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Schleswiger Nachrichten

10. Dezember 2016 | 13:53 Uhr

Zweitliga-Fussballer als Zeuge : Gerichtssaal statt Mannschaftstraining

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ranisav Jovanovic schickt den Controller seiner Spielekonsole zur Reparatur nach Schleswig – und bekommt ihn nicht zurück. Das Amtsgericht spricht den Empfänger frei.

So richtig glücklich verlief die vergangene Saison für den Fußballprofi Ranisav Jovanovic nicht. Für den SV Sandhausen schoss der Mittelstürmer zwar insgesamt sechs Tore in der Zweiten Bundesliga, sein Vertrag wurde trotzdem nicht verlängert. Mit seinen 35 Jahren sei er zu alt, um mit ihm die Zukunft zu planen, meinten die Vereinsbosse. In der neuen Saison wird Jovanovic – der 44 Bundesliga-Spiele und zwei Tore für Mainz 05 auf dem Konto hat – deshalb nur noch in der Dritten Liga auflaufen, für den FSV Frankfurt.

Und dann noch die Sache mit seiner Spielekonsole. Da war der Controller kaputt, also das Steuergerät. Ein großes Problem, denn bekanntlich kann kaum ein Fußballprofi seine Freizeit ohne funktionierende Konsole vernünftig gestalten. So kam es, dass sich Ranisav Jovanovic jetzt für mehrere Stunden in einen Zug in Richtung Norden setzte, um einen Termin vor dem Schleswiger Amtsgericht wahrzunehmen. Dafür verpasste er das letzte öffentliche Mannschaftstraining vor dem Saisonstart, der ihn am morgigen Sonnabend wieder in den Norden führen wird – zum Auswärtsspiel bei Holstein Kiel.

Die Buchmacher sehen Jovanovics Frankfurter dort als Außenseiter. Die Sache könnte für den 1,92-Meter-Mann also ähnlich ausgehen wie die Gerichtsverhandlung in Schleswig – mit einer herben Enttäuschung. Richterin Anna Gansel wünschte ihm zum Abschied zwar „viel Glück beim Spiel“. Das Urteil aber lautete ganz anders, als Jovanovic es sich vorgestellt hatte. Der Mann, den er wegen Unterschlagung angezeigt hatte, wurde freigesprochen.

Aber der Reihe nach: Im August vergangenen Jahres erlebte der Stürmer beim Daddeln an seiner Playstation einen Schock: Der Controller funktionierte nicht mehr. Dabei war es das hochwertigste und teuerste Modell, das auf dem Markt erhältlich ist. Jovanovic ging ins Internet – und auf E-Bay-Kleinanzeigen fand er jemanden, der anbot, das Gerät für wenig Geld zu reparieren. Man schrieb ein paar Nachrichten hin und her, und dann packte Jovanovic seinen Controller ein, legte 25 Euro in bar für Reparatur und Rückporto bei und schickte das Päckchen nach Schleswig. Der Empfänger war ein 24-jähriger Koch-Lehrling, mehrfach vorbestraft wegen Sachbeschädigung, Diebstahl, Vergewaltigung und weiterer Delikte.

Was dann geschah, da gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls hat der Fußballprofi sein Gerät bis heute nicht wiederbekommen. Nachdem er über Wochen mehrmals nachgefragt hatte, schaltete er schließlich die Polizei ein. Die Sache ging an die Staatsanwaltschaft in Flensburg, und die erhob Anklage gegen den Koch-Lehrling. Denn Jovanovic war nicht der einzige, der seinen Controller vermisste. Einem Studenten aus Osnabrück war genau dasselbe geschehen. Auch er war nun nach Schleswig gereist, um vor dem Amtsgericht als Zeuge auszusagen.

Für die Staatsanwaltschaft war die Sache klar: Die Aussagen der beiden Playstation-Spieler waren glaubhaft, der Angeklagte zu einer Bewährungsstrafe von zwei Monaten zu verurteilen.

Richterin Gansel sah das anders. Sie sprach den jungen Schleswiger frei. Es sei nicht gänzlich auszuschließen, dass die Controller auf dem Postweg verloren gegangen seien. Zwar hatte der Angeklagte keine Belege dafür, dass er die Pakete abgeschickt hatte. Aber im Strafprozess müsse nun einmal niemand seine Unschuld beweisen, sondern es gehe umgekehrt darum, einem Täter seine Schuld zweifelsfrei nachzuweisen. Das sei in diesem Fall nicht gelungen.

Eine andere Frage ist, ob der Koch-Lehrling den Eigentümern den Wert der verlorenen Controller – jeweils rund 100 Euro – ersetzen muss. Darüber entscheidet nicht das Strafgericht. Der Fußballer und der Student könnten den Mann vor dem Zivilgericht auf Schadenersatz verklagen – und dann vielleicht noch einmal nach Schleswig reisen.

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erstellt am 29.Jul.2016 | 14:00 Uhr

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