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Heimat-Serie : Haithabu – Stadt der Wikinger

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Schleswiger identifizieren sich immer stärker mit dem 1000 Jahre alten Erbe ihrer Vorgängersiedlung Haithabu.

Schleswig | Als vor gut 30 Jahren vor den Toren von Schleswig die Planungen für das Museum begannen, in dem die Archäologen ihre Funde aus der Siedlung Haithabu am Ufer des Haddebyer Noores präsentieren wollten, da war es längst nicht ausgemacht, dass dieses Haus einmal den Namen Wikinger-Museum tragen würde. Es würde die historischen Zusammenhänge viel zu sehr vereinfachen, würde man die Bewohner von Haithabu als Wikinger bezeichnen, meinten einige Wissenschaftler damals. Und überhaupt, die Wikinger, waren das nicht alles Raufbolde?

Ganz verstummt sind diese Stimmen bis heute nicht. Aber für viele Schleswiger ist längst klar: Die Wikinger, das sind wir. Kein anderes Thema ist für die Bürger der Stadt in demselben Maße identitätsstiftend. Schließlich ist Schleswig vermutlich in direkter Nachfolge von Haithabu entstanden, als der wikingerzeitliche Handelsplatz vor rund 950 Jahren unterging.

Dies im Gedächtnis zu halten, war lange Zeit das Verdienst der Archäologen im Landesmuseum auf Schloss Gottorf. Doch die Forscher haben die Deutungshoheit über die Wikinger längst verloren. Seit dem vergangenen Jahr nennt sich Schleswig auf dem Briefpapier im Rathaus ganz offiziell „Wikingerstadt“. Die Idee zu diesem Marketing-Gag entstand mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammer in einer Arbeitsgruppe der Schleswiger Gewerbevereine. Dabei funktionieren die Wikinger als Werbeträger schon viel länger. Das von weitem sichtbare Zeichen dafür ist der Wikingturm, das fast 90 Meter hohe achteckige Hochhaus, das vor mehr als 40 Jahren auf einer künstlichen Insel in der Schlei gebaut wurde – und außer seinem Namen mit Haithabu eigentlich nichts zu tun hat. Als Schleswig vor acht Jahren die Landesgartenschau ausrichtete, war das Maskottchen selbstverständlich ein Wikinger.

Stadtmarketing-Chef Rüdiger Knospe war einer der ersten, die daraufhin für den Begriff „Wikingerstadt“ die Werbetrommel rührten. Dabei stieß er durchaus auch auf Widerstände. Aber er überzeugte die Entscheidungsträger in der Kommunalpolitik. „Wenn wir beim Stadtmarketing die Natur, Kultur oder auch den Dom oder das Schloss betonen würden, wird am Ende niemand sagen: Ah ja, das kann nur Schleswig sein“, argumentierte er. Die Wikinger aber, die seien ein Alleinstellungsmerkmal. Mit ihnen ließen sich Emotionen auslösen.


„Die freundliche Kulturstadt“ – ein Slogan funktioniert nicht


Knospe sollte Recht behalten. Dass Schleswig „Wikingerstadt“ ist, das weiß heute fast jeder an der Schlei. Der nun aussortierte alte Schleswig-Slogan „Die freundliche Kulturstadt“ war auch nach Jahrzehnten noch weitgehend unbekannt.

Dabei hat man im Rathaus gar nicht viel getan, um ihre neue Eigenbezeichnung der Stadt mit Leben zu füllen. Das taten die Schleswiger selber. Zum Beispiel eine Initiative mit dem Namen „Bürger machen mit“. Sie beauftragte einen Holzbildhauer damit, eine „Wikingerbank“ zu schnitzen. Das Möbelstück steht nun auf dem Capitolplatz, dem zentralen Platz in der Fußgängerzone. „Wir Schleswiger identifizieren uns schon lange mit den Wikingern“, sagt Mitinitiatorin Bärbel Kahlund. „Dass wir mit der Bank den Nerv unserer Mitbürger getroffen haben, sieht man daran, dass sich jetzt schon Leute die Bank privat nachbauen lassen und zu Hause in den Garten stellen.“ Sie hat das Gefühl, dass sich die Schleswiger deutlich mehr mit den Wikingern identifizieren als noch vor wenigen Jahren.

Als 1986 auf den Königswiesen mitten in der Stadt zum ersten Mal die „Wikingertage“ gefeiert wurden, ging die Initiative dazu noch von offizieller Seite aus. Das Kulturamt in der Stadtverwaltung zog die Fäden und finanzierte die Veranstaltung. An der Spitze des Wikingerdorfes, in dem die Besucher das Leben von vor 1000 Jahren miterleben konnten, stand mit Harm Paulsen ein Gottorfer Museumsmitarbeiter. Heute tragen sich die Wikingertage längst selbst und werden von privaten Veranstaltern organisiert, und zwar nicht mehr wie früher alle zwei Jahre, sondern jährlich.

Wer Wikinger in Aktion erleben möchte, hat dazu inzwischen aber in den Sommermonaten an fast jedem Wochenende Gelegenheit. Harm Paulsen ist zwar längst im Ruhestand und tritt nur noch selten in seiner Wikingerkluft auf, aber er hat zahlreiche Nachfolger gefunden. Man trifft sich nicht nur bei vielen Museums-Aktionen auf dem historischen Gelände von Haithabu, sondern zum Beispiel auch auf einer Freilichtbühne in der Nähe, wo die Laienspiel-Gruppe „Midgaard-Skalden“ jedes Jahr ein neues Theaterstück aus der Welt der Nordmänner aufführt.

Im Winter wird es meistens etwas ruhiger um die Wikinger. Bei Minusgraden ist das harte Leben im frühen Mittelalter dann eben doch nicht ganz so attraktiv. In diesem Winter bleibt sogar das Museum in Haithabu wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

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erstellt am 27.Okt.2016 | 11:13 Uhr

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