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Schleswiger Nachrichten

20. Februar 2017 | 02:50 Uhr

Zu Gast in Schleswig : Gysis Appell an die Gewerkschaften

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Linken-Spitzenpolitiker spricht vor Verdi-Funktionären – und wirbt für ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis.

Gregor Gysi ist ein glänzender Redner, der selbst diejenigen in seinen Bann zieht, die mit ihm politisch nicht überein stimmen. Das hatten vor zweieinhalb Jahren auch die Gäste des Schleswiger Neujahrsempfangs erleben dürfen. Jetzt war der Linke-Politiker wieder in die Schleistadt gekommen – diesmal auf Einladung des Verdi-Bezirksverbandes. „Da sieht man, dass Schleswig nicht Provinz ist, wenn Sie innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal hier sind“, sagte Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Ute Dirks gestern bei der Begrüßung des prominenten Gastes aus Berlin. Der 68-Jährige hatte auf seinem Weg nach Flensburg, wo er am Abend einen Vortrag an der Universität halten sollte, einen gut einstündigen Zwischenstopp eingelegt, um mit 30 geladenen Verdi-Funktionären ins Gespräch zu kommen.

Dabei musste das geplante Hofgespräch aufgrund eines Regenschauers zunächst kurzerhand in ein Flurgespräch umgewandelt werden. Im Gewerkschaftshaus im Domziegelhof sprach der ehemalige Oppositionsführer des Bundestages über den Rechtsruck in Europa, die Notwendigkeit von Volksentscheiden trotz der „Brexit-Katastrophe“ sowie seine Vorstellungen einer gerechteren Politik. „Wenn wir die AfD loswerden wollen“, so Gysis Logik, „müssen wir die CDU in die Opposition schicken.“ Und das gehe nur in einem Bündnis aus SPD, Grünen und Linkspartei. „Hier fehlt mir der Druck aus den Gewerkschaften“, wandte er sich eindringlich an seine Zuhörer und fragte: „Wollt Ihr denn weiter die große Koalition haben?“

Natürlich wisse er um die Schwierigkeiten, eine rot-rot-grüne Koalition hinzubekommen, sagte Gysi, der im vergangenen Oktober den Fraktionsvorsitz bei den Linken niedergelegt hatte. Doch Kompromisse seien möglich, selbst bei einem heiklen Thema wie den Waffenexporten. Er könne damit leben, wenn Waffen zumindest nicht mehr in Krisengebiete geliefert würden. Vor allem aber gelte es, prekäre Beschäftigung und Altersarmut zu beenden sowie mehr Steuergerechtigkeit zu schaffen.

„Unsere Ziele stimmen mit Ihren überein“, stellte Ute Dirks im Anschluss an Gysis Rede fest. „Wir wollen auch keine prekäre Beschäftigung, keinen Niedriglohnsektor und keine starke AfD.“ Und als Tische und Bänke wieder nach draußen getragen und das Flurgespräch zu einem Hofgespräch gemacht worden war, platzierte die Gewerkschaftsfunktionärin noch ein Thema, das nicht nur ihr, sondern vielen Schleswigern derzeit auf den Nägeln brennt: die Arbeitsbedingungen im Helios-Krankenhaus. Der Organisationsgrad der Klinik-Belegschaft sei mit 80 Prozent nicht von ungefähr „phänomenal“ hoch, so Dirks. Sie forderte, dass eine gesetzliche Personalbemessung im Kliniksektor eingeführt werden müsse – und stieß damit bei Gysi auf offene Ohren. Privatisierungen im Gesundheitswesen und überhaupt in der öffentlichen Daseinsvorsorge seien „völlig falsch“, betonte er. Pflegekräfte würden wie auch Erzieherinnen „grauenhaft schlecht“ bezahlt.

Klare Vorstellungen hat Gysi auch davon, wie die EU gerettet werden kann. So mahnte der Linkspolitiker einen Marshallplan für die südlichen Länder an. Zugleich drückte er seine Angst vor der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr in Frankreich aus: „Wenn Marine Le Pen gewählt wird, dann ist die EU mausetot“, meinte er mit Blick auf die Vorsitzende der rechtsextremen Front National.

Als ein Verdi-Funktionär Gysi fragte, ob die nächste Bundespräsidentenwahl vielleicht ein Vorgriff auf das von ihm angestrebte rot-rot-grüne Bündnis werde und er schon einen geeigneten Kandidaten wisse, antwortete dieser zurückhaltend. Ja, ein gemeinsamer Kandidat wäre ein „richtiges Signal“ und er wisse auch einige, die für den Posten infrage kämen. „Aber schon weil er hier ist, kann ich keine Namen nennen“, sagte er schmunzelnd mit Fingerzeig auf den SN-Reporter.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 07:48 Uhr

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