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Schleswiger Nachrichten

09. Dezember 2016 | 16:38 Uhr

Nazi-Verdacht in Schleswig : Hakenkreuz-Schild bei Wikingertagen - Blödheit oder Provokation?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Wikinger-Szene diskutiert über ein fragwürdiges Symbol in Schleswig. Schaukämpfer fühlen sich ungerecht behandelt.

Schleswig | Die Debatte um das achtspeichige Hakenkreuz (Kolovrat), das ein Schaukämpfer bei den Wikingertagen auf seinem Schild trug, hat die Wikinger-Szene in Aufregung versetzt. Dabei gehen die Ansichten weit auseinander. Insbesondere einige Darsteller, die in der Arena Seite an Seite mit dem Mann kämpften, der das fragwürdige Symbol zur Schau trug, fühlen sich zu Unrecht in die politisch rechte Ecke gerückt.

An diesem achtspeichigen Hakenkreuz (Kolovrat) spalten sich die Geister.
An diesem achtspeichigen Hakenkreuz (Kolovrat) spalten sich die Geister. Foto: Ove Jensen
 

Zum Beispiel Arnd Graba aus Kiel, der auf Fotos nur wenige Meter entfernt von dem umstrittenen Kämpfer zu sehen ist. Dabei richtet sich sein Zorn weniger auf den Mann mit dem Kolovrat, der seiner Ansicht nach einfach eine historische Bemalung gewählt habe, sondern dagegen, dass das Thema nun öffentlich debattiert wird. „Wir haben schon genug Ärger damit, dass manche Menschen unser Hobby seltsam finden“, klagt Graba. „Dabei bin ich selbst schon auf Anti-Rechts-Demos mit Neonazis aneinandergeraten.“ Er erinnert daran, dass es die Darsteller selbst waren, die entschieden einschritten, als vor gut einem Jahrzehnt rechtsradikale Besucher versuchten, die Wikingertage zu vereinnahmen.

Jan Breede in der „Thorsschmiede“ mit einem slawischen Kinder-Umhang aus seinem Sortiment.
Jan Breede in der „Thorsschmiede“ mit einem slawischen Kinder-Umhang aus seinem Sortiment. Foto: Ove Jensen
 

Grabas Schild stammt von Jan Breede aus der „Thorsschmiede“, dem Geschäft für historische Requisiten innerhalb der Buchhandlung Liesegang. Er glaubt nicht, dass der Mann mit dem Schild eine rechtsradikale Botschaft transportieren wollte. Auch in der Wahl der Farben Schwarz, Weiß und Rot sieht er keine Anspielung auf die Farben des Deutschen Reichs und des NS-Regimes. „Das sind slawische Farben“, sagt er und zeigt ein Kindergewand in denselben Tönen, das er in seinem Sortiment hat. Breede kann lange referieren über die Bedeutung historischer Symbole und darüber, dass Zeichen wie das Hakenkreuz in den unterschiedlichsten Kulturkreisen verbreitet waren, bevor die Nazis es für sich entdeckten.

Und er erzählt vom Hauptfeldwebel-Rangabzeichen der Bundeswehr, das der verbotenen und von den Nazis verwendeten Odal-Rune sehr ähnlich sieht. „Darüber redet niemand“, sagt Breede – und deshalb, findet er, solle man auch dem Kolovrat auf den Wikingertagen keine große Bedeutung beimessen. In seinem eigenen Shop würde er Artikel mit diesem Symbol indes nicht anbieten, sagt er. Die Gefahr, Missverständnisse auszulösen, sei zu groß. Dass einer der Schaukämpfer auf den Wikingertagen es auf seinem Schild trug, wertet er als „Blödheit“ ohne Hintergedanken.

Oder eine raffinierte Platzierung?

Das sehen indes nicht alle Experten so. Karl Banghard, der Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen bei Bielefeld, hat kürzlich eine Broschüre mit dem Titel „Nazis im Wolfspelz“ veröffentlicht, in der er sich mit versteckten Symbolen auseinandersetzt, die Mitglieder der rechten Szene auf Mittelaltermärkten und ähnlichen Veranstaltungen zur Schau tragen. Das Kolovrat zähle „nicht zu den krassesten Symbolen“ der rechten Szene, sondern bewege sich in einer Grauzone. Besonders bei Rechtsradikalen in Osteuropa sei dieses slawische Sonnenrad beliebt. Banghard geht deshalb von einer gezielten Provokation aus: „Man sieht hier, wie raffiniert es läuft, wenn solche Symbole platziert werden sollen.“ Torsten Nagel vom Beratungsnetzwerk gegen Rechtsradikalismus in Schleswig-Holstein gibt zu, dass ihm das Symbol auf den ersten Blick möglicherweise auch nicht aufgefallen wäre.

Der Mann, der mit dem umstrittenen Schild kämpfte, ist nach wie vor nicht identifiziert. Auf Fotos ist er nicht zu erkennen, weil sein Helm das Gesicht verdeckt. Immer wieder stoßen neue Teilnehmer zu den Kämpfern auf den Wikingertagen. „Die Szene ist groß, die Leute kommen aus dem ganzen Bundesgebiet“, sagt Arnd Graba.

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erstellt am 10.Aug.2016 | 07:30 Uhr

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