zur Navigation springen

Schleswiger Nachrichten

10. Dezember 2016 | 15:47 Uhr

Schleswig : Ende eines Traditionsbetriebs

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

1952 war Alfred Wriedt der erste Renault-Händler in ganz Schleswig-Holstein – jetzt haben die letzten Fahrzeuge das Autohaus verlassen.

Noch bis vor wenigen Tagen sah von außen alles nach heiler Welt aus: Wer über die Flensburger Straße fuhr, sah in der Ausstellungshalle des Autohauses Wriedt die aktuellen Renault-Modelle, der Twingo, der Clio, der Mégane. Dabei waren in der Werkstatt auf der anderen Straßenseite die Lichter schon längst erloschen. Firmenchef Michael Wriedt schließt die Türen zu seinem Büro nur noch selten auf. Was nun aus der Immobilie wird, ist noch offen. In die Tür hat er zwei A4-Zettel gehängt, mit denen er Besucher an die Renault-Händler in Flensburg, Eckernförde, Eggebek und Rabenkirchen-Faulück verweist. Viele Stammkunden hatte er persönlich angerufen, um sich zu verabschieden.

Schon im Frühjahr musste Wriedt Insolvenz anmelden. Seit dem Sommer ruht der Betrieb. Die meisten seiner zuletzt sieben Angestellten haben inzwischen neue Arbeitsplätze gefunden. Er selbst ist noch auf der Suche. „Ich bin eindeutig noch zu jung für den Ruhestand.“

Es fällt ihm nicht leicht, über das bald abgelaufene Jahr zu sprechen. Wriedt wurde vor 56 Jahren in eine Renault-Familie hineingeboren. Sein heute 88-jähriger Vater Alfred hatte das Unternehmen 1952 gegründet, an demselben Standort an der Hühnerhäuser-Kreuzung, an dem es sich bis zuletzt befand. Wriedt war damals ein Pionier. Er war der erste Renault-Händler in Schleswig-Holstein und einer der ersten in ganz Norddeutschland.

1993 übernahm Sohn Michael den Betrieb. Die besten Zeiten, meint er im Nachhinein, waren da schon vorbei. „Das waren die sechziger und siebziger Jahre.“ Die Zeit des legendären Kleinwagens R  4.

Wann genau der Niedergang begann, das vermag Wriedt nicht zu sagen. „Es war ein schleichender Prozess, der sich über Jahre hinzog.“ Die Situation in der Branche sei allgemein nicht einfach, meint er. Wie in vielen anderen Lebensbereichen auch, hat das Internet vieles durcheinandergewirbelt. „Natürlich haben auch wir unsere Wagen in den einschlägigen Online-Portalen annonciert“, sagt Wriedt. Aber auch in anderen Bereichen sei die neue Konkurrenz spürbar gewesen. „Da hat zum Beispiel mal jemand angerufen und sich nach den Bestellnummern für zehn Original-Ersatzteile erkundigt und ganz offen gesagt, dass er die braucht, um sie im Internet günstig zu ordern.“

Um Vertragshändler zu bleiben, hätte Wriedt in absehbarer Zeit erhebliche Summen in den Betrieb investieren müssen. Von der deutschen Renault-Zentrale, das wird deutlich, fühlt sich Wriedt im Stich gelassen. „Ich habe mitgeteilt, dass ich den Betrieb aufgebe, aber es hat sich daraufhin niemand von denen bei mir gemeldet.“ Auf Nachfrage der SN, wie Renault mit der Situation umgeht, in Schleswig nicht mehr mit einem Händler vertreten zu sein, kommt von der deutschen Renault-Pressestelle nur ein Satz: „Wir bedauern das, sehen uns in der Region aber grundsätzlich gut aufgestellt.“

Mit dem Werkstattbereich war Wriedt bis zuletzt direkt an die Renault-Zentrale in Brühl bei Köln angeschlossen. Der Neuwagen-Verkauf aber lief schon seit Jahren über den regionalen Haupthändler Süverkrüp in Kiel. Von dort wurden jetzt auch die letzten Fahrzeuge abgeholt, die bis vor Kurzem noch in der Ausstellungshalle standen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert