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Schleswiger Nachrichten

08. Dezember 2016 | 11:00 Uhr

Schleswig/Flensburg : „Gott sei Dank ist noch nichts passiert“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Lotse schlägt Alarm: Im Kreisgebiet sind Flüchtlinge ohne gültige Fahrerlaubnis unterwegs. Die Polizei verzeichnet keine Auffälligkeiten

Flüchtlingslotse Claus Hansen (Name geändert) macht sich große Sorgen. Unlängst, als er mit dem Auto unterwegs war, hat er eine seiner Betreuten auf dem Fahrrad getroffen. Sie fuhr auf der Landstraße links, wie es hierzulande Fußgänger tun sollten, nicht aber Radfahrer. Dies, so Hansen, habe ihm gezeigt, dass die Frau keine Ahnung von den deutschen Verkehrsregeln habe und deshalb sich und andere in Gefahr bringe. Diese Unkenntnis allein sei schon beunruhigend genug, findet Hansen, aber er hat auch festgestellt: „Flüchtlinge fahren Auto und haben gar keine gültige Fahrerlaubnis.“

Viele Flüchtlinge hätten zwar einen Führerschein in ihrer Heimat gemacht. Von den hier herrschenden Gepflogenheiten hätten die meisten jedoch kaum eine Ahnung. Er habe die von ihm betreuten Flüchtlinge schon häufig auf die Problematik angesprochen, dies sei aber auf wenig Resonanz gestoßen. „Gott sei Dank ist noch nichts passiert“, sagt Hansen, dem inzwischen der Kragen geplatzt ist. Er habe einen seiner unbelehrbaren Schützlinge bei der Polizei angezeigt. Die Gefahr, dass einmal etwas Schreckliches passiert „und es den Ausländern insgesamt in die Schuhe geschoben wird“, sei einfach zu groß. Hansen fordert nun, dass der Kreis eine Belehrung über die Rechte und Pflichten im Straßenverkehr in sein Begrüßungspaket für neu ankommende Flüchtlinge integriert.

Dass seine ausländischen Fahrschüler mit dem eigenen Auto zum Unterricht kämen, obwohl sie keine gültige Fahrerlaubnis haben, ist Fahrschulinhaber Bodo Schnoor (51) aus Jübek nicht bekannt. Er unterrichtet derzeit einmal in der Woche sieben Flüchtlinge aus dem Kreisgebiet in Theorie und Praxis für den Erwerb der deutschen Fahrerlaubnis. Die meisten dieser Schüler stammen aus dem Iran. Deren im Heimatland erworbene Führerscheine sind in Deutschland ein halbes Jahr lang gültig. Nach 185 Tagen im Land ist die Umschreibung des ausländischen Führerscheins in eine deutsche Fahrerlaubnis erforderlich. Dazu muss der Flüchtling eine theoretische und eine praktische Prüfung absolvieren. Eine Ausbildungspflicht, also die Teilnahme am Theorie-Unterricht und das Absolvieren von Fahrstunden, besteht allerdings nicht. Die ausländischen Fahrschüler nehmen freiwillig am Unterricht teil und zahlen dafür selbst.

Die Vorbereitung auf die Prüfungen sei angesichts beschränkter Deutschkenntnisse nicht immer einfach, sagt Schnoor. „Es geht mit Händen und Füßen, und die, die besser Deutsch können, übersetzen.“ Gegenüber einheimischen Fahrschülern gebe es schon den einen oder anderen Unterschied. „Man muss ihnen deutlich machen, dass hier in 30er-Zonen wirklich 30 gefahren wird und an Stoppschildern auf jeden Fall angehalten wird“, sagt Schnoor. Der Fahrlehrer bemängelt allerdings die 185-Tage-Regelung: „Ich verstehe nicht, wieso sie innerhalb des ersten halben Jahres frei herumfahren dürfen, und nach Ablauf der Frist ist das plötzlich Fahren ohne Fahrerlaubnis.“

Bei der Polizei ist bislang nicht aktenkundig, dass Flüchtlinge oder Asylbewerber besonders häufig ohne Führerschein unterwegs sind. Vom 1. Januar bis heute seien in der Polizeidirektion Flensburg 22 Strafanzeigen wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis gefertigt worden, bei denen der beschuldigte Fahrer ein Flüchtling oder Asylbewerber war, sagt Polizeisprecherin Franziska Jurga. Zum Vergleich: Die Beamten der Polizeidirektion Flensburg, zuständig für die Kreise Schleswig-Flensburg, Nordfriesland und die Stadt Flensburg, hätten im Laufe des Julis insgesamt 70 Anzeigen wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis geschrieben. Zu den Nationalitäten der Betroffenen könne sie keine Angaben machen, so Jurga weiter.

Auch bei der Führerscheinstelle des Kreises wird das vermehrte Fahren ohne Führerschein von Flüchtlingen bislang nicht als Problem eingeschätzt. „Es ist bei uns im Kreis kein Brennpunkt. Die Vorkommen sind bislang nicht auffällig“, sagt Kreissprecherin Martina Stekkelies. Die Willkommensstelle habe aber die Idee aufgenommen, auf Fragen des Verkehrsrechts und des richtigen Verhaltens im Verkehr künftig einzugehen. Dies könne entweder als Bestandteil in das Willkommenspaket aufgenommen oder im Rahmen eines der anderen Programme als Informationspunkt angeboten werden.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 12:00 Uhr

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