich in den Chor der Frustrierten ein.

Gesetzliche Regelungen

Seit  2016 gelten in Schleswig-Holstein  neue Vorschriften:

Einige Bedingungen:

 - Die Kosten pro Karte betragen maximal 6 Euro. Zusatzspiele kosten maximal 2 Euro.

  - Gespielt werden mindestens 30 Runden.

  - Wert der Einzelgewinne: bis zu 60 Euro.

  - Ausgespielt werden Lebensmittel, Sachpreise und Gutscheine aus dem Einzelhandel.

  - Das Entgelt (Einnahmen  nach Abzug der Kosten für die Preise) wird  in voller Höhe  für gemeinnützige, kirchliche oder mildtätige Zwecke verwendet.

Feierabend. Nach fast vier Stunden packt meine Tischnachbarin Andrea Frybe ihre Gewinne zusammen: einen Schaufelbraten, eine Mettwurst, Sauerfleisch und einen Supermarkt-Gutschein. Vier Mal durfte sie „Pott“ rufen. „Es lief ganz gut“, findet sie. Aber sie hat ja auch mit zwölf Karten gespielt. Die Spannung hat sich gelöst, alle reden munter durcheinander und schleppen ihre Preise raus. Und wir? Wir sind einfach nur kaputt.

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erstellt am 12.Mär.2017 | 07:23 Uhr

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