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Schleswiger Nachrichten

07. Dezember 2016 | 21:16 Uhr

Fussball-Turnier im Gefängnis : Faire Spiele hinter Gittern

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der „Anstoß-Cup“ Schleswig-Holstein fand gestern zum dritten Mal in der Schleswiger Jugendanstalt statt.

Am Anfang habe es sich schon ein wenig beklemmend angefühlt, gibt Lasse Löwe offen zu. „Ganz ehrlich: Wenn man hier morgens vorfährt, die hohe Mauer, die verriegelten Türen und die Gitter vor den Fenstern sieht, dann fragt man sich schon, was hier wohl auf einen wartet.“ Das mulmige Gefühl hat sich allerdings schnell verflüchtigt, spätestens als endlich der Ball rollt. „Dann geht es nur noch um Fußball. Da ist es völlig egal, wo und gegen wen man spielt.“

Lasse Löwe gehört zu einer Mannschaft des Berufsbildungszentrums Kappeln (ein Teil des Schleswiger BBZ), die gestern an einem etwas anderen Fußballturnier teilnimmt – und zwar beim „Anstoß-Cup“ in der Schleswiger Jugendanstalt. Dort treten insgesamt sechs Teams gegeneinander an: drei Mannschaften, die sich aus Insassen des Gefängnisses zusammensetzten, eine Gastmannschaft von der Jugendanstalt in Neustrelitz sowie zwei Teams von „Draußen“, die Jungs vom BBZ sowie ein Team des TSV Friedrichsberg.

Es ist bereits das dritte Mal, dass das Turnier auf dem Hartgummiplatz inmitten der Anstalt über die Bühne geht. Initiator ist die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußballbundes. Deren Projekt „Anstoß für ein neues Leben“ hat das Ziel, jungen Strafgefangenen Unterstützung bei der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung zu geben. Neben der regelmäßigen Teilnahme an Sportangeboten im Gefängnis müssen die Jugendlichen dabei auch sogenannte berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen während ihrer Haftzeit absolvieren. Erst wenn beides erfüllt ist, darf man an dem Projekt – und damit an dem Turnier – teilnehmen.

Das wiederum wissen viele der jungen Männer durchaus zu schätzen. „Dass wir hier mitmachen dürfen, ist uns allen schon sehr wichtig“, betont dann auch Rocco. Der 20-jährige Lübecker sitzt wegen „mehrerer Gewaltdelikte“, wie er sagt, eine fast dreijährige Haftstrafe in Schleswig ab. Der Fußball helfe ihm dabei, diese Zeit herumzukriegen. „Das ist ein Extra für uns. Sobald man Scheiße baut, kann man auch ganz schnell wieder aus der Mannschaft fliegen. Aber das will keiner“, sagt er. Wie viele andere seiner Kollegen kommt er gestern auch mit den Jungs ins Gespräch, die an diesem Tag nur zu Gast sind im Gefängnis. Dazu gehören auch Jason Helbig und Marcel Nasser. Die beiden 20-Jährigen spielen für den TSV Friedrichsberg und waren schon mehrfach bei Turnieren in der Jugendanstalt dabei. „Da legt man irgendwann die Scheu ab. Die Leute hier sind offen, erzählen uns auch, warum sie im Knast sitzen. Ich denke, jeder baut mal Scheiße – und jeder verdient eine zweite Chance“, sagt Marcel Nasser, und sein Team-Kollege fügt an: „Wir wollen hier alle Fußball spielen. Das klappt sehr gut – und äußerst fair.“

Fairness und sportlicher Ehrgeiz: Diese Werte betonen mit Blick auf das Projekt auch Anne Damberg, Leiterin der Jugendanstalt, und Sportkoordinator Lars Weis. „So kommen die Jungs mal aus dem normalen Vollzugsalltag raus“, sagt Weis, der auch an diesem Tag wieder von Markus Nahs unterstützt wird. Der Betreuer des TSV Friedrichsberg kommt seit drei Jahren jeden Freitag in das Gefängnis und trainiert einige der Jugendlichen. Mehrere seiner Ex-Schützlinge spielen jetzt, nach ihrer Haftzeit, sogar im Verein. „Auch das ist ein Ziel dieser Arbeit“, sagt Nahs, der für dieses Engagement Lob von höchster Stelle bekommt. „Was der TSV hier seit Jahren in der Jugendanstalt leistet, kann sich sehen lassen. Respekt“, sagt Hans-Ludwig Meyer. Der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes ist wie Justizministerin Anke Spoorendonk extra zur Siegerehrung nach Schleswig gekommen. „Fußball als Volkssport Nummer 1 hat eine große Kraft. Deswegen unterstützen wir das ,Anstoß‘-Projekt sehr gerne“, sagt Meyer.

Den Siegerpokal nehmen am Ende übrigens die Jungs vom BBZ mit nach Hause, Platz 2 geht an Neustrelitz. Einen Sonderpreis bekommt einer der Schleswiger Insassen. Er hatte an einem Programm zur Schiedsrichterausbildung teilgenommen – offenbar mit Erfolg, wie er gestern beweist.

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erstellt am 10.Sep.2016 | 13:45 Uhr

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