zur Navigation springen

Schleswiger Nachrichten

03. Dezember 2016 | 07:44 Uhr

Bethesda Kropp : Fußballspielen gegen die Langeweile

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Dreimal pro Woche kicken 22 Afghanen, Syrer und Kurden auf dem Gelände des TSV Kropp – was noch fehlt, ist ein richtiger Trainer.

Das Posieren in ihren roten Trikots hat sie schon drauf, nun will die Fußballmannschaft „Bethesda“ – benannt nach dem Haus, in dem die meisten der insgesamt 22 afghanischen, syrischen und kurdischen Kicker in Kropp wohnen – auf dem Platz durchstarten. Erst seit drei Monaten sind sie als Team zusammen. Die Idee dazu hatte der 17-jährige Reza Amini, der anfangs zum Spaß mit seinen Cousins in Kropp Fußball spielte. Doch jetzt „wollen wir eine offizielle Mannschaft werden“, sagt der gebürtige Afghane, der mit seiner Familie seit über drei Jahren in Deutschland lebt.

Den ersten Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel haben sie getan: Fast alle Spieler tragen neue Trikots mit ihrem Namen drauf und Fußballschuhe, die Reza Amini gebraucht über das Internet gekauft hat. Hinzu kommen Bälle, Torwarthandschuhe und Hütchen für das Training. Die Finanzierung war schwierig. Da die meisten der Kicker noch keine anerkannten Flüchtlinge sind, dürfen sie nicht arbeiten und haben nur wenig Geld. „Jeder hat gegeben, was er konnte“, erklärt Reza Amini. Das waren zehn, 15 oder wie in seinem Fall 100 Euro, die er beim Zeitungsaustragen verdient hat. Da das nicht reichte, sind sie zu Nachbarn und Bekannten in Kropp gegangen und haben um Spenden gebeten. Zudem erhielten sie im Rathaus 400 Euro von Bürgermeister Stefan Ploog.

Da Reza Amini nicht nur Gründer der Mannschaft ist, sondern zugleich ihr Kapitän und Trainer, hat er die Verteilung der Nummern persönlich übernommen und sich selbst die Sieben gegeben – da ist die Frage nach dem Vorbild überflüssig. „Wenn wir unter uns spielen, ist jeder ein Ronaldo“, sagt er dann auch selbstbewusst. Doch in ihrem ersten Spiel gegen den TSV Kropp, auf dessen Gelände sie inzwischen dreimal die Woche trainieren, seien seine „Jungs“ nervös gewesen. Das Spiel ging sechs zu zwei verloren.

Um besser zu werden, brauchen sie Hilfe. „Wir suchen einen guten Trainer“, sagt er. Dieser müsste ehrenamtlich im Einsatz sein, „zahlen können wir nichts“. Eventuell hilft der TSV Kropp personell aus. „Das steht aber noch nicht fest“, meint er – und selbst wenn, könnte es noch dauern. Bis dahin bereitet er seine Mitspieler auf deutsche Kommandos vor, denn einige von ihnen sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland und können nicht viel mehr als „Moin“ sagen. „Links“, „rechts“, „Flanke“, „Torwart“ oder „Schuss“ verstehen aber inzwischen alle. Die restliche Verständigung erfolgt auf Persisch. Trotz unterschiedlicher Herkunftsländer „sind sich unsere Sprachen sehr ähnlich“, sagt Reza Amini.

Viele der Spieler zwischen 16 und 36 Jahren haben schon in ihren Heimatländern Fußball gespielt. Bis zu drei Jahre lang leben sie bereits in Deutschland, aber meist ohne ihre Familien. Viel mehr als einen vierstündigen Deutschkurs in der Woche hätten sie nicht zu tun, so der Kapitän, der wie drei weitere Spieler zur Schule geht und nächstes Jahr Abitur machen wird. Das führte dazu, dass „die Jungs viel Alkohol getrunken und geraucht haben“, sagt er. Dadurch hatten sie keine Kondition und konnten nicht lange laufen. Doch seitdem sie regelmäßig trainieren, verbessert sich nicht nur ihre Fitness, sondern „sie trinken auch viel weniger“, freut er sich.

Ein anderes Problem dagegen gibt es dagegen noch: Nicht allen Männern fällt es leicht, Kommandos von dem 17-Jährigen anzunehmen. „Manchmal ist es ihnen peinlich“, meint Reza Amini und nennt ein Beispiel: „Wenn ein Spieler wechsel soll, will er nicht gehen.“ Daran müssten sie noch arbeiten. Viel Zeit bleibt nicht, das nächste Spiel hat er schon in Planung. Der Gegner soll aus Schleswig kommen.



zur Startseite

von
erstellt am 28.Jul.2016 | 07:32 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen