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Schleswiger Nachrichten

11. Dezember 2016 | 11:02 Uhr

Jugendanstalt Schleswig : Für das Leben nach dem Knast: Wie jugendliche Häftlinge eine Zukunft bekommen

vom

Max und andere Gefangene verbringen Teile ihrer Jugend hinter Gittern. In Schleswig bekommen sie trotz allem eine Chance.

Schleswig | An der Kochinsel klappern Suppenkellen gegeneinander. Mit einem großen Löffel rührt Max daneben eine Zucchini-Hack-Pfanne. Vor dem Fenster wachsen Kartoffeln, doch dahinter endet die Normalität. Eine mehrere Meter hohe Betonmauer versperrt den Blick - und Lehrling Max, der eigentlich anders heißt, ist kein gewöhnlicher Auszubildender. Wegen einer Gewalttat wurde der 19-Jährige zu vier Jahren Haft verurteilt, zwei hat er in der Jugendanstalt Schleswig bereits abgesessen.

Das Jugendgefängnis in Schleswig.
Das Jugendgefängnis in Schleswig. Foto: dpa
 

Wenn Max raus kommt, könnte er als Fachkraft im Gastgewerbe auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein. „Aktuell können entlassene Gefangene mit Ausbildung vom allgemeinen Fachkräftemangel profitieren“, heißt es etwa aus dem brandenburgischen Justizministerium. In Berlin, Bayern, Baden-Württemberg und den anderen Bundesländern können geeignete junge Straftäter aus teils dutzenden Ausbildungsgängen wählen oder berufsvorbereitende Klassen besuchen, die Abbrecher-Quoten sind oft gering. „Besonders in Handwerksberufen“, so die Bundesarbeitsagentur, „sind die Übernahmemöglichkeiten gut“. Doch dies hänge auch von der Art der Ausbildung, der Region und der Motivation des Entlassenen ab.

Ob Max und die anderen bundesweit rund 5000 Gefangenen im Jugendvollzug jedoch Chancen auf ein geregeltes Berufsleben haben, liegt auch am Bundesland. Strafvollzug ist seit 2006 Ländersache - und wie sie ihre Gefangenen auf das Leben danach vorbereiten, ist unterschiedlich. In Schleswig-Holstein gibt es seit Juni ein Übergangsmanagement, das auf Netzwerke von Vollzug, Arbeitsagentur und Verbänden setzt. „Alles sinnvoll“, sagt Kriminologe Bernd Maelicke vom Deutschen Institut für Sozialwirtschaft zu den Übergangsprojekten der Länder.

Im Rahmen eines Ausbildungsprojekts werden in der Jugendanstalt Schleswig jugendliche Häftlinge auf eine spätere Berufsausbildung vorbereitet und auch ausgebildet.
Im Rahmen eines Ausbildungsprojekts werden in der Jugendanstalt Schleswig jugendliche Häftlinge auf eine spätere Berufsausbildung vorbereitet und auch ausgebildet. Foto: dpa
 

Doch es fehle bundesweit an einer dauerhaft-engen Begleitung, besonders im nicht-staatlichen Bereich. Wie die aussehen kann, zeigt das Projekt „Resozialisierung und soziale Integration“ (Resi). In einem Modellversuch erhielten aus der Haft entlassene Jugendliche in Köln einen Sozialarbeiter, der in Krisen und auch Alltagssituationen außerhalb üblicher Dienstzeiten und am Wochenende nur für sie da war. Zu ihren Betreuern bauten die 14 bis 17-Jährigen belastbare Beziehungen auf, sie nannten sie „Buddys“.

Maelicke fordert eine intensivere Betreuung der jungen Straftäter nach der Haft. Aktuell habe er Resi der Justizbehörde Hamburg vorgeschlagen, freie Träger stünden zeitnah bereit. „Das würde den Staat sogar entlasten“, sagt er. „Die Betreuung kostet pro Jugendlichem 8300 Euro pro Jahr, ein Haftplatz 40 000 - und vor allem sinkt die Kriminalität.“ Der Universität Lüneburg zufolge wurden von den Resi-Teilnehmern tatsächlich nur 13 Prozent rückfällig, im Jugendvollzug sind es sonst bis zu 70 Prozent.

Auch Max gehört zu dieser Rückfallstatistik. Er sitzt bereits das dritte Mal. Zuletzt war er wegen versuchten Totschlags angeklagt, verurteilt wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung. „An die Tat habe ich keine Erinnerung“, sagt er. Doch hätte Max' kriminelle Karriere, die mit Schlägereien begann, mit besserer Resozialisierung gestoppt werden können? Ehe sie sich zu Autodiebstahl, Einbrüchen und der jüngsten Gewalttat auswuchs?

Gerade vor diesem Hintergrund sei eine nachhaltige Begleitung wichtig, sagt der Lüneburger Kriminologe Hans-Joachim Plewig, der Resi untersucht hat. „Erfolgreich, aber gescheitert“ lautet sein Fazit, nachdem bislang kein Bundesland das Modell nach dem Ende 2012 dauerhaft übernommen hat. „Das zarte Pflänzchen Berufsausbildung ist schnell verblüht, wenn die Begleitung Übergang in den neuen Alltag fehlt“, hält der Jura-Professor dagegen und fordert flächendeckend „Buddys“.

Max ist fest entschlossen, es nicht noch mal soweit kommen zu lassen. „Die Ausbildung ist ein großer Schritt. Habe mir fest vorgenommen, es draußen anders zu machen, Geld verdienen, was von der Welt sehen“, sagt er.

Vor einigen Monaten hat Redakteurin Mira Nagar die Jugendarrestanstalt in Neumünster besucht. Die Jugendlichen dort haben ihr ihre Geschichte erzählt. Nachzulesen sind sie hier.

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erstellt am 28.Sep.2016 | 19:05 Uhr

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